5. Oktober 2006, 11:47 Uhr

"Wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu"

Mehr als vier Jahre wurde der Türke aus Bremen im US-Gefangenenlager Guantanámo festgehalten - selbst als längst klar war, dass er mit Terrorismus nichts zu tun hatte. Im stern spricht Murat Kurnaz erstmals über seine Zeit dort, über Isolationshaft, Folter, Demütigung und Angst. Von Uli Rauss und Peter Meroth

al Qaeda, Terror, Terrorismus, Taliban, Guantanamo, Murat Kurnaz, Interview, stern-Investigativ, al Kaida, Guantánamo, 9/11, 9. September 2001

Der ehemalige Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz©

Murat Kurnaz, Weshalb tragen Sie diesen mächtigen Bart?
Der einzige Grund ist die Sunna. Die Sunna, das ist die Überlieferung vom Leben Mohammeds. All dem, was unser Prophet getan hat, sollen Muslime nacheifern. Viele Propheten haben einen Bart getragen, auch Prophet Jesus.

Trägt nicht der Papst auch einen Bart?

Nein.
Nein?

Aber die orthodoxen Christen, das weiß ich, die tragen ebenfalls Bärte.

Wurden Ihnen während der Gefangenschaft Bart und Haare geschnitten?
Ja, zweimal, in Kandahar.

Was bedeutet es für einen Muslim, rasiert zu werden?
Der Bart ist ein Symbol des Glaubens. Ich habe einen alten Mann gesehen, er war 80, dem wurde in Kandahar sein weißer Bart rasiert. Er fing an zu weinen.

Durften die Gefangenen in Guantánamo Bart und Haare wachsen lassen?
Nicht alle. Manche wurden zur Strafe rasiert.

Warum Sie nicht?
Ich weiß es nicht. Die Amerikaner stellten uns als Terroristen dar. Jeden Einzelnen von uns, ohne Prozess, ohne Beweise. Da passten lange Bärte den Militärkameraleuten gut ins Bild: "Seht, sie lassen sich die Haare wachsen, weil sie Osama lieben." Wer sich auskennt, weiß, dass wir seit 1400 Jahren Bärte tragen, da ga's noch keinen Osama.

Sind Sie in Guantánamo noch gläubiger geworden?
Das kann ich nicht sagen. Ich bin immer noch derselbe wie vorher. Aber den Koran kann ich jetzt auf Arabisch lesen.

Sie haben Arabisch gelernt?
Und Usbekisch. Und richtig Englisch.

Was bedeutet Guantánamo für Sie?
Das ist ein Ort auf einer Karibikinsel. Der US-Stützpunkt ist das Problem, das Lager.

Nicht Guantánamo, nicht die Natur und nicht die Tiere. Iguanas, so nannten wir die großen Geckos, haben uns besucht, da konnten die Amerikaner machen, was sie wollten. Die Iguanas kamen zu den Essenszeiten, die hatten sie sofort gelernt, und ich habe sie manchmal gefüttert, obwohl das verboten war. Dann wurde ich halt bestraft, musste in die Isolationszelle.

Isolationshaft? Wie lange denn?
Zehn Tage.

Dafür?
Das ist eine leichte Strafe. Weniger als zehn Tage gibt's nicht.

Was sind dann schwere Strafen?
Einmal kam ich für drei Monate und fünf Tage in die Isolationszelle, weil mein Vernehmer mit meiner Aussage nicht zufrieden war. Oft gab es Strafen, für die kein Grund zu erkennen war. Guantánamo ist ein Ort ohne Gesetze, dafür wurde es geschaffen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 41/2006

  zurück
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 ... 16
 
 
Jetzt bewerten
1 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
US-Gefangene in Afghanistan vor deutschen Spezialkräften misshandelt KSK: "Das war einfach schäbig"

stern-Recherchen widerlegen Zweifel an den Aussagen von Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz über Misshandlungen amerikanischer Gefangener und die Rolle deutscher Kommandosoldaten in Afghanistan

Afghanistan Deutsche Soldaten bewachten US-Foltergefängnis

KSK-Soldaten haben mittlerweile eingeräumt, Murat Kurnaz im afghanischen Kandahar begegnet zu sein. Wie stern.de erfuhr, haben deutsche Elitesoldaten das geheime US-Foltergefängnis bewacht.

Der Fall Murat Kurnaz Regierung gesteht Kontakt zwischen KSK und Kurnaz

Die Bundesregierung hat zugegeben, dass deutsche Soldaten der Eliteeinheit KSK in Afghanistan Kontakt mit dem entführten Murat Kurnaz hatten. Geschlagen hätten diese den Deutschtürken jedoch nicht, hieß es. Die Grünen geißelten die Informationspolitik der Regierung.

Politskandal Tatort Kanzleramt

Es ist ein trister Oktobertag, als die Herren im siebten Stock des Bundeskanzleramtes eine denkwürdige Entscheidung fällen. Sie sind bereit, sich über rechtsstaatliche Prinzipien und Völkerrecht hinwegzusetzen. Sie nehmen in Kauf, dass ein 20-Jähriger aus Bremen über Jahre interniert und gefoltert wird. Der junge Mann ist unschuldig. Die Herren wissen das.

USA boten frühzeitig Freilassung von Kurnaz an Geheimunterlagen widerlegen Steinmeier

Die Amerikaner hielten Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz für harmlos und wollten ihn schon 2002 nach Deutschland schicken. Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD), damals im Kanzleramt, bestreitet ein solches Angebot.

Kurnaz-Affäre Steinmeier behinderte Freilassungsbemühungen

Kanzleramt und Bundesinnenministerium hintertrieben die Bemühungen des Auswärtige Amts, Murat Kurnaz aus Guantanamo freizubekommen. Dokumente, die dem stern vorliegen, zeigen: Das Kanzleramt ließ die Diplomaten im Dunkeln über die Aktivitäten von Innenministerium und Geheimdiensten.

Murat Kurnaz "Einmal Zecke, immer Zecke"

Dokumente belegen, wie das Auswärtige Amt versuchte, Murat Kurnaz aus Guantánamo freizubekommen. Kanzleramt und Geheimdienste haben das hintertrieben.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind