Fans pilgern zur Mille Miglia wie Moslems nach Mekka. Das historische Straßenrennen durch Italien gehört noch immer zu den alljährlichen Highlights der Oldtimer-Szene. 1000 Meilen Fahrtwind und Fliegen im Gesicht. Am Wochenende durften Männer wieder Männer sein.

Herrnfahrt bei Sonnenschein© Michael Specht
Vergessen wir mal für ein paar Tage so moderne Worte wie Klimadebatte, Katalysator und Kohlendioxid. Verdirbt einem eh nur den Spaß. Den wollen nicht nur 375 Männer und Frauen in ihren sündhaft teuren Kisten haben, sondern auch hundert Tausende entlang der Strecke durchs schönste Italien. Brescia-Rom-Brescia. 1600 Kilometer oder 1000 Meilen. Deswegen heißt sie Mille Miglia.
Jeden Mai herrscht Ausnahmezustand südlich der Alpen. Dieses Rennen zieht das halbe Land in seinen Bann. Auch wenn es kein richtiges Rennen mehr ist. So wie es früher einmal war. 1927 wurde die Mille Miglia ins Leben gerufen. Bis 1957, dann war Schluss. Ein Ferrari flog in die Zuschauer und riss zehn Menschen mit in den Tod. Längst waren die Autos zu schnell und die Straßen zu schmal geworden. Stirling Moss schaffte 1955 die Tour in etwas mehr als zehn Stunden. Unvorstellbar.
Heute nimmt sich der Oldtimer-Tross dafür zweieinhalb Tage Zeit. Sehen und gesehen werden. Wer gewinnt, ist nicht so wichtig. Meist ist es eh ein Italiener und meist heißt dieser Cané. Neun Mal siegte der Mann schon, ist so etwas wie der Schumi der Tifosi. Aber keiner beschwert sich. Jedenfalls nicht so richtig. Hauptsache, man ist dabei.
Wie damals sitzen auch heute noch die Menschen vor ihren Häusern, Kinder bekommen schulfrei, Bauern unterbrechen ihre Feldarbeit. Sie alle winken, erfreuen sich an den wunderschönen Autos, die sich vom langweiligen Einerlei der heutigen Zeit so wohltuend abheben wie Gründerzeitvillen von Plattenbauten. In jedem Quadratzentimeter Blech steckt noch die Leidenschaft des Designers und die geschickte Hand des Karosseriebauers. Jedem Oldtimer-Liebhaber geht hier das Herz auf. Forza, forza, schneller, schneller, hört man es von allen Seiten. Die Aston Martin und Ferrari, die Maserati und Mercedes können nicht laut und nicht nah genug an den Zuschauern vorbeidonnern.

Früher ging es mit Top-Speed durch solche Gassen© Michael Specht
"Du hast beim Vorbeifahren einen Kloß im Hals, dir steht das Wasser in den Augen, im Menschen-Spalier berühren dich tausende Hände, schlagen dir aufmunternd von hinten gegen den Helm, mit sanfter Andacht, als seien wir Heilige", berichtet ein Teilnehmer. "Deine Gänsehaut ist noch das harmloseste."
Für dieses Gefühl kommen sie aus aller Welt, aus Nordamerika, Australien, Chile, Japan, Qartar und selbstverständlich aus ganz Europa. Skurrile Typen, Mittelmeer-Verdiener, Geld- und Autoadel, bisweilen auch richtiger Adel, Spinner, Schrauber, Enthusiasten und Exzentriker. Sie alle warten in Brescia brav auf die technische Abnahme ihrer Autos und auf die begehrte Startnummer. Stets wollen mehr als doppelt so viele dabei sein, wie zugelassen werden können. Deswegen wird ausgewählt, nach welchen Kriterien, weiß keiner so genau. Einzigartiges Auto, Vorjahressieg, was auch immer. Für alle gilt: Kein Auto älter als 1927 und jünger als 1957. Manche, so hört man, sollen versuchen, schon vorab ihre Nennung mit einem Blanko-Scheck zu garnieren, um mitfahren zu können. Denn Geld ist das letzte, was auf der Mille Miglia eine Rolle spielt.