Ausstellungshallen Das große Messen


In Deutschland werden zu viele Ausstellungshallen gebaut. Schon jetzt stehen die meisten überwiegend leer. Den Irrsinn finanzieren die Steuerzahler. Notizen eines absurden Wettrüstens.
Von Axel Hildebrand und Niels Kruse

Das Parkhaus wird spektakulär über der A 8 schweben, gut 400 Meter lang, in 10 Meter Höhe. Dazu bekommt es eine eigene Autobahnauf- und -abfahrt. Und das Dach? Begrünt und begehbar! "Alles einzigartig", schwärmt PR-Mann Hans Lange.

Deutschlands größte Baustelle ist zurzeit in Stuttgart zu bestaunen, gleich neben dem Flughafen. Dort werden auf 100.000 Quadratmetern die neuen Messehallen gebaut. Das Projekt ist ambitioniert - und umstritten. Es kann gute PR gebrauchen. Für schlechte Stimmung sorgen etwa die exorbitanten Kosten in Höhe von 806 Millionen Euro, den größten Teil davon finanziert der Steuerzahler.

Die Stuttgarter Baulöwen sind nicht die einzigen Messe-Erneuerer in Deutschland. Bonn, Hamburg, Freiburg, Pirmasens, Offenburg, München, Köln, Frankfurt, Halle, Düsseldorf, Mainz, Dresden, Nürnberg, Wiesbaden und Friedrichshafen machen ebenfalls mit.

Hallenfläche stieg um 8 Prozent

Berlin, eigentlich pleite, will sich möglichst bald für mehr als 60 Millionen Euro ein neues Kongresszentrum leisten. Das alte ICC am Funkturm ist funktionstüchtig, macht aber jährlich Millionenverluste.

Mehr als 1,5 Milliarden Euro investieren deutsche Städte und Kommunen derzeit in eine beispiellose Aufrüstung ihrer Messe-Infrastruktur - in Neubauten genauso wie in Um- und Ausbauten. Zwischen 2001 und 2006 stieg die Hallenfläche dem Branchenverband Auma (Aussteller- und Messeausschuss) zufolge um insgesamt acht Prozent, in den nächsten drei Jahren soll sie noch einmal um drei Prozent wachsen. Der Zuwachs entspricht 85.000 Quadratmetern und damit einem Gelände, das es in die aktuellen Top Ten der deutschen Messeplätze schaffen würde. Auf der anderen Seite sinkt die Nachfrage. Nach einer vertraulichen Studie im Auftrag von fünf großen Messegesellschaften vermieteten die zwölf größten Messeplätze zwischen 2000 und 2004 bei den wichtigen überregionalen Messen elf Prozent weniger Fläche.

Wahnsinn Expo-Gelände

Doch nicht nur die großen Betreiber bauen weiter. In Rostock entstand vor vier Jahren ein neues Messegelände. Die Baukosten von 60 Millionen Euro zahlte der Steuerzahler. An mehr als 300 Tagen im Jahr steht das Gelände praktisch leer, ansonsten finden unter anderem eine Modellbau- und eine Hochzeitsmesse statt sowie ein Flohmarkt ("Flohmaxx - der maximale Hallenflohmarkt"). Selbst den laufenden Betrieb, so gibt Geschäftsführerin Petra Burmeister offen zu, könne die Messe nicht ohne Zuschüsse der Stadt Rostock bestreiten. Auch die Leipziger Messe kann den Betrieb zehn Jahre nach der Neueröffnung nicht ohne Unterstützung des Landes Sachsen und der Stadt Leipzig aufrechterhalten.

Sogar Prestigeobjekte wie das Messegelände in Hannover haben mit Leerständen zu kämpfen. 27 Hallen stehen auf 496.000 Quadratmetern (77 Fußballfelder), dazu kommen 58.000 Quadratmeter Freifläche. Es ist das größte Messegelände der Welt. Den laufenden Betrieb kann die Deutsche Messe AG zwar aus den Einnahmen finanzieren, sie wirbt aber mit dem mit Steuergeldern aufgewerteten Areal der Expo 2000. Mindestens 500 Millionen Euro Steuergelder flossen in das Expogelände außerhalb des Messeareals. Und so fahren heute zwei Stadtbahnlinien zum Gelände, es gibt einen eigenen ICE-Messebahnhof, und die Straßen zur Messe sind teilweise sechsspurig. Doch etwa neun Monate im Jahr finden keine Ausstellungen statt. Im Mai, Juni, Juli und August war das Areal leer, im Dezember treiben sich immerhin "Pferd & Jagd"-Freunde auf dem Gelände herum - für drei Tage. Auch bei der größten Veranstaltung, der Computermesse Cebit, stehen drei Hallen leer. Selbst in Frankfurt, wo die Veranstalter mit Prestigeschauen wie der Buchmesse und der Internationalen Autoausstellung werben können, fand in diesem Jahr an 258 Tagen keine Messe statt.

