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Jobchancen 2008: Einstieg mit besten Aussichten

Die richtige Berufswahl stellt Weichen für das ganze Leben. Der stern hat die beliebtesten Studienfächer und Ausbildungsberufe auf ihre Karrierechancen überprüft. Die gute Nachricht: In den meisten Jobs sind junge Leute gefragt wie lange nicht mehr.

Von Silke Gronwald

Manchmal, wenn abends im Fernsehen Fußball läuft, schießt es Christian durch den Kopf: "Mensch, das hättest du auch gekonnt." Und dann erinnert sich der 23-Jährige an seine Zeit in der Schülermannschaft des 1. FC Köln. Wie er mit seinem damals noch völlig unbekannten Teamkollegen Lukas Podolski über den Rasen geflitzt ist. Wie sie im Schlamm über das Spielfeld geschliddert sind und wie sie gemeinsam ihre ersten Turniere gewonnen haben. Aber Profifußballer werden, nein, daran hatte Christian nie gedacht. Bei aller Leidenschaft für den Sport - er wollte einen "ordentlichen" Beruf. Aber was für einen?

Es ist die wahrscheinlich schwerste Frage im Leben junger Menschen: Was soll einmal aus mir werden? Was kann ich, und was will ich überhaupt? Hocke ich lieber im Hörsaal oder im Büro?

"Nach dem Abi war ich völlig ratlos", erzählt Christian Meurer: "Es gab so viele Möglichkeiten. Aber nichts war dabei, wo ich gesagt hätte, das ist mein Ding." Also machte er, was viele andere auch tun. Er leistete erst mal seinen Wehrdienst. Doch eine Offizierskarriere schied für ihn bereits nach zwei Tagen Kasernenalltag aus. Auch der Plan zu studieren war schnell abgehakt. Schon beim Ausfüllen der Anmeldebögen für Pädagogik und BWL wusste er, "das ist mir alles viel zu theoretisch".

Am Ende entschied der Zufall. Christian stieß im Internet auf eine Seite, die den neuen Ausbildungsberuf zum Sport- und Fitnesskaufmann anpries, und er hatte endlich sein "Ding" gefunden.

Knapp eine Million Schulabgänger bekommen in den nächsten Monaten ihr Abschlusszeugnis in die Hand gedrückt. Sie müssen eine Entscheidung treffen, die den Verlauf der kommenden Jahre bestimmt und die Folgen für den Rest ihres Lebens haben wird.

Es ist die Zeit, in der sich Eltern und Verwandte in semi-professionelle Berufsberater verwandeln. Eine Zeit, in der die Teenager keine Familienfeier ohne die Frage überstehen: "Und, was willst du mal machen?" In der Sätze wie "Mensch, Kind, du kannst doch so gut erklären. Willst du nicht Lehrerin werden?" plötzlich zum Familienalltag gehören. Und mit dem Marmeladenbrot gibt's zum Frühstück Zeitungsausschnitte mit Überschriften wie "Industrie warnt: Wirtschaft fehlen 100.000 Ingenieure" oder "Alarmierender Ärztemangel".

Entscheidung mit Unsicherheit

Doch einen wirklichen Überblick haben die Schulabgänger in der Regel nicht. Ganz gleich, ob die Wahl nun auf Arzt oder Architekt, auf Haarstylist oder Heilpraktiker fällt, für die meisten ist es eine Entscheidung mit Unsicherheit. Jugendliche Berufseinsteiger plagen Ängste, Sorgen und Zweifel: Wie sieht die Zukunft meiner Traumbranche aus? Wird es den Job, den ich mir ausgesucht habe, in zehn Jahren noch geben? Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt? Geht es meiner Branche weiterhin gut? Welche Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten habe ich?

Der stern hat in Zusammenarbeit mit dem Berufsforscher Michael Weegen von der Universität Duisburg-Essen und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Situation für Jobeinsteiger analysiert. Für die wichtigsten Studiengänge und die beliebtesten Ausbildungsberufe zeigt eine Farbskala von Grün bis Rot, welche Jobs Zukunft haben und welche eher nicht - eine wichtige Orientierungshilfe für den Karrierestart.

Die gute Nachricht vorweg: "Noch nie stand die ‚Job-Ampel‘ des stern bei so vielen Studiengängen auf Grün", sagt Weegen, der seit acht Jahren den Arbeitsmarkt für Akademiker untersucht und exklusiv für den stern die Job-Ampel aufstellt. Akademiker studieren derzeit quasi mit Jobgarantie. Ihre Arbeitslosenquote sank im vergangenen Jahr auf 3,5 Prozent in Westdeutschland - was die Statistiker nahezu mit Vollbeschäftigung gleichsetzen.

