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Der grosse Unterschied: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Es ist ein Skandal: Für Frauen in Deutschland gilt der Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" immer noch nicht. Frauen verdienen in der gleichen Position bis zu 30 Prozent weniger als Männer. Woran liegt das? Und was können sie dagegen tun? Ein Gehaltsreport.

Von: Catrin Boldebuck

Da läuft doch was schief. Christine Bortenlänger, 37, Mutter eines Sohnes und Vorstand der Bayerischen Börse in München, hat früh gemerkt, dass es im Berufsleben große Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Eben 30 und den Doktortitel in der Tasche, zog sie mit einem Kollegen von der Uni los, um sich einen Job in der Wirtschaft zu suchen. Beide hatten das gleiche Profil: Lehre, BWL-Studium, Promotion. Es kam vor, dass sie sich bei denselben Unternehmen um dieselbe Position bewarben. Sie hatten sogar Vorstellungsgespräche bei denselben Personalchefs. Und es passierte, dass ihm ein höheres Jahresgehalt angeboten wurde als ihr. "Da dachte ich: Ups, wie kann das sein?", erinnert sich Bortenlänger.

Susanne Maria Schmidt, 32, der Geschäftsführerin des größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts, des DIW in Berlin, erging es ähnlich: Im Jahr 2000 arbeitete die promovierte Volkswirtin 18 Monate lang als Assistentin des Vorstands bei einem Start-up-Unternehmen. Ihr Kollege, der in ähnlicher Position für den Finanzvorstand arbeitete, bekam mindestens 80 000 Mark mehr. "Der Hauptgrund dafür dürfte gewesen sein, dass er ein Mann war", vermutet Schmidt.

Zu Hause bei Sabine Klüver× wurde kein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gemacht: "Ich habe Holz gehackt, mein Bruder hat lieber gekocht." Und heute versteht die 40-jährige Verfahrenstechnikerin mehr von Autos als ihr Mann. Die Unterschiede begannen nach dem Studium: "Ich fing 1990 in einem Forschungslabor in Baden-Württemberg an und bekam 3500 Mark im Monat. Mir kam das sehr wenig vor. Erst später habe ich herausgefunden, dass meine Kollegen gut 1000 Mark mehr verdienten." Um alles musste sie kämpfen, den Dienstwagen, das Firmenhandy, die Gehaltserhöhung. Und erreichte doch nie so viel wie ihre Kollegen. Nach zwölf Jahren und drei Arbeitgebern hatte sie genug, sie machte sich als Ingenieurin selbstständig.

Tanja Blum, 37, arbeitet im Telefonanlagenbau. Sie ist für den Export nach Südafrika und Südeuropa zuständig. Ihre Kollegen verdienen bei gleicher Ausbildung 30 bis 60 Prozent mehr. Als die ehemalige Betriebsrätin ihre Gewerkschaftskollegen von der IG Metall darauf ansprach, bekam sie zu hören: "Du bist doch verheiratet und verdienst eh nur ein Taschengeld dazu."

Frauen verdienen

trotz gleicher Qualifikation im gleichen Job weniger als ihre Kollegen. Für den stern hat die Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt Gehälter von 22 Berufen analysiert. Dazu wurden mehr als 250 000 aktuelle Gehälter ausgewertet (siehe Grafiken ab Seite 108). Die Ergebnisse sind für Frauen schockierend: - So bekommt ein 45-jähriger Controller 61 744 Euro brutto im Jahr, seine gleichaltrige Kollegin nur 42 480 Euro. Ein Unterschied von 31 Prozent.
- Eine 40-jährige Ingenieurin verdient ein Viertel weniger als ihr Kollege in der Nachbarabteilung. Sie erhält 39 959 Euro, er 53 882 Euro.
- Krass sind auch die Unterschiede bei den Unternehmensberatern: Sie, 35, bezieht 48 255 Euro, er, ebenfalls 35 Jahre alt, 68 850 Euro. Ein Abstand von 30 Prozent.
- In der Öffentlichkeitsarbeit, wo viele junge Frauen arbeiten, wird ebenfalls oft ungleich bezahlt. Eine 30-jährige PR-Beraterin mit Personalverantwortung hat rund 20 Prozent weniger Gehalt als ihr Kollege: Seine Steuerkarte weist am Jahresende 58 620 Euro aus, ihre 46 440 Euro.

