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Vergewaltigt im Flüchtlingsheim

In deutschen Unterkünften erleben viele Frauen und Kinder sexuelle Gewalt. Ein neues Gesetz hätte sie schützen können. Doch die Regierenden ließen es streichen.

Von Katharina Kluin

Eine Frau hinter einem Zaum, über den Wäsche zum Trocknen hängt

Nach Deutschland geflohen, noch immer in Angst: Frauen werden in Flüchtlingsheimen nicht selten Opfer von Gewalt

Der Weg zu den Toiletten führt vorbei an den Parzellen, in denen die allein reisenden Männer leben. Getrennt untergebracht sind sie ja, immerhin. Der Betreiber der Unterkunft in dem alten Hamburger Baumarkt hat vorsichtshalber Wachposten an die Sanitär-Container gestellt. Sie sollen den Weg, die Duschen und die Klos für Frauen und Kinder sicherer machen. Die gehen dennoch nur zu zweit oder zu dritt, vor allem nachts. Und keine, die ein bisschen "educated" ist, wie sie sagen, die ein wenig Ahnung hat, lässt ihre Kinder allein gehen. Weder die Mädchen noch die Jungen. "Ich lasse sie nur bis zur nächsten Querspange laufen", sagt eine Mutter. Denn wer dort hinten lebt, am nächsten Gang? "You never know."

In deutschen Flüchtlingsunterkünften sind Hunderttausende Frauen und Kinder untergebracht. Viele von ihnen leben in ständiger Angst vor sexueller Gewalt. Sie haben Deutschland erreicht. Aber sicher sind sie hier nicht.

Wo auch immer der stern zu Gewalt und sexuellen Übergriffen recherchierte, bei Polizei und Staatsanwaltschaften – im ganzen Land lagen Fälle vor. "Das Problem gibt es leider überall", sagt Kripo-Chef Ulf Küch aus Braunschweig, der mit seinem sehr differenzierten Buch "Soko Asyl" über die Arbeit seiner Sonderkommission rund um Flüchtlingsunterkünfte eigentlich nicht zu den Alarmisten gehört. Auch der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist überzeugt, dass "sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen in allen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland passieren". Mal sind Flüchtlinge die Täter, mal Sicherheitsleute, mal ehrenamtliche Helfer.


Täter lauern überall

In Hamburg flüchtete eine Frau aus dem Iran mit ihren zwei Kindern in ein Frauenhaus. Sie war in der Waschküche von einem Wachmann vergewaltigt worden, zwei Mal. Allein in diesem Jahr, das ergab eine kleine Anfrage der FDP in der Hamburger Bürgerschaft, meldeten die Unterkünfte der Hansestadt bis Ende Februar neun Fälle sexueller Gewalt. Bei dreien ging es um Kinder, darunter ein fünfjähriges Mädchen. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt derzeit gegen einen Syrer, der sich in einer Unterkunft an einem 13-jährigen Albaner vergangen haben soll. In Gießen verurteilte das Amtsgericht einen Pakistaner, weil er versucht hatte, eine Achtjährige auf dem Klo zu missbrauchen. In Freiburg ermittelte die Polizei gegen einen Iraker, der einer Iranerin unter dem Tisch seinen Penis entgegenhielt. In Eisenhüttenstadt untersuchte die Justiz den Fall zweier Afghanen, die eine Frau aus Kenia vergewaltigt haben sollen. Und in Nürnberg gab es Aufregung um einen ehrenamtlichen Deutschlehrer, der seinen jungen Schülern deutlich zu nahe kam.

Wie viele Fälle es genau gibt, ist unklar. Sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften werden statistisch meist nicht gesondert erfasst. Doch was Forscher über die Gefahr für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wissen, alarmiert: Ihr Risiko, missbraucht zu werden, ist sechseinhalb Mal so groß wie das anderer Kinder.

Tatorte sind meist die Unterkünfte

In einer Stichprobe in England gaben drei Viertel junger afrikanischer Flüchtlinge an, im Aufnahmeland Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein – die meisten davon innerhalb ihrer Unterkünfte. Beratungsstellen und Anti-Missbrauchs-Initiativen wie Zartbitter, Agisra oder Petze sagen, sie hätten inzwischen fast täglich mit neuen Fällen zu tun. Und auch Frauenhäuser sind alarmiert, weil immer häufiger Frauen vor der Tür stehen, die in den Aufnahmezentren zu Opfern wurden.

