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Arbeitsmarkt: Die graue Revolution

Schon in wenigen Jahren werden die Deutschen bis 67 arbeiten. Zugleich fehlen junge Facharbeiter. Beides wird die Betriebe radikal verändern: Die Alten kehren zurück. Ein Blick in Unternehmen, in denen die Zukunft schon begonnen hat.

Von Markus Grill

Manche Revolutionen sind mit bloßem Auge nicht erkennbar. Wer sich heute in seinem Betrieb umschaut, entdeckt fast nur noch jüngere Kollegen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen beschäftigen keinen Mitarbeiter mehr über 50 Jahre. Dieser Altersrassismus gehört mittlerweile zum guten Ton in der deutschen Wirtschaft - und er wird die Firmen treffen mit der Wucht eines Bumerangs. Denn wer überwiegend Mitarbeiter um die 40 beschäftigt, muss, wenn diese mal in Rente gehen, auf einen Schlag mehr Stellen neu besetzen, als es dann Bewerber geben wird. Das hört sich heute noch absurd an angesichts von fünf Millionen Menschen, die arbeitslos sind. Doch selbst das staatliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, dass allein durch den Geburtenmangel das Potenzial an Arbeitskräften in Deutschland bis 2020 um vier Millionen Menschen schrumpft.

Schon in zehn Jahren

beginnt ein Prozess, der momentan unvorstellbar ist: Arbeitskräfte werden knapp. Der Anteil der über 50-Jährigen wird von gegenwärtig 30 Prozent in den nächsten 15 Jahren auf über 40 Prozent steigen. In Großkonzernen wie der BASF bilden sie ab 2020 sogar die Mehrheit. Man kann das gut finden oder nicht, wie man auch das Wetter gut finden kann oder nicht. Nur ändern lässt es sich nicht. Ohne Alte wird es in den Unternehmen künftig nicht mehr gehen. Und die Veränderungen, die diese Entwicklung mit sich bringt, werden umfassend sein: von der Ergonomie der Arbeitsplätze über Pausenregelungen und Bürosport bis hin zum Speiseplan in der Kantine.

Noch größere Auswirkungen entfaltet der Umsturz unter denen, die jetzt zwischen 30 und 50 sind: Sie werden nicht mehr, wie bisher üblich, im Schnitt mit 63 Jahren in Rente gehen können, sondern bis 67 arbeiten müssen, weil alle Frühverrentungsprogramme dann längst abgeschafft sind und man es sich auch finanziell kaum wird leisten können, vorzeitig in Ruhestand zu gehen.

In Deutschland begreifen die Firmen erst allmählich, welche Revolution sich da ankündigt. Ford Europa zum Beispiel beginnt gerade damit, die Autoproduktion der alternden Belegschaft anzupassen. 2003 waren im Kölner Werk 15 Prozent der Mitarbeiter über 50 Jahre alt, 2008 werden es bereits 28 Prozent sein, wie Betriebsarzt Erich Knülle berichtet. Ford hat deshalb für die komplizierten Arbeiten im Fußraum eines Fahrzeugs den "Happy Seat" entwickelt: Ein Kran-Arm hievt Arbeiter sitzend ins Innere der Karosserie, dort montieren sie Pedale, anschließend fährt der Sitz wieder aus dem Wagen raus. Früher mussten sich die Monteure hineinbeugen, jetzt gleiten sie auf dem "Happy Seat" hinein. "Das schont auch die jungen Kollegen", sagt Knülle, "die sind dann im Alter länger arbeitsfähig."

Mitarbeiter mit Handicaps wurden oft sinnlos beschäftigt, "die haben Schräubchen gezählt und wurden nicht gesünder", gesteht Knülle. Sie alle versucht Ford heute wieder in der Produktion unterzubringen, schon aus Kostengründen. "Wir fragen nicht mehr, was jemand nicht kann, sondern, was er kann." Gleichzeitig verbessert Ford die Arbeitsbedingungen. Auf Dauer schädliche Belastungen werden nach Möglichkeit vermieden. "Der ganze Arbeitsschutz bei uns geht heute in Richtung altersangepasste Ergonomie", sagt Knülle, "auch wenn die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen steckt."