Der Nachwuchs profitiert von der Trendwende auf dem Arbeitsmarkt

Ähnlich positiv ist die Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt. Der langjährige Abwärtstrend ist gebrochen. Die Lücke zwischen offenen Lehrstellen und suchenden Jugendlichen schrumpfte innerhalb eines Jahres von 34.100 auf 10.700. Die Zahl der Ausbildungsverträge lag mit 625.900 im vergangenen Jahr um knapp 50.000 höher als 2006 und erreichte damit das zweithöchste Niveau seit der Wiedervereinigung.

Und trotz schwächerer Konjunktur glaubt Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), dass es in diesem Jahr noch besser wird. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den Rekordwert von 2007 übertreffen", sagt er und beruft sich auf erste Meldungen aus den Regionen.

Endlich: Nach Jahren der Massenentlassungen und Einstellungsstopps profitiert nun auch der Nachwuchs von der Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Und nicht nur die "Galopper des Jahres", also die Jahrgangsbesten, haben eine Chance auf einen guten Start. Selbst die Sorgenkinder, Tausende von Altbewerbern, die seit Jahren, einer riesigen Bugwelle gleich, über den Arbeitsmarkt geschoben werden, sind gefragt. Und zwar dort, wo die Nachwuchssorgen am größten sind - etwa auf dem Bau.

Die Branche sucht verzweifelt Maurer, Stahlbetonbauer und Zimmerer. In ihrer Not greifen nun 20 Baufirmen in Bayern zu einem Mittel, mit dem sonst nur die Topkandidaten der Universitäten umworben werden: Sie veranstalten ein Recruiting- Event - das Baucamp 2008.

Duales Studium

51 Jugendliche sind zum dreitägigen Casting mit der Maurerkelle nach Stockdorf bei München angereist. Sie kommen aus zerrütteten Elternhäusern, viele haben miese Noten, Alkohol- oder Drogenprobleme. Hauptschüler wie Alexander Baumeister, der schon 24 ist, eine Ausbildung zum Koch abgebrochen hat und nun seine Zeit auf dem Sofa mit der Spielkonsole in der Hand verzockt. "Aber ich kann zupacken, das will ich hier beweisen."

Die Jungs schlafen auf Feldbetten in einer provisorisch umgebauten Turnhalle. Die Regeln sind streng: kein Kaugummi, kein Alkohol; wer eine Schlägerei anzettelt, fliegt raus. Um 23 Uhr ist Zapfenstreich. Kay Gerber, Bauleiter der Alpine Bau AG, sucht sechs Azubis und sagt: "Wir müssen den jungen Männern erst wieder eine klare Ordnung vermitteln. Wichtig ist nur, dass wir das in ihrer Sprache tun. Das Casting- Prinzip kennen sie aus dem Fernsehen, das funktioniert." 44 Jugendliche halten die drei Tage durch. 30 von ihnen reisen mit einem Lehrstellenangebot in der Tasche nach Hause - darunter auch Alexander.

Janina Hansen, 20, kommt aus einer ganz anderen Welt. Mit einem Einser-Abi und den Leistungskursen Mathe und Physik kann sie sich das Beste aus der schönen neuen Berufswelt herauspicken. Und das ist für sie eine Lehrstelle beim Automobilzulieferer Continental, die mit einem "bezahlten" Studium an der Fachhochschule Hannover verknüpft ist. Solche sogenannten dualen Studiengänge liegen im Trend. Insgesamt 43.000 Plätze gibt es mittlerweile. Um einen einzelnen kämpfen bis zu 350 Bewerber. Eine Quote, bei der selbst exklusive Privatunis neidisch werden.

Wunschkinder der Wirtschaft

Die Zahl der Ausbildungsplätze, die diesen schnellen und extrem karriereorientierten Berufseinstieg ermöglichen, wächst mit zweistelligen Raten. An dem Modell, das vor zehn Jahren noch nahezu unbekannt war, beteiligen sich inzwischen mehr als 24.000 Unternehmen in Deutschland.