Die Unsicherheit über die Zukunft, die Traumata der Flucht und der Verlust der Heimat, die Unmöglichkeit von Privatheit und die räumliche Enge – in Flüchtlingsheimen verdichten sich Schicksale und Gelegenheiten zum Hochrisikogebiet. Doch die Bundesregierung hat gerade entschieden, dieses Risiko weiter in Kauf zu nehmen. Manche sagen sogar: ganz bewusst.

Keine Grundlage für Schutzmaßnahmen mehr

In den ersten Entwürfen zum Asylpaket I, das im Sommer 2015 verhandelt wurde, gab es den Passus "Schutzbedürftige Personen mit besonderen Bedürfnissen". Demnach sei deren "spezielle Situation" – gemeint waren unter anderem Minderjährige, Schwangere, Alleinerziehende und Opfer sexueller Gewalt – während "der gesamten Dauer des Asylverfahrens" zu berücksichtigen.

Der Paragraf wäre die Grundlage für alle Schutzmaßnahmen in Flüchtlingsunterkünften gewesen, die Experten schon lange fordern. Dazu gehören geschlechtergetrennte Duschen und Toiletten, aber auch klar zuständige Ansprechpartner, sichere Rückzugsräume sowie Schulungen für Angestellte und Helfer, um Gefahrensituationen und Warnsignale zu erkennen. Anforderungen, die ganz ähnlich in jeder deutschen Kita, jedem Hort, in jeder Schule Grundvoraussetzung sind, weil man weiß, dass sie sexuelle Gewalt verhindern helfen. In deutschen Flüchtlingsunterkünften hingegen gibt es oft nicht einmal Duschvorhänge. Das Schutzgesetz hätte solche Missstände beendet.

Nach Köln sah die CDU keinen Bedarf für Verbesserungen mehr

Allein: Der Passus flog raus, als die Zahl der Flüchtlinge so sehr stieg, dass kaum eine Kommune noch wusste, wo sie die Menschen überhaupt unterbringen sollte. Der Schutz für Frauen und Kinder wurde zunächst vertagt. Es hieß, er komme im Asylpaket II. 

Dann aber kam Silvester, dann kam Köln. Und wenige Tage später hörten die beteiligten Interessenverbände aus dem CDU-geführten Bundesinnenministerium, dass die Schutzgesetze auf Eis gelegt seien. In SPD-Kreisen heißt es, mit der Union sei spätestens seit der Kölner Nacht nichts mehr zu machen, was die Lebenssituation für Flüchtlinge in Deutschland verbessere. Aus Angst, dass noch mehr kämen. Im Innenministerium will man das so nicht bestätigen, vielmehr seien die Schutzgesetze angesichts der vielen Menschen, die man unterbringen müsse, zu schwer umzusetzen. Doch ein Mitarbeiter von Minister de Maizière sagt auch, vielleicht habe "die CSU das ja einfach nicht mehr gewollt".

Grob fahrlässig

In der Konsequenz bedeutet dieser politische Schachzug: Abschreckung auf Kosten der Schwächsten. Gerade nach Köln hätte man den besonderen Schutz für Frauen und Kinder für elementar halten können. Stattdessen war er: gestrichen. Das Asylpaket II passierte den Bundestag – und es wurde wieder still um die Nöte in den Unterkünften.

Johannes-Wilhelm Rörig, der bei seinem Amtsantritt als Unabhängiger Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung vielen als zu zahm gegolten hatte, ist seither auf den Barrikaden. Von einer "Politik des kalten Herzens" spricht er und davon, dass das allgemeine "unverbindliche Mitgefühl" ihn inzwischen wütend mache. Es sei grob fahrlässig zu warten, bis sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften für den nächsten Missbrauchs-Eklat sorgen. "Die Verweigerung gesetzlicher Mindeststandards ist an sich schon ein Skandal."