Wer die Produktionshallen bei Ford durchstreift, sieht erstaunlich viele ältere Männer am Band. Hedi Lauster, 61, zum Beispiel, befestigt an der Karosserie des neuen Fiesta die Sicherheitsgurte. Auf der rechten Seite trägt er ein Hörgerät, außerdem klagt er über Gicht. Dennoch montiert Lauster jeden Tag die Gurte in 300 Autos. Er werde noch einige Jahre am Band stehen, schätzt der Grauhaarige. "Wenn ich jetzt in Rente gehe, hätte ich 13 Prozent Abschläge, das kann ich mir nicht leisten." Für Betriebsarzt Knülle ist Lauster kein bemitleidenswerter Fall. Im Gegenteil: "Der ist mit seinen 61 Jahren viel fitter als jemand, der 40 ist und zu Hause rumsitzt." Doktor Knülle ist überzeugt: "Nicht Arbeit macht krank, sondern Nicht-Arbeit."

Knülle hat auch erforscht, welche Probleme eine ältere Belegschaft mit sich bringt: Ältere leiden demnach vor allem unter fremdbestimmtem Arbeitstempo und extremen Sehanforderungen. Ihre Feinmotorik ist schlechter, und sie können große Informationsmengen nicht mehr so schnell aufnehmen und wiedergeben wie Jüngere. An älteren Mitarbeitern lernt Ford schon heute, wie man sich für eine Zukunft rüstet, in der die Alten die Mehrheit bilden.

Es gibt nur wenige Länder, in denen Arbeitnehmer sich so früh verrenten lassen wie in Deutschland. In der Schweiz gehen Männer nach Angaben der OECD im Schnitt mit 66 in Rente, in Dänemark, den USA, Irland oder Portugal mit 65, in Schweden, Australien, Kanada und Großbritannien mit 63, in Deutschland aber mit 61. Das war nicht immer so: 1970 arbeiteten von den Männern im Alter zwischen 60 und 64 Jahren stolze 70 Prozent - heute sind es 35 Prozent. Ursache Nummer eins für diese "Sozialpolitik" war die unter der Regierung Kohl eingeführte Altersteilzeit. Doch dieses, auch heute noch beliebte Instrument, ältere Mitarbeiter aus dem Betrieb zu bugsieren, läuft allmählich aus. Der letzte Jahrgang, der die Altersteilzeit in Anspruch nehmen kann, sind die 1951 Geborenen. Zur massenhaften Frühverrentung trug ebenfalls die 58er-Regel bei: Sie besagt, dass Arbeitslose, sobald sie den 58. Geburtstag erreicht haben, de facto aus dem Erwerbsleben ausscheiden können. Sie erhalten weiterhin Arbeitslosengeld, müssen sich aber nicht mehr aktiv um eine Stelle kümmern. Ursprünglich sollte die Regelung im vergangenen Jahr auslaufen. Die Merkel-Regierung hat sie aber bis Ende 2007 verlängert.

An der Universität Frankfurt lehrt ein Ökonom, der seit Jahren den Arbeitsmarkt erforscht, Autor mehrerer Bücher über den Sozialstaat ist und Mitglied der Riester-Kommission der Bundesregierung war: Professor Diether Döring. Zuletzt beschäftigte sich Döring mit einer Frage, die überlebenswichtig für unseren Wohlstand werden könnte: Warum haben in Deutschland ältere Menschen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt? Döring entdeckte vier wichtige Faktoren:

- Das Senioritätsprinzip, gelegentlich auch "Verkalkungszulage" genannt, führt dazu, dass ein Arbeitnehmer desto mehr verdient, je älter er wird, "Die skandinavischen Länder haben dieses Prinzip schon lange zurückgeführt", sagt Döring. In Deutschland dagegen sei ein 60-jähriger Mitarbeiter in der Regel immer noch doppelt so teuer wie ein 25- bis 30-jähriger. Das mache Ältere automatisch weniger attraktiv.

- Weiterbildung. In Schweden, Finnland, Dänemark und der Schweiz nimmt in der Gruppe der 50- bis 64-jährigen Arbeitnehmer mindestens jeder Fünfte an Weiterbildungen teil, in Deutschland nicht mal jeder Zwanzigste. "Bei uns hört die berufliche Weiterbildung nach dem fünfzigsten Lebensjahr fast völlig auf. Das ist kompletter Irrsinn", ärgert sich Döring.