Janina zahlt keine Studiengebühren - im Gegenteil, sie bekommt als Auszubildende monatlich eine Vergütung von rund 550 Euro. Sie muss sich nicht in überfüllte Hörsäle quetschen - Geld für Räume und Lehrkräfte gibt es genug. Dafür erwartet ihr Arbeitgeber aber auch, dass Janina in den Semesterferien in der Werkshalle steht. So wie heute. Draußen kämpft sich die Frühlingssonne durch die Wolken, drinnen in der Halle stinkt es nach verbranntem Gummi und Schmieröl. Janina trägt einen Blaumann und klobige schwarze Sicherheitsschuhe. Schick manikürte lange Fingernägel sind beim Schweißen, Schrauben und Hämmern fehl am Platz. "Die würden ja sofort abbrechen", sagt sie. Und ihre schöne braune Mähne in eine trendige Föhnfrisur zu verwandeln wäre ebenso sinnlos. Der weiße Plastikschutzhelm würde sie sofort plattmachen.

Um 14.30 Uhr ist ihre Frühschicht zu Ende. Aber anders als ihre Kollegen geht Janina nicht auf ein Bier in die nächste Kneipe. Für die Studentin beginnt die zweite Schicht an diesem Tag: zu Hause am Schreibtisch, büffeln für die nächste Prüfung.

Doch wenn die gebürtige Dannenbergerin ihr Studium planmäßig in sieben Semestern abgeschlossen hat, ist sie ein absolutes Wunschkind der Wirtschaft: sehr jung, aber berufserfahren und mit einem abgeschlossenen Maschinenbaustudium. Nach solchen Kandidaten fahnden Unternehmen, die nicht selbst ausbilden wie Continental, an den Hochschulen. Sie loben Prämien in Höhe von mehreren Tausend Euro aus und locken mit allen Finessen, die das moderne Personalmarketing zu bieten hat: Da werden potenzielle Kandidaten schon mal zu Kennenlerntrips auf dem Segelboot in die Ägäis geflogen und im Winter zum Iglubauen nach Finnland gekarrt.

Im Schnitt verdienen Ingenieure in ihrem ersten Job 43.000 Euro, und das ist mittlerweile mehr als die bisherigen Topeinsteiger, die Betriebswirte (42.000 Euro), bekommen. Dazu gibt's vielfach "Begrüßungsgelder", sogenannte Signing-Boni, in Höhe von mehreren Tausend Euro und Gewinnbeteiligungen.

Richtige Balance zwischen Nachfrage und Veranlagung finden

"Doch auch tolle Berufschancen und dicke Gehaltsversprechen nützen nichts, wenn einem das Fach nicht liegt", warnt Lutz Thimm, Bildungs- und Karrierecoach aus Schwerte bei Dortmund, der allein im vergangenen Jahr mit seiner Firma mehr als 12.000 Schüler beraten hat. "Die Abbrecherquote bei den Ingenieurstudiengängen liegt bei 30 Prozent und höher. Alle schreiben sich ein, weil die Jobaussichten super sind, und fühlen sich anschließend völlig überfordert."

Es ist gar nicht so einfach, die richtige Balance zwischen Nachfrage und Veranlagung zu finden. Wer ganz ohne Begeisterung seinen Job macht, ist auf Dauer fehl am Platz. "Und wer sich nicht informiert, kann auch nicht die vielen Möglichkeiten entdecken", sagt Thimm. Keine Generation zuvor hatte eine derart breit gefächerte Auswahl unterschiedlichster Alternativen. Nie zuvor gab es eine solche Menge an Informationen. Allein die Datenbank der Bundesagentur für Arbeit führt 350 unterschiedliche Ausbildungsberufe. Darunter sind zwar einige aussterbende Gattungen wie der Revolverdreher oder der Schirmmacher, aber auch viele neue zukunftsträchtige wie der Fotomedienfachmann oder der Hafenlogistiker. Hinzu kommen gut 4000 Studiengänge, angefangen von A wie Abenteuerpädagogik bis Z wie Zivilrecht. "Doch der Großteil der Schüler kennt noch nicht mal die einschlägigen Internetseiten, auf denen sie sich informieren können", beklagt Lutz Thimm.

Alle drängen in die immer gleichen Berufe. Die Mädchen möchten Bürokauffrau oder Arzthelferin werden, die Jungen Kfz- Mechatroniker (früher Kfz-Mechaniker). Die Folge: Ende 2007 suchten noch knapp 2000 Jugendliche vergebens nach einer Lehrstelle als Kauffrau/Kaufmann und mehr als 1000 nach einem Ausbildungsplatz in einer Autowerkstatt, während im Hotelgewerbe 716 Ausbildungsplätze offen standen.