Ein Skandal. Aber keiner regt sich auf. Weil in Deutschland keiner übers Gehalt redet. Dabei ist den Personalchefs der Unterschied natürlich bekannt. Bei einer Umfrage von Personalmarkt für den stern, bei der strikte Anonymität zugesichert wurde, geben die Personalleiter es offen zu: 36 Prozent sagen, dass Frauen in vergleichbaren Positionen häufig weniger verdienen als Männer. 17 Prozent der Personalchefs erklären sogar: Frauen verdienen immer weniger.

Im europäischen Vergleich steht Deutschland mit einem Abstand von 24 Prozent zwischen den Gehältern von Männern und Frauen auf den hintersten Rängen. Frauen in Italien, Spanien und Griechenland werden beim Gehalt fairer behandelt als ihre Kolleginnen in Deutschland.

Allgemein gilt:

Je höher deutsche Frauen auf der Karriereleiter klettern, desto weiter öffnet sich die Schere beim Gehalt. So bekommt eine Frau in Top-Position, die mehr als 30 Mitarbeiter führt, ein Drittel weniger als der Chef der Nachbarabteilung. Die 45-Jährige erhält 77 464 Euro, ihr gleichaltriger Kollege 113 706. Beamtinnen und Angestellte in Fach- und Führungspositionen verdienen 28 Prozent weniger als ihre Kollegen, so das Ergebnis einer neuen Untersuchung der Expertin Elke Holst vom Deutschen Institut der Wirtschaft. Ihr Fazit: "Je höher die Position, desto größer der Verdienstabstand zwischen den Geschlechtern."

Aber selbst dort, wo Tarifverträge die Bezahlung regeln, was für den Großteil der Angestellten gilt, gibt es gewaltige Unterschiede. Das liegt vor allem daran, wie die Arbeit von Männern und Frauen bewertet wird. Die Eingruppierung wurde und wird in der Regel von Männern vorgenommen. Und die schätzen Berufe mit Verantwortung für Maschinen höher ein als Berufe mit Verantwortung für Menschen. Daher verdient eine Schreibkraft laut Tarifvertrag der bayerischen Druckindustrie weniger als ein Lagerarbeiter. Ihm werden "erhöhte Verantwortung für Betriebsmittel und Arbeitsprodukte" zugestanden, ihr nicht. Und daher bekommt die Sekretärin beim Einstieg nur 1715,77 Euro brutto im Monat, der Lagerarbeiter 2042,16 Euro.

Dabei gibt es eine Methode, Arbeit unabhängig vom Geschlecht zu bewerten. Sie heißt Abakaba (Analytische Bewertung von Arbeitstätigkeiten nach Katz und Baitsch) und wurde von Schweizer Arbeitswissenschaftlern entwickelt. Danach zählt nicht mehr nur reine Muskelkraft, sondern auch, wie hoch der Stress ist, wie häufig die Beschäftigten Kontakt mit Kunden haben und wie selbstbestimmt das Arbeitstempo ist.

Die Gewerkschaft ÖTV hat nach diesem System die Arbeit im öffentlichen Dienst in Hannover untersucht. Auch beim Bundesangestellten-Tarif (BAT), der auf 1300 Seiten die Entlohnung für jeden Beruf bis ins Kleinste regelt, werden Frauen unterbewertet. "Der BAT besitzt ein großes Potenzial für die Diskriminierung von Frauen", sagt Alexa Wolfstädter von Verdi. "Das hängt damit zusammen, dass das, was Frauen leisten, in der Gesellschaft abgewertet wird." Nach der ÖTV-Studie müssten eine Diplombibliothekarin (ein typischer Frauenberuf) und ein Ingenieur mit Fachhochschulstudium gleich viel Geld nach Hause tragen.

Dass wir davon in Deutschland noch weit entfernt sind, weiß die Bibliothekarin Armi Bernstein aus eigener Erfahrung. Die 56-Jährige ist stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek in Göppingen. Ihr Mann arbeitet ebenfalls im öffentlichen Dienst. Er ist Ingenieur bei der Gewerbeaufsicht. Nach sechs Monaten Probezeit verdiente er bereits so viel wie sie nach jahrelanger Berufserfahrung mit Leitungsfunktion. Dagegen möchte Armi Bernstein klagen. "Ich finde es ungerecht, dass ein Beruf, nur weil er von Frauen dominiert wird, schlechter bewertet und bezahlt wird als ein gleichwertiger Männerberuf", sagt sie. Formal muss sie erst mal ihren Dienstherren, den Oberbürgermeister, verklagen - obwohl der gar nichts dafür kann, weil er seine Bibliothekarinnen ordnungsgemäß nach Tarif bezahlt. Deshalb möchte Armi Bernstein erreichen, dass der Richter direkt den Europäischen Gerichtshof anruft. 2005 wird der Gang nach Luxemburg leichter, wenn nicht mehr nur eine Einzelperson klagen kann, sondern Verbände klagen können.