- Arbeitszeitreduzierungen, bei denen man keine Rentenabschläge in Kauf nehmen muss. "In den Niederlanden erwirbt man auch mit einem Teilzeitjob volle Rentenansprüche", lobt Döring. In Deutschland dagegen bringen gering bezahlte Teilzeitjobs für die Rente so gut wie nichts.

- Der Faktor Mentalität, die Haltung zur Erwerbsarbeit. In den skandinavischen Ländern gehöre Arbeit einfach zu einem guten Leben dazu, deshalb arbeiten dort sowohl mehr Frauen als auch mehr Alte. "In Deutschland dagegen fühlen sich Arbeitnehmer offenbar wie im Kittchen", wundert sich Döring, "sie zählen die Tage bis zur Rente und verklären das Rentnerdasein dann zum Paradies."

Horst Hansen, 67, kennt das Rentnerleben. Ein Jahr lang war der Lateinlehrer bereits pensioniert, bevor ihn der Schulleiter des altehrwürdigen Ratsgymnasiums in Bielefeld anrief und fragte, ob er wieder unterrichten wolle. Ein Kollege falle wegen Krankheit länger aus, und es gebe nicht genug Lateinlehrer. Hansen sagte zu. "Warum denn nicht?", fragt er. "Der liebe Gott hat mich mit einer beneidenswerten Gesundheit ausgestattet." Als Hansen an diesem Vormittag mit Buch unterm Arm die fünfte Klasse betritt, erheben sich die Schüler zum Gruß. Der Pauker im Pensionsalter kommt gar nicht schlecht an, die elfjährige Katarzyna in der hintersten Reihe sagt, dass der Unterricht bei ihm sogar weniger langweilig sei als bei jüngeren Lehrern. Statt 25 Wochenstunden wie früher unterrichtet Hansen jetzt nur noch fünf. Damit verdient er 400 Euro im Monat zu seiner Beamtenpension dazu. Das ist die Obergrenze. Würde er mehr arbeiten, würde seine Pension entsprechend gekürzt.

Er genieße die Arbeit mehr als früher, sagt Hansen: "Ich komme erst zur vierten Stunde, und ich weiß: Mir kann nichts mehr passieren, ich will nichts mehr werden und muss niemandem was beweisen." Hansen gesteht allerdings, dass er sich ein volles Deputat nicht mehr zutrauen würde. "Man ist physisch nicht mehr so leistungsfähig wie früher." Aber bis 70 könne er den reduzierten Job schon noch ausüben - und die Namen der Schüler könne er sich auch noch gut merken.

Vor kurzem war Hansen einmal krank. Da musste ihn die 31-jährige Lateinlehrerin Ursula Schneider vertreten. Die junge Kollegin war verblüfft: "Als ich in die Klasse kam, sagten mir die Schüler, dass Herr Hansen vorhatte, ihnen mythologische Geschichten zu erzählen. Eine ganze Stunde lang? Das hätt' ich mich nie getraut. Ich denke immer, ich schaffe schon den normalen Stoff kaum." Man kann sich leicht vorstellen, dass der Unterricht bei Hansen ein bisschen entspannter zugeht. Wenn man die junge Lehrerin nach der Rente mit 67 fragt, wendet sie ein, dass viele Lehrer doch nicht mal die Pensionsgrenze 65 erreichen. "Die sind ausgepowert und scheiden viel früher aus." Irgendwie ist ihr auch ein bisschen mulmig bei dem Gefühl, mit 67 noch so leistungsfähig sein zu müssen wie heute.

Professor Döring hat ausgerechnet, dass Arbeiter und Angestellte in Zukunft deutlich weniger Rente erhalten: "Ein gesetzlich Versicherter, der heute 35 Jahre alt ist, wird im Jahr 2040 nur eine staatliche Rente in Höhe von 34 Prozent seines Bruttolohnes bekommen." Das ist weniger, als Müntefering und Co. immer wieder behaupten. "Die offiziellen Berechnungen gehen von 45 Beitragsjahren aus", erklärt Döring die Differenz, "doch das ist völlig unrealistisch. 45 Versicherungsjahre erreicht nur noch eine Minderheit." Die 2004 in Rente gegangenen Männer kamen im Schnitt auf 39 Versicherungsjahre, Frauen sogar nur auf 25.

