"Wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu"

5. Oktober 2006, 11:47 Uhr

Mehr als vier Jahre wurde der Türke aus Bremen im US-Gefangenenlager Guantanámo festgehalten - selbst als längst klar war, dass er mit Terrorismus nichts zu tun hatte. Im stern spricht Murat Kurnaz erstmals über seine Zeit dort, über Isolationshaft, Folter, Demütigung und Angst. Von Uli Rauss und Peter Meroth

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Der ehemalige Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz©

Murat Kurnaz, Weshalb tragen Sie diesen mächtigen Bart?
Der einzige Grund ist die Sunna. Die Sunna, das ist die Überlieferung vom Leben Mohammeds. All dem, was unser Prophet getan hat, sollen Muslime nacheifern. Viele Propheten haben einen Bart getragen, auch Prophet Jesus.

Trägt nicht der Papst auch einen Bart?

Nein.
Nein?

Aber die orthodoxen Christen, das weiß ich, die tragen ebenfalls Bärte.

Wurden Ihnen während der Gefangenschaft Bart und Haare geschnitten?
Ja, zweimal, in Kandahar.

Was bedeutet es für einen Muslim, rasiert zu werden?
Der Bart ist ein Symbol des Glaubens. Ich habe einen alten Mann gesehen, er war 80, dem wurde in Kandahar sein weißer Bart rasiert. Er fing an zu weinen.

Durften die Gefangenen in Guantánamo Bart und Haare wachsen lassen?
Nicht alle. Manche wurden zur Strafe rasiert.

Warum Sie nicht?
Ich weiß es nicht. Die Amerikaner stellten uns als Terroristen dar. Jeden Einzelnen von uns, ohne Prozess, ohne Beweise. Da passten lange Bärte den Militärkameraleuten gut ins Bild: "Seht, sie lassen sich die Haare wachsen, weil sie Osama lieben." Wer sich auskennt, weiß, dass wir seit 1400 Jahren Bärte tragen, da ga's noch keinen Osama.

Sind Sie in Guantánamo noch gläubiger geworden?
Das kann ich nicht sagen. Ich bin immer noch derselbe wie vorher. Aber den Koran kann ich jetzt auf Arabisch lesen.

Sie haben Arabisch gelernt?
Und Usbekisch. Und richtig Englisch.

Was bedeutet Guantánamo für Sie?
Das ist ein Ort auf einer Karibikinsel. Der US-Stützpunkt ist das Problem, das Lager.

Nicht Guantánamo, nicht die Natur und nicht die Tiere. Iguanas, so nannten wir die großen Geckos, haben uns besucht, da konnten die Amerikaner machen, was sie wollten. Die Iguanas kamen zu den Essenszeiten, die hatten sie sofort gelernt, und ich habe sie manchmal gefüttert, obwohl das verboten war. Dann wurde ich halt bestraft, musste in die Isolationszelle.

Isolationshaft? Wie lange denn?
Zehn Tage.

Dafür?
Das ist eine leichte Strafe. Weniger als zehn Tage gibt's nicht.

Was sind dann schwere Strafen?
Einmal kam ich für drei Monate und fünf Tage in die Isolationszelle, weil mein Vernehmer mit meiner Aussage nicht zufrieden war. Oft gab es Strafen, für die kein Grund zu erkennen war. Guantánamo ist ein Ort ohne Gesetze, dafür wurde es geschaffen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 41/2006

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