Selbst kleine Gehaltsunterschiede am Anfang einer Berufslaufbahn wirken sich langfristig enorm aus. Den Vorsprung, den die Männer bereits in den ersten Jahren haben, holen die Frauen oft nicht mehr auf. Elke Neumann×, 33, ist seit 1999 Projektleiterin bei einem IT-Beratungsunternehmen. Vom ersten Arbeitstag an gab es einen Unterschied zwischen ihr und den Kollegen. Die Männer verdienten bis zu 5000 Euro pro Jahr mehr. In ihren ersten sechs Berufsjahren hat die junge Frau also bereits bis zu 30 000 Euro weniger verdient als ein Mann mit gleicher Qualifikation.

Mit zunehmendem Alter wird der Abstand immer größer. Denn bei fast allen Frauen steigt das Gehalt jenseits der Altersgrenze von 40 Jahren nicht mehr nennenswert. Anders bei Männern. Sie bekommen auch mit 50 noch eine Gehaltserhöhung durch, wie Untersuchungen des Statistischen Bundesamts zeigen.

Das liegt nicht nur daran, dass Männer die Arbeitswelt dominieren und die Regeln aufstellen. Die Frauen tragen durch ihr Verhalten selbst dazu bei, dass sie Nachteile haben: Frauen verkaufen sich im Gehaltsgespräch oft schlechter als Männer, sagen 40 Prozent der Personalleiter in der Umfrage für den stern. "Instinktiv speisen Chefs eine Frau schneller ab als einen Mann", sagt Gehaltscoach Martin Wehrle. Er muss es wissen, denn er war selbst lange Chef bei einem großen Konzern. "Oder sie versuchen es auf der Mitleidstour, sagen, dass ihnen ja die Hände gebunden seien wegen der schlechten Wirtschaftslage. Frauen lassen sich davon schneller beeindrucken als Männer."

Mehr zu fordern,

das traute sich Susanne Maria Schmidt am Anfang als Vorstandsassistentin beim Start-up nicht: "Wenn ich mehr fordere, ist das zu forsch, zu frech. Mein Chef kennt den Gehaltsunterschied und meine Leistungen, er wird das schon berücksichtigen. Tat er aber nicht."

Typisch Frau, sagt die amerikanische Wirtschaftsprofessorin Linda Babcock.×× Sie kommt zu dem Ergebnis: "Männer und Frauen haben eine grundsätzlich andere Einstellung, wenn es um Verhandlungen in Berufsleben und Karriere geht." Von ihren Forschungsergebnissen können auch deutsche Frauen lernen. Babcock fand heraus, dass Frauen Verhandlungen wie einen Besuch beim Zahnarzt erleben: Sie sind ihnen unangenehm. Gegen besseres Wissen drücken sie sich oft davor, nach einer Gehaltserhöhung, Beförderung oder besseren Arbeitsbedingungen zu fragen. Weil sie fürchten, Fehler zu machen oder zu emotional zu werden. Männer dagegen finden Verhandlungen spannend, sehen darin einen sportlichen Wettkampf, den es zu gewinnen gilt. Frauen sorgen sich darum, die gute Beziehung zum Verhandlungspartner zu riskieren. Fazit: Frauen verhandeln deutlich seltener als Männer. Wenn sie es doch tun, erreichen sie oft weniger als ein Mann.

Babcock untersuchte die Karrieren ihrer Studenten an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Die hatten gerade den Master of Business Administration gemacht. Die Männer erhielten fast acht Prozent höhere Einstiegsgehälter als die Frauen. Grund: 57 Prozent der Männer hatten nach dem ersten Angebot um ein höheres Gehalt verhandelt, aber nur sieben Prozent der Frauen.

Und dieses Verhalten setzen sie fort: Frauen hoffen, dass ihr Einsatz anerkannt wird, ohne dass sie ständig vortanzen und Belohnungen fordern müssen. Frauen geben sich mit weniger zufrieden, weil sie weniger erwarten. Babcock spricht vom "Paradox der zufriedenen weiblichen Arbeitskraft". Männer gehen davon aus, dass sie im ersten Arbeitsjahr 13 Prozent mehr Gehalt bekommen als Frauen; auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind es 32 Prozent mehr. Wenn Frauen gefragt werden, ob sie im Allgemeinen erreichen, was sie wollen, ist die Antwort ja. Weil sie sich von Anfang an weniger ambitionierte Ziele setzen. Sie konzentrieren sich darauf, was sie "brauchen", anstatt auf das, was sie wert sind.

Die Wirtschaftspsychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München bestätigt: "Frauen haben mehr Probleme, übers Gehalt zu sprechen als Männer. Weil sie es nicht lernen." Leitner beobachtet drei Typen von Frauen: Die kleine Gruppe von Karrierefrauen, die viel Geld verdienen wollen und das auch bekommen. Dann die vielen, die sich unter Wert verkaufen, weil sie kein Selbstwertgefühl haben - und dieses Phänomen ist bei Frauen viel häufiger als bei Männern. Zur dritten Gruppe gehören die Frauen, die sich nicht über die Höhe des Gehalts in ihrer Position informieren. "Das ist absolut unprofessionell, die meisten Männer bereiten sich besser vor", schimpft Leitner.

"Meine vornehme Zurückhaltung war ein Fehler", sagt DIW-Vorstand Susanne Maria Schmidt rückblickend. "Man muss sich seiner Position bewusst sein und konkrete Forderungen stellen." Auch Unternehmensberaterin Marion Siewert×, 32, hat erlebt, dass ein Kollege 20 Prozent mehr verdient hat als sie: "Der war einfach dreister, als das Gehalt verhandelt wurde." Sie schwor sich: "Das passiert dir nicht noch mal." Und forderte 20 Prozent mehr. Als sie die nicht bekam, kündigte sie, suchte sich einen neuen Chef und sagte beim Einstellungsgespräch: "Das will ich haben." Sie bekam es. "Man muss im Berufsleben tough auftreten, mit so genannten weiblichen Eigenschaften kommt man bei Gehaltsverhandlungen und Beförderungen einfach nicht weiter", sagt Siewert.

Frauen müssen

aber nicht nur härter verhandeln, sie sollten sich auch viel mehr und viel früher Gedanken über ihr Gehalt und ihre Karriere machen, sagt Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff. Tanja Bäumer, 26, ist Arzthelferin, ein typischer Frauenberuf, bei dem wenig zu verdienen ist. Als sie mit 15 von der Schule in die Ausbildung ging, machte sie sich über ihr Gehalt keine Gedanken. Sie wusste nur, es sollte "etwas Soziales" sein.

Tanja Bäumer arbeitet 40 Stunden in der Woche und verdient 1550 Euro im Monat, und daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. "Ich bin jetzt sieben Jahre in der Praxis, aber bei meinem Gehalt macht es kaum einen Unterschied, ob ich gerade ausgelernt oder Erfahrung gesammelt habe", sagt sie. Vor drei Jahren ist sie bei ihren Eltern ausgezogen. Seitdem kellnert sie zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Praxis, weil sie sich sonst ihr Auto und ab und zu mal einen Urlaub nicht leisten könnte.

Mit dem Bildungsniveau scheint die typisch weibliche Berufswahl nichts zu tun zu haben. Auch junge Frauen mit Abitur interessieren sich vor allem für die "weichen" Fächer, zum Beispiel Sprachen. Aber sie sollten sich fragen: Wie gut sind meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit einem Magister in Romanistik? "Frauen studieren die falschen Fächer", sagt Bischoff. Viel zu wenige würden sich für Wirtschafts-, Natur- oder Ingenieurwissenschaften entscheiden. Dabei würden 80 Prozent der Führungspositionen mit Absolventen aus diesen drei Fächern besetzt.

Aber egal, wie sorgfältig Frauen ihre Karriere planen, egal wie hart sie arbeiten und um ihr Gehalt verhandeln, ein Problem können sie nicht lösen: die Biologie. "Frauen sind nach wie vor für Familie und Hausarbeit zuständig. Da hat sich wenig geändert", sagt Jutta Allmendinger, Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Männer konzentrieren sich voll auf ihren Job. Und wenn sie Väter werden, dann arbeiten sie pro Woche eine Stunde länger, wie Hans Joachim Allinger in seiner Doktorarbeit über Einkommensverläufe von Absolventen der Passauer Universität im Fach Wirtschaftswissenschaften ermittelte. Bei Frauen läuft ein anderes Programm ab. Die meisten fühlen sich zwischen Mutter- und Berufsrolle hin- und hergerissen. Nach der Geburt eines Kindes steigen sie im Durchschnitt für zweieinhalb Jahre aus. Dadurch verpassen sie nicht nur Chancen bei der Karriere, sondern sie treten auch beim Gehalt auf der Stelle.

42 Prozent der Frauen kehren nach dem ersten Kind gar nicht mehr in ihren alten Job zurück, sagen die Personaler. Denn viele stellen fest, dass es ihnen wichtiger ist, ihrem Kind bei den Hausaufgaben zu helfen als dem Chef bei der Vorbereitung für das Meeting.

