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20. April 2007, 09:25 Uhr

"Fünf Jahre meines Lebens"

In seinem neuen Buch "Fünf Jahre meines Lebens" beschreibt Murat Kurnaz seine Gefangenschaft im Millitärlager Guantanamo. Das Nachwort des Buches der stern-Reporter Uli Rauss und Oliver Schröm skizziert den ganzen Fall Murat Kurnaz.

stern-Investigativ, Kurnaz

Murat Kurnaz hat seine Erlebnisse als Gefangener jetzt in einem Buch niedergeschrieben© Tobias Schwarz/Reuters

Folteropfer haben es schwer in Zeiten, in denen der Kampf gegen den Terrorismus entartet zu einem Kampf gegen die Prinzipien des Rechtsstaats. Folteropfer haben es schwer, vor allem, wenn sie Moslems sind, einen türkischen Pass haben und einen langen Bart tragen, als Zeichen ihres Glaubens und Durchhaltewillens. Und wenn das, was sie sagen, geeignet ist, Spitzenpolitiker, Geheimdienstchefs und Generäle zu demaskieren.

Dann kann es passieren, dass Folteropfer, auch wenn sie über Jahre gequält und gedemütigt wurden, noch einmal verprügelt werden. Mit einer gezielt gesteuerten Kampagne, die sich der Lügen, Halbwahrheiten und Ressentiments bedient.

Heinrich Böll erklärte 1974, als seine Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" erschien: "Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen." Murat Kurnaz kehrte am 24. August 2006 aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo Bay nach Deutschland zurück, sechs Wochen später sprach er im "Stern" erstmals öffentlich über das, was ihm in den vergangenen fünf Jahren widerfahren war. Isolationshaft, Elektroschocks, Schlafentzug - Exzesse in George Bushs "Krieg gegen den Terror". Das war harter Stoff: das System Guantanamo, das kalkulierte Brechen völlig rechtloser Menschen. Und es war innenpolitisch brisant: Deutsche Elitesoldaten, so gab Kurnaz an, hätten ihn in Afghanistan misshandelt, deutsche Geheimdienstler hätten ihn in Guantanamo zynisch ausgenutzt, teils wissend, wie er dort behandelt wurde.

Konnte man Murat Kurnaz glauben? Viele konnten das nicht. Die Aussagen des 24-Jährigen aus Bremen, die er im Buch maßgeblich erweitert, stimmten bis ins Detail überein mit dem, was im mittlerweile sehr umfangreichen Bestand an Dokumenten und Berichten über Guantanamo verfügbar ist. Britische Ex-Insassen und frühere US-Militärs hatten berichtet über die Schlägertrupps der Militärpolizei in Camp Delta, deren Existenz das Pentagon lange dementiert hatte. Ex-Militärpfarrer und ehemalige Verhörexperten hatten systematische Koranschändungen durch Wärter sowie sexuelle Demütigungen durch US-Soldatinnen beschrieben. FBI-Beamte schilderten in internen Vermerken, wie zugeknotete Gefangene stundenlang angekettet in Verhörcontainern wimmerten oder wie einem vollbärtigen Gefangenen der Kopf mit Packband verklebt worden war. Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen sorgten vor allem auf gerichtlichem Wege dafür, dass weitere Details aufgedeckt wurden.

Keine Schilderung ist so genau

Wer sich nur einige der Szenen, die Murat Kurnaz in diesem Buch beschreibt, bildhaft vorstellen kann, als Fotografien im Kopf, und dann eine Auswahl des Grauens trifft, der wird das Abu-Ghraib-hafte von Guantanamo erkennen. Wir kennen keine Schilderung, die Guantanamo so detailreich und genau aus der Sicht von Gefangenen darstellt, wie das hier geschieht. Man kann Murat Kurnaz glauben. Viele indes wollen das nicht.

Zweimal äußerte sich das Folteropfer vor öffentlichen parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Brüssel und Berlin, und Politiker dort gaben sich beeindruckt. Wenig später aber wurde Kurnaz erneut in die Nähe von Taliban und Terroristen gerückt. Die Schlagzeilen lauteten: "Kurnaz, der mutmaßliche Terrorist, wechselt nun in die Rolle des Opfers", "Wie der Türke Kurnaz zum radikalen Moslem wurde" und "Bremer Taliban - wie gefährlich war er wirklich?".

Anonyme Militärs gingen an die Medien

Es ging dabei nicht um die Foltervorwürfe gegen die Amerikaner; angezweifelt wurden vor allem jene Aussagen, die Bundesregierung und Bundeswehr belasteten. Konnte es sein, dass Kurnaz wirklich von Mitgliedern des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in einem geheimen Lager auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Kandahar misshandelt worden war? Damals sei das KSK überhaupt nicht in Afghanistan stationiert gewesen, lancierten anonyme Militärs in den Medien.

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