Die Erfahrung lehrt, dass Apple seine Marktmacht gnadenlos ausspielt, sobald der Konzern die Chance dazu hat. So drängt er derzeit die Anbieter von TV-Serien auf iTunes zu Preissenkungen, um seine Geräte durch günstige Inhalte attraktiver zu machen. Konkurrierenden Videoplattformen wie Hulu bleibt derweil der Zugang zu iPod, iPhone und iPad versperrt. Die weitverbreitete Flash-Software zum Abspielen von Filmen aus dem Internet funktioniert auf den Apple-Geräten nicht.
Das Programm sei zu fehlerhaft und führe immer wieder zu Systemabstürzen, so die offizielle Begründung des Konzerns. Den Protest des Flash-Herstellers Adobe wischt Jobs beiseite: "Die sind faul", watscht er die Rivalen ab. Das Programm habe ohnehin keine große Zukunft. Amen.
Ohne den Segen aus Cupertino kann kein Programm über den App-Store vertrieben werden. Bevor dieser erteilt wird, dauert es oft Monate, und die Kriterien, nach denen die Entscheidung fällt, sind nicht immer leicht zu durchschauen.
So wurde eine Applikation zum Lesen digitaler Bücher der Amazon-Tochter Lexycle kurzerhand beschnitten. Seither ist es nicht mehr möglich, Buchtexte per Kabel von einem PC auf das iPhone zu übertragen. Lexycle wollte sich zu den Hintergründen nicht äußern. Begründung: Apple habe dies strikt untersagt.
Die ersten Entwickler kehren Apple bereits den Rücken, weil sie sich dem Diktat aus Cupertino nicht länger unterwerfen wollen. Der bekannteste: Joe Hewitt, der die populäre Facebook-App für das iPhone entwickelt hat. "Meine Entscheidung, die iPhone-Entwicklung einzustellen", begründete er seinen Ausstieg im November, "hat einzig und allein mit Apples Genehmigungsprozess zu tun."
Wie weit die Kontrolle reicht, durften auch deutsche Redaktionen schon erleben. So überblitzt die "Bild"-Zeitung auf ihrer iPhone-Anwendung die blanken Brüste ihrer Fotomodelle, die in der Print-Ausgabe unzensiert zu sehen sind.
Die App des Magazins "Stern" wurde sogar vorübergehend aus dem App-Store entfernt, weil eine Bilderserie den Sittenwächtern des Konzerns zu freizügig erschien. Pornografische, illegale oder die Privatsphäre verletzende Inhalte würden nicht akzeptiert, begründet Apple sein Vorgehen. "Es ist schon bemerkenswert, dass da selbst gestandene Verlage in die Knie gehen", wundert sich Medienökonom Rott.
Der Hamburger Professor fürchtet um die Pressefreiheit, sollte die Apple-Zensur auf die Medienangebote des iPad ausgeweitet werden. Denn Publikationen, die sich weigern, Apples inhaltliche Vorgaben zu füllen, droht der Ausschluss von der zukunftsträchtigen Plattform - und damit ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. "Eine quasimonopolistische Vertriebsstruktur, die keinen Regeln unterworfen ist, eröffnet Missbrauchsmöglichkeiten", warnt Rott. Angriff auf Google
Völlig unklar ist derzeit, was mit den Werbeerlösen der Printmedien passiert, sobald die ihre Titel digital auf dem Tablet-PC vertreiben. Die Sorge der Verlage: Apple wird auch hier seinen Anteil einfordern, sobald die Vermarktung von Anzeigen auf iPhone und iPad richtig in Schwung gekommen ist.
Die weltweiten Ausgaben für Werbung auf mobilen Geräten werden sich in den kommenden vier Jahren auf 9,3 Millarden Euro mehr als versechsfachen, schätzt die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers. Um in diesem Geschäft mitzumischen, hat Apple zu Jahresbeginn für 275 Millionen Dollar den auf Smartphones spezialisierten Werbevermarkter Quattro Wireless gekauft.