Kampf um Ausstellungen

Nirgendwo in Europa gibt es mehr Stellflächen, nirgendwo so viele und große Leitmessen wie in Deutschland. Auf 20 Prozent schätzen Experten die Überkapazitäten. Dauerhaft, so Schätzungen, wird ein Drittel der Ausstellungsfläche ungenutzt bleiben. "Wir kennen das Prinzip von den Unmengen an Flughäfen", sagt Messeexperte Norbert Stoeck von der Unternehmensberatung Roland Berger. "Jede Region will einen haben, weil die Nachbargemeinde auch einen hat und weil sie angeblich Arbeitsplätze schaffen." Die Städte argumentieren über die sogenannte Umwegrentabilität: Taxifahrer, Hotelbetreiber und Gastwirte profitieren vom Messegeschäft, letztlich komme das wieder den Kommunen zugute.

Doch dafür müssen die Hallen auch genutzt werden. Die Standorte stehen sich im Kampf um die Mieter wie Kriegsparteien gegenüber. "Jeder bemüht sich auf Teufel komm raus, Veranstaltungen zu holen", sagt Manfred Wutzlhofer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München GmbH. Die Stuttgarter gelten durch ihre enorm gewachsene Fläche - von 54.500 auf 100.000 Quadratmeter (15 Fußballfelder) - in der Branche als besonders aggressiv. Zehn Fachmessen hat die Stuttgarter Messegesellschaft schon von anderen Standorten abgeworben, weitere sollen folgen. Einen "in der Messegeschichte einmaligen Vorgang" nennt Wutzlhofer das Abwerben in dieser Größenordnung. Denn aus eigener Kraft, etwa indem das Programm wächst, bekommen die Stuttgarter ihre Hallen nicht voll. "Über Steuergelder werden zu große Messeeinheiten gebaut", kritisiert Wutzlhofer, "nur um dann von anderen Standorten Messen abzuziehen, die ebenfalls über Steuergelder subventioniert wurden." Das sei weder vertretbar noch vernünftig.

Steuerzahler sind die Verlierer

Und so entsteht ein unwirtschaftliches System: Die Stuttgarter Messe spendiert dem privaten Veranstalter Paul Schall vier Millionen Euro "Umzugskosten", damit der seine Veranstaltungen wie die "Blechexpo" oder die Messe für Montagetechnik "Motek" künftig in Stuttgart ausrichtet. Beim Umzug der Musikmesse Popkomm von Köln nach Berlin soll die Hauptstadt einen zweistelligen Millionenbetrag draufgelegt haben. "In der Branche wird eingekauft, um die Hallen zu füllen", sagt Essens Messechef Joachim Henneke. Die Gesellschaften würden "alles dafür tun, damit die Hütten nicht leer stehen". "Da niemand pleitegehen kann und alles auf dem Rücken der Steuerzahler ausgetragen wird, kümmert das auch niemanden", sagt Frankfurts Messechef Michael von Zitzewitz.

Die eigentlichen Profiteure sind Verbände wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Messen ausrichten und in ihrer Ortswahl flexibel sind. "Die schauen sehr genau hin, wo sie das meiste Geld machen können", sagt Stoeck. Von ihren eigenen Ausstellern verlangen sie Standmieten, die um das Fünf- bis Achtfache über dem liegen, was sie selbst der Messe zahlen. Die Messeplätze werden gegeneinander ausgespielt. Helga Jansohn, Leiterin des Messemanagements der Frankfurter Buchmesse, "kann und will" solche Methoden nicht bestätigen.

Fläche zum Nulltarif

Die staatlich gepäppelten Gesellschaften bieten sich in einem gnadenlosen Preiswettbewerb immer weiter nach unten. In München, sagt Messechef Wutzlhofer, würden die Mieten so angesetzt, dass ein Deckungsbeitrag geleistet werden kann. In Stuttgart sei das jedoch nicht immer so. In der Branche gibt es Gerüchte, einzelne Messen böten Veranstaltern Fläche teilweise zum Nulltarif an, nur um die Hallen zu füllen. Dem Frankfurter Messechef von Zitzewitz schwant Schlimmes: "Wenn sich nichts ändert, werden wir in einen Wettbewerb treiben, bei dem es keine Gewinner geben wird."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker