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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Eine Reise in die Vergangenheit: Wie das Elternhaus Erinnerungen weckt

Alle reden von "New Work" - stern-Autor Frank Behrendt lebt das neue Arbeiten, bei dem Work & Life zu einem flexiblen Modell verschmolzen sind seit Jahren. Über Pfingsten arbeitete er zwischendurch in seinem Elternhaus an der Nordsee am Schreibtisch seines verstorbenen Vaters.

Von Frank Behrendt

Ein Blick auf sein Elternhaus bescheren Frank Berendt schöne Erinnerungen an seinen Vater und seine Kindheit 

Ein Blick auf sein Elternhaus bescheren Frank Berendt schöne Erinnerungen an seinen Vater und seine Kindheit 

Als ich mich in dem knarzenden hohen Drehstuhl zur Wand hinter mir umdrehte, fiel mein Blick auf jede Menge Klassiker. Ordentlich nebeneinander standen sie da: Goethe, Schiller, Böll, Hermann Hesse. Mein Vater war Lehrer und unterrichtete unter anderem Deutsch. Wenn er sich auf eine Schulstunde vorbereitete, dann checkte er nicht Google oder Wikipedia, sondern suchte sich geeignete Textpassagen aus den Büchern heraus.

Die sorgfältig mit rotem Kugelschreiber unterstrichenen Kernsätze, mit denen sich seine Schülerinnen und Schüler einst beschäftigen sollten, haben den digitalen Wandel überlebt und nichts von ihrem Wahrheitsgehalt verloren: "Wie viele Freuden werden zertreten, weil die Menschen meist nur in die Höhe gucken und was ihnen zu Füßen liegt nicht achten". Gesagt hat das Goethes und gefunden habe ich es in dem Büchlein "Freude - Die schönsten Worte großer Dichter und Denker", das mein Vater 1967 in Rio de Janeiro erstanden hatte, wie ein kleiner Hinweis in der Innenseite des Einbandes dokumentiert.

Im Museum der Erinnerungen 

Als ich meinen Blick weiter wandern ließ durch dieses Museum der Erinnerungen, sah ich ein rundes Fenster mit dem Ausblick zur Küste. Mein Vater liebte das Meer, die Weite und Schiffe. Sein Traumhaus sollte aussehen wie ein stolzer Ozeanriese. Blau und Weiß, majestätisch, mit einem Schornstein und einem Bullauge. Er hat seine Ideen 1974 genau so umgesetzt, auch wenn ihn damals die Otterndorfer Handwerker als Bauherren aufgrund der zahlreichen Sonderwünsche kollektiv verfluchten.

Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbildete, während ich an einem Kommunikationskonzept schrieb, aber irgendwie inspirierte mich der Raum auf eine fast magische Art und Weise. Die Charts füllten sich fast wie von selbst. Als ich aus dem Terrassenfenster neben dem Schreibtisch blickte, sah ich meine Kinder mit dem Hund durch den Garten rennen, unbeschwert, glücklich. So wie meine beiden Geschwister und ich damals.

Es war die Zeit, als der frühere TV-Showmaster Rudi Carrell "Wann wird`s mal wieder richtig Sommer" trällerte und mein ganzer Stolz ein orangefarbiges Bonanza-Rad von Kalkhoff war. Legendär das alles. Genau gegenüber vom Schreibtisch meines alten Herrn, der die Form einer Welle hat, steht immer noch das Klavier. Mein Vater hatte es von seinem Vater geerbt. Patrick Kammerer, Director Communications & Public Affairs bei Coca-Coca schrieb mir neulich anlässlich des Geburtstags von Panik-Legende Udo Lindenberg auf Facebook: "Jedesmal, wenn ich am Hotel Atlantic vorbei laufe, denke ich an Udo." 

Jedesmal wenn ich das alte Klavier in meinem Elternhaus sehe, höre ich meinen Vater spielen. Leidenschaftlich, voller Kraft, manchmal auch mit seiner durchdringenden Stimme dazu singend. Zum Beispiel den Countrysong des Jahrhunderts vom unvergessenen John Denver: "Country roads, take me home, to the place I belong..."