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Die Sühne Mannheims - Xavier Naidoo am digitalen Galgen

Puh, da haben wir ja nochmal Glück gehabt. Fast hätten wir einen unserer besten Sänger zum ESC nach Schweden geschickt. Aber Dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung konnte das gerade noch verhindert werden.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Der Facebook-Galgen: Im Fall Naidoo hat er funktioniert.

Kaum wurde bekannt, dass die ARD den singenden Wanderprediger Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest schicken will, mutierte Facebook zu einer Art Simon-Wiesenthal-Center, um dieses gewaltige Unglück von Gesangsdeutschland fern zu halten und den schlimmen Nazi und Schwulenhasser aufzuhalten.

Zugegeben, mit ein paar trommeldoofen Aussagen über die vermeintliche Unfreiheit Deutschlands, das ewige Gebäude 7 bei 9/11, Verschwörungstheorien und schwulenunfreundlichen Textbausteinen in missratenen Poprapsongs hat sich der Xavier im Laufe der Jahre selbst bei wohlgesonnenen Menschen zu einem Wunderling entwickelt. Auch der Auftritt vor den sagenhaft dummen Reichsbürgern zählte gewiss nicht zu seinen Highlights.

Klar, er sieht sich "wie Jesus", aber wenn man sich mit einem "da hab' ich gedacht, dann komm' ich auch mal rum" einem so fragwürdigen Publikum aus Aluhüten und Halbrechten zuwendet, muss man sich zumindest den Vorwurf gefallen lassen, sich sein Publikum offensichtlich nicht allzu genau anzusehen.

Vom spinnerten Sänger zum Alphanazi

Das Ausmaß allerdings, in dem Naidoo plötzlich innerhalb weniger Stunden allzu bereitwillig von einem spinnerten Sänger zum Alphanazi und notorischen Schwulenhasser gemacht wurde, ist erschreckender als ein paar zugegebenermaßen dämliche Aussagen. Dass nicht alle gleich noch ihre Profilbilder braun eingefärbt haben, hat mich direkt überrascht.

Beim NDR hat es sogar funktioniert. Die glaubten, ihr singendes Filetstück stolz in die Auslage legen zu können. Stattdessen stand er einen ganzen Tag lang im Fäkalhagel - wo der Sender den beschädigten Blödelbarden dann auch schlussendlich alleine ließ.

Der Fall Naidoo war der absolute Tiefpunkt der sozialen Netzwerke. Ein Alltime Low. Und ich unterstelle vielen, dass sie einfach Spaß daran hatten, diesen Zirkus mitgemacht zu haben, ohne auch nur jemals eine Aussage Naidoos überhaupt gelesen zu haben.

Mag es einigen wenigen noch ein ernstes Anliegen gewesen sein, zu zeigen, dass da etwas nicht stimmt mit diesem Sänger, ging es ca. 98 Prozent nur darum, dabei zu sein. Meinungsbukkake als Event. Und dieses mal war halt der Sohn Mannheims in der Mitte.

Ein Schlagerwettbewerb - nicht mehr und nicht weniger

Davon ab: Wer sagt überhaupt, dass jetzt nur noch Leute auf Bühnen performen dürfen, deren politische Haltung und Meinung wir zu hundert Prozent teilen. Wenn dem so wäre, sollten wir vielleicht den Grafen von Unheilig schicken. Der soll sehr nett sein, SPD wählen und ab und an im Biomarkt einkaufen. Komm' mir jetzt bloß keiner mit der politischen Botschaft des ESC - sonst fall' ich vornüber in den Käseigel. Es ist ein Schlagerwettbewerb. Ein Schlagerwettbewerb!

Xavier Naidoo hat bei seinem Auftritt vor den Reichsbürgern einen Satz begonnen mit: "Wir haben in Deutschland ja Meinungsfreiheit." Da wurde gelacht. Es ist natürlich unglaublicher Unsinn, da zu lachen. In Deutschland kann jeder seine Meinung sagen, ohne politisch verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder getötet zu werden. Darüber hinaus wird es hakelig.

Ein beliebter Witz ist es, sich über Leute zu amüsieren, die Worthülsen benutzen wie: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" Mach' ich auch gern. So langsam allerdings fange ich an mich zu fragen, wie es um die Haltungsfreizügigkeit bestellt ist. Die Beschädigung Einzelner durch das kollektive Durchwulffen ist nicht unbeträchtlich.

Online-Petitionen für alles und jeden

Wieso fordern wir eigentlich immer gleich Berufsverbot? Warum wollen wir per Online-Petition alles und jeden abschaffen? Lanz, Reif, Naidoo - völlig gleich. Sind wir nicht einmal in der Lage, die Meinung eines Matussek auszuhalten, den Schwachsinn eines Pirincci? Ist das nicht auch Teil einer pluralistischen Gesellschaft, dass auch solche Ansichten publiziert werden? Dass jemand tatsächlich dazu aufgerufen hatte, die Bücher von Pirincci zu verbrennen, um gegen Nazis zu demonstrieren, entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik.

Bei Facebook und Twitter steht der Regler mittlerweile permanent auf zehn. Das können wir gerne so weiter machen. Und es macht mitunter Spaß. Ich kenne das. Wenn die Temperatur unserer Erregung aber immer gleich ist, müssen wir in Kauf nehmen, dass man die Ernsthaftigkeit unseres Anliegens im Einzellfall stark bezweifeln muss.

Heute wüten wir über den IS, morgen wollen wir mit derselben Wut den "Tatort" absetzen, übermorgen äußert sich ein Soapstar unglücklich über Pelztiere und soll per Online-Petition des Landes verwiesen werden.Die Nivellierung des digitalen Furors. Geht es uns denn wirklich noch um was?

Davon ab: Wäre Xavier Naidoo tatsächlich ein Rassist - was ich stark bezweifle und jeder aus seinem persönlichen Umfeld fassungslos bestreitet - gäbe es jemanden, der Deutschland 2015 derzeit besser repräsentieren könnte? Überdies gäbe es endlich mal weder Punkte aus Russland.

Für diese ganze Nummer hätten wir es verdient, dass am Ende die ARD Helene Fischer nach Schweden schickt. Diese Sagrotan-Sirene, die Zeit ihres Lebens noch nicht ein Interview gegeben hat, in dem auch nur ein lesenswerter, persönlicher oder gar spannender Satz gewesen wäre. Sie wird genau wissen, warum.

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