Was dies für die Generation der 30- bis 50-Jährigen bedeutet, hat Döring ausgerechnet: Demnach erreicht derjenige, der heute weniger als 75 Prozent des Durchschnittslohns verdient, nach 40 Beitragsjahren nicht mal eine Rente auf Sozialhilfeniveau. Mit anderen Worten: Wer weniger als 1850 Euro verdient und 40 Jahre lang in die Rentenversicherung zahlt, bekommt am Ende so wenig, wie er auch als Fürsorgeleistung bekommen würde, wenn er nichts eingezahlt hätte. Döring findet, dass "für Geringverdiener die Zahlung von Rentenbeiträgen eigentlich sinnlos ist. Hier stößt das System an seine Legitimationsgrenzen".

Dortmund am Samstagvormittag:

In der Westfalenhalle sammelt sich der Widerstand. Die Gewerkschaft IG BAU hat zum Informationstag über die Rente mit 67 eingeladen. Mehr als 1000 Dachdecker, Maurer, Putzfrauen und Bauarbeiter sind gekommen. Erst essen sie an Stehtischen im Foyer Erbseneintopf, danach sitzen sie in der Halle, blicken auf eine Bühne, an der das Transparent "Rente statt Sozialhilfe" hängt. Sie warten auf ihren Gewerkschaftschef Klaus Wiesehügel und darauf, dass sich Franz Müntefering zeigt, der ihnen dieses ganze Thema eingebrockt hat. Wiesehügel tritt ans Mikro und donnert: "Die Beschlüsse zur Rente mit 67 sind eine Katastrophe. Das ist mit uns nicht zu machen." Sein Hauptargument ist, dass viele Arbeiter gesundheitlich gar nicht in der Lage seien, bis 67 zu malochen. Wiesehügel verschweigt allerdings, dass die Betroffenen Erwerbsminderungsrente beantragen können, von der sich in Deutschland durchaus leben lässt: Sie wird errechnet nach der Rente, die man mit 60 Jahren bekommen hätte, minus 11 Prozent. Außerdem üben in Deutschland mittlerweile nur noch rund 20 Prozent aller Beschäftigten eine harte körperliche Arbeit aus.

Angst haben die hart Arbeitenden heute dennoch: Nach Wiesehügels Rede melden sich Einzelne im Saal zu Wort. Eine Frau, die in einem Krankenhaus 400 Quadratmeter in der Stunde putzen muss, sagt, dass ihre Kollegen erschüttert seien über die Rente mit 67. "Bei uns sind die meisten schon mit 45 Jahren fertig und haben einen Bandscheibenvorfall." Ein 59-jähriger Betriebsrat sagt, wenn die Alten länger im Beruf bleiben, finden die Jungen gar keine Stelle mehr. Applaus. Ein 43-jähriger Dachdecker sagt unter großem Beifall, dass die Rente mit 67 nur was für die Studierten sei. "Die fangen erst mit 28 an zu arbeiten und sitzen dann den ganzen Tag im Büro."

Die Stimmung spiegelt ziemlich genau die Einstellung der meisten Deutschen: Laut einer Allensbach-Umfrage lehnen 56 Prozent der Menschen die Rente mit 67 ab. Nur 24 Prozent wären bereit, tatsächlich länger zu arbeiten. Entsprechend frostig ist das Klima, als Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) den Gewerkschaftsmitgliedern gegenübertritt. Noch bevor er das Wort ergreift, ruft die Halle "Arbeiterverräter". Als er berichtet, dass die Rentner heute sieben Jahre länger leben als 1960, also auch länger Pension beziehen und dies die Rentenkassen unter Druck setzt, rufen die Arbeiter: "Du hast eine dicke Pension." Auf Münteferings rhetorische Frage "Was sollen wir tun?" schallt ihm entgegen: "Heuschrecken verjagen." Als das Pfeif- und Buhkonzert ihn langsam unhörbar macht, platzt dem Vizekanzler der Kragen, und er schreit: "Nun hört doch verflucht noch mal zu! Wer sagt, wir dürfen an der Rente nichts ändern, der geht an der Realität vorbei."