"Ich saß noch im Hörsaal, da bekam ich schon meine erste Festanstellung"

Für Miriam Harzheim, 28, völlig unverständlich. Die junge Frau studierte nach ihrer Hotellehre gleich auf Hotelmanagement an der FH in Bad Honnef. "Ich saß noch im Hörsaal, da bekam ich schon meine erste Festanstellung", erzählt sie. Jetzt hat die gebürtige Kölnerin nur ein Problem: neben dem Job irgendwie die Diplomarbeit fertig zu schreiben. "Das ist ein wenig stressig, aber das Angebot war so fantastisch, das konnte ich einfach nicht ablehnen."

Miriam arbeitet als Qualitätsmanagerin für das Fünf-Sterne-Hotel "de Rome" in Berlin. Im schicken blauen Kostüm, die blonden Haare streng zurückgekämmt, hat sie alles im Blick. Erst zupft sie einem Zimmermädchen die blütenweiße Schleife zurecht, dann kontrolliert sie das Blumenarrangement. Stehen die Lilien auch gerade? Für jeden Gast hat sie ein strahlendes Lächeln, und für jede nette Bemerkung bedankt sie sich mit einem "Ach, das ist aber ganz arg lieb von Ihnen".

Ob Weihnachten, Silvester oder Ostern, Miriam arbeitet im Hotel. "Wenn hier das Leben tobt, kann ich mich doch nicht zu Hause aufs Sofa legen", sagt sie. Dies Arbeitsethos ist in der Hotelbranche Einstellungsvoraussetzung.

Beruflich ist Miriam mit ihren 28 Jahren dafür schon ganz weit oben. Jetzt träumt sie davon, Chefin und dann einmal zur "Business Woman of the Year" gewählt zu werden - ein Preis für die "erfolgreichste, charismatischste und motivierendste Unternehmensführerin".

Berufseinsteiger werden optimistischer

Der Arbeitsmarkt bietet wieder Platz für Träume. Die Berufseinsteiger werden optimistischer, aber auch selbstbewusster und fordernder. Und diese Stimmung dürfte weiter anhalten. Die Belebung am Ausbildungsmarkt ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern ein langfristiger Trend - auch wenn die Konjunktur zwischendrin mal einen Schwächeanfall erleidet. Experten wie Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft sind sicher: "Der bestehende Fachkräftemangel wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung weiter verschärfen." Es rücken immer weniger Berufseinsteiger nach. Die geburtenschwachen Jahrgänge starten jetzt in den Arbeitsmarkt. Bis 2015 wird die Zahl der Arbeitskräfte zwischen 30 und 45 um mindestens ein Viertel sinken.

Die Folge: Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dreht sich langsam um. Die Zeiten, in denen Unternehmen träge in einem Riesenpool verzweifelter Bewerber fischen konnten, sind vorbei. Die Kandidaten wählen aus. Und wer gut ist, kennt seinen Marktwert, lässt sich nicht mit wolkig formulierten Karriereversprechen abspeisen. Der will Herausforderungen - und zwar sofort.

So wie der Wirtschaftswissenschaftler Till von Petersdorff. Gerade erst hatte er seinen ersten Job nach der Uni angetreten, da kündigte er ihn auch schon wieder. Nach nur fünf Monaten, ohne irgendein konkretes Jobangebot in der Hinterhand. Dabei war die Arbeit bei einem weltweit tätigen Baukonzern gut bezahlt und bot Karrieremöglichkeiten, so das Unternehmen auf seiner Website, die "weit über die üblichen Perspektiven hinausgehen". "Doch im Alltag war es langweilig, und die ewige Schreibtischhockerei hat genervt", sagt Till.

An Arbeitslosigkeit und Hartz IV musste er dennoch keinen Gedanken verschwenden. Ein paar Wochen später saß er dem Personalchef des Norderstedter Windkraftanlagenbauers Nordex gegenüber. Ein lockeres Vorstellungsgespräch genügte, und schon hatte er den neuen Job.

Nun betreut er als Junior-Projektleiter seine eigene Windkraftanlage auf Sizilien. Noch ist der Platz in der Nähe von Messina eine Baustelle, aber in ein paar Monaten sollen sich dort 21 Windräder drehen. Und Till kann regelmäßig der norddeutschen Kälte entfliehen und ins warme Italien fliegen.

Mitarbeit: Catrin Boldebuck, David Klaubert / print