Ein Grossteil der Frauen

arbeitet Teilzeit. In Westdeutschland sind es 45 Prozent, und in Umfragen wünschen sich viele mehr Möglichkeiten, weniger zu arbeiten. Das ist verführerisch, weil sie so den Spagat zwischen Bilanzen und Windeln scheinbar schaffen. Dabei machen sich viele nicht klar, dass sie sich damit von ihrer Karriere verabschieden. Denn wer nicht voll da ist, der wird auch nicht voll bezahlt. Wirtschaftswissenschaftlerin Sonja Bischoff zieht deshalb gegen die Teilzeit zu Felde, weil sie für Frauen finanzielle Abhängigkeit bedeutet. "Teilzeit wirkt sich nicht nur auf die Karriere aus, sondern auch im Alter. Wer wenig verdient, hat später auch nur eine kleine Rente", warnt sie.

Es gibt auch Frauen, die einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden haben. Sie gehen den Weg der Männer, bleiben zu 100 Prozent im Job und organisieren für ihre Kinder eine Betreuung. Vor allem Frauen, die gut verdienen, haben diese Möglichkeit. Immer mehr Chefinnen haben Kinder, ergab die neueste Unter- suchung von Bischoff. 1986 waren es 38 Prozent, jetzt sind es schon 59 Pro- zent. Ihre Erklärung: "Die Frauen wollen heute nicht mehr auf Familie verzichten. Von den angestellten Frauen haben 52 Prozent Kinder, von den Unternehmerinnen 80 Prozent - weil sie sich trotz längerer Arbeitszeiten ihre Arbeit besser einteilen und häufiger zu Hause arbeiten können."

Mit Unterzeichnung des Amsterdamer Vertrags hat sich Deutschland zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen im Beruf verpflichtet. Bis 2005 soll das Tarifrecht des öffentlichen Dienstes reformiert werden. Ein Gesetz für die private Wirtschaft scheiterte 2001. Denn die Arbeitgeberverbände liefen bei Kanzler Gerhard Schröder Sturm. "Chancengleichheit lässt sich nicht mit der ge- setzlichen Brechstange durchsetzen", erklärte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Aber die freiwillige "Vereinbarung zur Förderung von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft" zeigt bis heute kaum Folgen.

So wird die demografische Entwicklung zur Verbündeten der Frauen. Und vielleicht reagieren die Bosse anders, wenn vom Jahr 2010 an die Fachkräfte knapp werden und sie die Frauen brauchen. "Die Wirtschaft kommt an den Frauen nicht vorbei, das ist eine einmalige Situation", glaubt Jutta Allmendinger vom IAB. Auch die DIW-Geschäftsführerin Susanne Maria Schmidt sagt: "Der Druck auf die Firmen wird steigen, Frauen stärker als bisher zu fördern, weil sie sonst bald ihre Managerposten nicht mehr qualifiziert besetzen können."

Die Frauen sind gut vorbereitet: 53 Prozent der Abiturienten sind Mädchen. Die Hälfte der Studienanfänger und 48 Prozent der Hochschulabsolventen sind weiblich - Tendenz steigend. Laut Shell-Studie nehmen sie Eigenverantwortung, Durchsetzungskraft, Fleiß und Ehrgeiz sowie Lebensstandard genauso ernst wie junge Männer. Denn es ist nicht so, dass Frauen keinen Wert auf Geld legen. "Je mehr Frauen verdienen, desto häufiger wollen sie weiter aufsteigen", sagt Sonja Bischoff.

Börsenchefin Christine Bortenlänger sagt: "Ich glaube, das Problem kann man nur lösen, wenn Gehalt in unserer Gesellschaft kein solches Tabuthema mehr ist." Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff appelliert: "Frauen, redet mehr übers Gehalt!" Die deutsche Geheimniskrämerei schadet vor allem den Frauen. Weil Männer von Anfang an im Vorteil sind, müssen sie die Spielregeln lernen und wissen: Wie viel kann ich fordern. Und wenn die Frauen wissen, was sie wert sind, müssen sie es auch fordern. Denn geringes Gehalt bedeutet geringe Leistung. Wenn sie das akzeptieren, verkaufen die Frauen nicht nur sich selbst unter Wert. Sie drücken auch die Preise für alle anderen.

Mitarbeit: Maria Biel, Angelika Dietrich, Beate Herkendell, Marion Schmidt, Nikola Sellmair, Monika Vosough Mohebbi, Jana Werner

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