Auch wenn Müntefering niedergeschrien wird - die Zahlen, mit denen er die Alterung der Gesellschaft beschreibt, stimmen: Heute halten sich die Gruppe der unter 20-Jährigen und die der über 60-Jährigen noch in etwa die Waage. Im Jahr 2050 aber wird die Zahl der über 60-Jährigen dreimal so hoch sein wie die der unter 20-Jährigen. Und das ist, nebenbei gesagt, nicht die Schuld der SPD. Ebenso klar ist, dass die Lebenserwartung steigt: Ein Mann, der 1970 in Rente ging, lebte im Schnitt noch 13,7 Jahre. Geht er heute in Rente, lebt er noch 19,1 Jahre.

Manche glauben, die Rentenprobleme lassen sich am besten durch eine höhere Zuwanderung lösen. Derzeit wandern jährlich etwa 100 000 Menschen nach Deutschland ein. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat ausgerechnet: Selbst wenn man die Zuwanderung auf 200 000 Menschen pro Jahr steigert und alle Möglichkeiten zur Frühverrentung abschafft, sinkt die Zahl der Erwerbspersonen in Deutschland bis 2020 um 1,4 Millionen Menschen und bis 2050 um neun Millionen.

Wenn wir also den heutigen Wohlstand halten und später eine ausreichende Rente haben wollen, werden wir um vier Veränderungen nicht herumkommen: Wir werden ein bisschen länger arbeiten müssen als heute, wir werden mehr Frauen ins Berufsleben integrieren müssen, wir werden die Zuwanderung erhöhen müssen, und wir werden dafür sorgen müssen, dass alle Jugendlichen eine gute Berufsausbildung bekommen. Nicht ein oder zwei dieser Faktoren sind nötig - sondern alle vier.

In Ludwigshafen beschäftigt sich die größte Chemiefabrik der Welt, die BASF, derzeit intensiv mit der Alterung ihrer Mitarbeiter. Ab 2015 setzt hier dann die größte Pensionswelle ein. 2020 wird die Mehrheit der Beschäftigten bei der BASF über 50 Jahre alt sein. "Um Personalengpässen vorzubeugen, müssen wir schon heute für hochqualifizierte Frauen attraktiver werden", sagt Personalchef Hans-Carsten Hansen. Der Chemieriese richtet deshalb plötzlich - was jahrzehntelang nicht notwendig war - Kitas ein. Die erste wurde im Mai 2005 in Betrieb genommen, die zweite folgt Anfang 2007.

Künftig wird auch bei der BASF die Verweildauer von Mitarbeitern im Betrieb steigen. Hansen: "Für uns heißt das, dass wir auch einem 57-Jährigen noch Aufstiegs- und Entwicklungschancen bieten müssen." Die BASF will deshalb verstärkt Fachkarrieren unterhalb der Abteilungsleiterebene fördern. Weil Ältere mehr Pausen brauchen, werde man auch die Arbeitszeiten weiter flexibilisieren, sagt Hansen. Sogar ums Rauchen und Übergewicht seiner Mitarbeiter will sich der Personalchef künftig kümmern und Gesundheitsprophylaxe anbieten. Die Sport- und Fitnessangebote im Betrieb werden ausgebaut.

Mit Blick über den Bodensee auf die schneebedeckten Alpen verfügt die MTU Friedrichshafen über einen der schönsten Firmenstandorte in Deutschland. 5000 Beschäftigte entwickeln hier Dieselmotoren für Schiffe, Panzer und Eisenbahnen. Das Besondere an MTU ist, dass sie schon heute ältere Mitarbeiter sucht. Personalchef Guenter Bittelmeyer, 62, sagt, dass man in den vergangenen Jahren viele jüngere Ingenieure eingestellt habe. Jetzt müsse man wieder einen "besseren Mix" erreichen: Junge Ingenieure hätten zwar mehr Ideen, Ältere wüssten dafür aber, was umsetzbar ist. Vor kurzem schaltete Bittelmeyer Stellenanzeigen in der "FAZ": "Sind Sie ein erfahrener Ingenieur - vielleicht auch schon über 50 - und suchen nach einer neuen Herausforderung?" Der Halbsatz zwischen den Gedankenstrichen war sogar fett gedruckt. Bittelmeyer erwartete, dass ihm die Post waschkörbeweise Bewerbungsmappen anliefern würde. Doch es kamen nur 37 Mappen, nur zwei ältere Ingenieure hat er einen Job gegeben. "Ich würde gern zehn Ältere einstellen", sagt er, "sogar 60-Jährige würde ich nehmen. Aber es melden sich keine."