Doch seine Chancen, gesetzliche Verbesserungen durchzusetzen, stehen nicht gut, denn mögliche Mitstreiter hüllen sich weiter in Schweigen. Viele Betreiber sprechen Missstände lieber nicht an, um ihren Auftrag nicht zu verlieren – und verstärken stattdessen das Sicherheitspersonal. Die ehrenamtlichen Helfer bleiben ruhig, weil die Geschichten über übergriffige Flüchtlinge nicht den Pegidas in die Hände spielen sollen. Auch die lokale Politik macht die Vorfälle selten bekannt, um den Unmut der Bürger nicht zu befeuern. Zudem würden die Schutzmaßnahmen für die Kommunen wohl teuer.

Die Frauen schweigen

Vor allem aber schweigen die Frauen selbst. Aus Scham. Aus Angst vor den Tätern. Aus Angst um ihren Asylantrag. Sie schweigen, weil sie ihre Rechte als Frauen in Deutschland nicht kennen. Und weil sie dort, wo sie zu Hause waren, oft kaum Rechte hatten. Wer in den überfüllten, trostlosen Massenunterkünften leben muss, will nur eines: raus. Und tut deshalb möglichst nichts, was Ärger bescheren könnte.

"Bei uns ist die Frau für die Ehre des Mannes verantwortlich", sagt Zohre Esmaeli, die schon vor 15 Jahren aus Afghanistan kam. "Wenn er sich nicht zügeln kann, ist sie daran schuld." Zohre war 13, als ihre Familie floh. Zwei Jahre hat sie in deutschen Flüchtlingsunterkünften verbracht.

Die Stimmung, die sie beschreibt, ist dieselbe, die jetzt die Frauen in dem Hamburger Ex-Baumarkt und in vielen anderen Aufnahmen erleben: "Wir waren immer auf der Hut. Vor den Duschen hielt eine Wache. Auf dem Weg dorthin zischte uns immer jemand etwas nach. Einer machte eine Handbewegung, als würde er masturbieren."

Doch Zohre reagierte nicht mit Wut, sondern mit Scham: "Ich habe mich eklig gefühlt." Sie habe das alles ja tatsächlich schon von zu Hause gekannt, sagt sie. Aber in Deutschland habe sie sich noch schutzloser gefühlt, angreifbarer.

Ruba S lächelt und trägt Jacke und Kopftuch

Ruba S. hielt es in der Unterkunft nicht aus. Sie lebt bei einer deutschen Freundin.

Bedrohung überall

Wie schwer es ist, das allgemeine Stillhalten zu durchbrechen, weiß auch Ruba S. Sie ist 27, ihre Tochter ist 12. Die beiden kamen im August aus Damaskus. Eine Zeit lang waren sie in einem ehemaligen Krankenhaus im Ruhrgebiet untergebracht. Sechsbettzimmer.

Eines Tages kam dort ein Mann herein, ohne zu klopfen, ohne zu fragen. Er riss einfach die Tür auf, ging grinsend vorbei an den fünf syrischen Frauen, die gerade noch rechtzeitig ihre Kopftücher überstreiften. Und baute sich am Bett einer gut aussehenden Frau aus Eritrea auf. Es war, als wollte er sagen: Ich mache hier, was ich will. Die Afrikanerin sagte später, dass er sie nicht angefasst habe, die Bedrohung aber ging ihr unter die Haut. Der Mann war in der Unterkunft angestellt. Ihr Asylantrag lief. Sie hatte Angst vor Verwicklungen und wollte lieber keine Hilfe suchen.

Die Wahrheit kommt erst viel später ans Licht

"Was in den Heimen wirklich geschieht, werden wir erst in einigen Jahren genauer wissen", sagt Ursula Enders, die die Kölner Beratungsstelle Zartbitter leitet. So sei es schon mit den Flüchtlingen aus dem Iran in den 1980ern gewesen. Mit jenen aus Jugoslawien in den 90er Jahren. Und auch mit denen aus der DDR, die zu Wendezeiten in westdeutschen Sammelunterkünften lebten.

"Die Frauen kamen jedes Mal nach zwei, manchmal nach fünf Jahren", sagt Enders. "Immer erst dann, wenn sie in ihrem neuen Leben einigermaßen Fuß gefasst hatten. Viele Frauen sagten, ihnen sei erst jetzt klar geworden, was ihnen damals eigentlich geschehen sei."