Wegen der bekannten Knappheit macht Bittelmeyer seinen Ingenieuren bereits heute klar, dass sie nicht mit 60 in Rente gehen sollen. "Wir kämpfen schon mit 58-Jährigen, die in Altersteilzeit gehen wollen, darum, dass sie bleiben." Insofern gehört auch Bittelmeyer zu den Anhängern der Rente mit 67. Sie ist für ihn die Kehrseite des kommenden Fachkräftemangels: Wenn es künftig schon nicht genügend Junge gibt, sollen wenigstens die Alten im Betrieb bleiben.

Dirk Bergmann, 38, schrecken die Pläne seines Personalchefs nicht. Der Ingenieur entwickelt in seinem Büro zwischen Espressomaschine und Zimmerpflanze Abgasfilter für Motoren. Ob er später mal mit 65 oder mit 67 in Rente gehen soll, sei momentan irrelevant, sagt Bergmann. "Ich kann mir das Aufhören gar nicht vorstellen. Ingenieur ist man aus Leidenschaft." Bereits im Urlaub werde er nach drei Tagen am Strand unruhig und suche sich eine Beschäftigung. Er wirkt so, als sei die Erhöhung des Rentenalters für ihn fast eine gute Nachricht. Sein Doktorvater, ein Universitätsprofessor, sei gerade 65 geworden, erzählt Bergmann, und solle jetzt aufhören. "Das ist doch Wahnsinn, dass man Menschen mit diesem Know-how einfach stilllegt!" Die würden dann mit Vorliebe von US-Firmen angeworben. Für die Rente sorgt Bergmann privat vor: Mit seiner Freundin habe er sich eine Eigentumswohnung gekauft. Dazu habe er einen Riester-Vertrag, stecke jeden Monat 300 Euro in eine Lebensversicherung, und das werde zusammen mit der staatlichen Rente wohl reichen.

Brigitte Haase arbeitet schon heute jenseits aller Altersgrenzen. Die 70-jährige Dame aus der Nähe von Hamburg war die meiste Zeit ihres Lebens freiberufliche Grafikerin. Vor fünf Jahren bekam sie ihren Rentenbescheid: Monatlich standen ihr 699 Euro zu - einschließlich Witwenrente. "Das war zum Leben zu wenig." Sie investierte ihre restlichen Ersparnisse, ein paar tausend Euro, in die Geschäftsidee eines Bekannten: eine Kaffeerösterei. Die beiden ersteigerten bei Ebay eine alte Röstanlage. Seither rösten sie Edelkaffee auf niedriger Temperatur und verkaufen ihn vor allem an Restaurants in der Region. Brigitte Haase telefoniert meist alte Kollegen ab auf der Suche nach neuen Kunden. Ihre staatliche Rente erhält sie weiterhin. Zusätzlich beschert ihr die Minifirma 400 Euro im Monat.

Ist es für sie nicht belastend,

mit 70 noch arbeiten zu müssen? "Im Gegenteil", ruft die alte Dame, "ich will arbeiten!" Nur mit dem Dackel Gassi zu gehen, das sei ihr zu öde. Ihre gleichaltrigen Freundinnen hielten sie vielleicht für eine "verrückte Olle". Doch die fügen sich nur in eine Passivität, die andere von ihnen erwarten. "Die wollen vor ihrer Familie als normale Senioren dastehen." Für Frau Haase ist so ein Leben gänzlich unverständlich: Schon ihr Großvater, ein Bäcker in Pommern, habe bis zu seinem letzten Tag in der Backstube gestanden. "Meine Freundinnen schockiere ich immer, wenn ich sage: Ich werde hier arbeiten, bis ich tot umfalle."

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