Es braucht Mut, Vorfälle zu melden

Wie Frauen und Kinder von ihren Rechten erfahren und ob sie herausfinden, wer ihnen hilft, bleibt ohne das Gesetz im Asylpaket nun weiterhin Glückssache. Je nachdem, wie engagiert Heimleiter, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche daran mitarbeiten. Je nachdem, wie hartnäckig Betroffene nach ihren Rechten fragen. 

Als die Frau aus Eritrea stumm blieb, entschied Ruba S. selbst, die Heimleitung zu informieren. Sie spricht Englisch, und sie hat Courage, unterhält sich seit ihrer Ankunft viel mit Helfern und Beamten. Sie wusste deshalb, dass Schweigen nicht der einzige Ausweg ist. Die Leiterin der Unterkunft war froh, dass sie kam. Es gebe Gerüchte über den Mann, sagte sie, aber solange die Frauen nichts meldeten, könne sie nichts tun. Kurze Zeit später war er raus aus dem Heim.

Männer als Security

Doch selbst dort, wo man es ausdrücklich richtig machen will, fehlt auf deutscher Seite oft das Verständnis für die Kultur der Neuankömmlinge. Ruba S. erzählt von einer reinen Frauenunterkunft, in der sie kurzzeitig untergebracht war. 60 Frauen in einer Halle. Geordnet und geschützt durch männliche Security. "Da standen überall Männer herum!", sagt sie, und zuerst fragt man sich, was sie daran so empört. Bis klar wird: Frauen, deren erlernte Überzeugung es ist, in der Öffentlichkeit nur unter dem Kopftuch sicher zu sein, können dieses Tuch unter den Blicken fremder Männer nicht ablegen. Ruba S. sagt, sie habe nur noch die Toilettenbesuche dazu nutzen können, den Stoff vom Kopf zu bekommen. Für manche muslimische Frauen wird das Kopftuch erst in deutschen Sammelunterkünften zum Gefängnis. Und die oft geäußerte Aufforderung, sich nicht so anzustellen, verletzt eine tief verankerte Schamgrenze.

Die Afghanin Zohre Esmaeli sagt, um Barrieren wie diese zu überwinden, sei intensive Arbeit nötig. Sie hat deshalb das Projekt "Culture Coaches" gegründet. "Wir müssen lernen, die kulturellen Codes zu übersetzen", sagt sie.

Öffentlich sagt keine Frau aus

Wie schief es sonst gehen kann, haben seit vergangenem Spätsommer Frauen und Flüchtlingsorganisationen bundesweit erlebt, die mit deutscher Rechtsauffassung und Zielstrebigkeit auf die Situation in den Unterkünften aufmerksam machen wollten. Zuletzt in Köln, wo Flüchtlingsfrauen – unterstützt von lokalen Aktivisten – einen offenen Brief formulierten, in dem sie massive Vorwürfe gegen die Wachleute ihrer Unterkunft erhoben. Unter anderem, schrieben sie, hätten die Ordner sie in den Duschräumen und beim Stillen fotografiert und gefilmt. Die Polizei, die kurz darauf in der Unterkunft ermittelte, konnte von alldem nichts bestätigen: Keine der Frauen sagte aus, was sie zuvor beschrieben hatten. 

Auch in München und in Gießen schlugen Alarmierungsversuche deutscher Helfer auf diese Weise fehl. Kein Wunder, schreibt die Initiative Women in Exile in einer Stellungnahme: "Die Polizei führte die Befragungen mit großem Aufgebot durch, auch mit männlichen Beamten.
Die massive Polizeipräsenz und der Druck, sofort aussagen zu sollen, haben Angst erzeugt." Schwer zu sagen, was wirklich passierte. Sicher ist: Auf diese Weise wird es niemand je erfahren. Es ist wie so oft in diesen Tagen – was bleibt, ist Learning by Doing. In der Hamburger Erstaufnahme Schnackenburgallee versuchen sie, den Frauen und Kindern mit eigenen Zelten Räume zu schaffen, in denen sie sich sicherer fühlen. Es gibt dort Teppiche, Sitzecken, heißen Tee – und ein Notfallfunkgerät.

Mitarbeit: Andreas Hoidn-Borchers, Barbara Opitz, Ingrid Eißele
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