Das Programm der großen Privatsender für die kommende Saison sagt viel darüber aus, wie sie ihr Publikum einschätzen. Während RTL auf Harmonie setzt, dreht ProSieben die Krawallschraube weiter auf. Gemein ist den Sendern die Hinwendung zum eigenen Land. Von Bernd Gäbler

Stefan Raabs Wettkämpfe werden auch in der neuen Saison das ProSieben-Programm prägen© DPA
Alle großen privaten Sender - RTL und die entsprechende Sendergruppe ebenso wie ProSiebenSat1 - haben inzwischen der Presse und dem Publikum vorgestellt, mit welchen Programmen sie das Publikum ab Herbst beglücken werden. Diese Pläne sind immer aufschlussreich. Nicht nur das Eigenbild der Sender und dessen sanfte Veränderung kommt hier zum Ausdruck, sondern stets auch, wie die Sender die Gewohnheiten, Prioritäten und Bedürfnisse ihres Zielpublikums einschätzen. Am Ende entsteht eine kleine Mentalitäts-Landkarte der Deutschen. Die kommende TV-Saison ist schwer auf ein Schlagwort zu bringen, aber sie zeugt von einem hohen Kontinuitätsdenken der Macher. Das Bedürfnis nach etwas ganz Neuem, nach Brüchen zum Bisherigen, nach großen Würfen und Visionen unterstellen die Macher ihrem Publikum jedenfalls nicht.
Das heißt nicht, dass es nichts Neues geben wird. Eher soll das jetzt schon gut funktionierende noch verbessert werden. Große Risiken werden nicht gewagt. Geachtet wird aber vermehrt auf gutes Handwerk, und die richtigen "Programmfarben". Die Senderchefs stellen sich nicht dar als Propheten und Heroen, sondern als gute Verwalter und solide Detailarbeiter an Stellschrauben und an der Optimierung des Programmablaufs.
Nach wie vor ist das Programm überschwemmt von "Reality"-Formaten aller Art. Ob Wohnungen eingerichtet werden, Familien getauscht, Schuldner beraten oder die "Super-Nanny" elementare Erziehungs-Tipps gibt, ob "Ausreißer" oder "Ausreisende", "Vermisst" oder neuerdings wieder "Verzeih mir", das RTL schon Anfang der 90er Jahre zeigte - offenbar ist das Bedürfnis der Menschen nach Ratschlägen in allen Lebenslagen immens. Aber auch dem Vergleich des eigenen Lebens mit dem der anderen, denen es meist im Fernsehen noch schlechter geht, dienen diese Sendungen - und sie spenden Trost.
Mehr "Help-TV" gibt es zum Recht ("Christopher Posch - Ich kämpfe für Ihr Recht"; "Helena Fürst - Anwältin der Armen"). RTL sieht leichte Veränderungen heraufziehen: Goutiert werde nicht mehr in erster Linie das Vorführen der krassen Konflikte. Vielmehr wächst in der gerade der Krise entkommenen Bevölkerung der Drang nach Harmonie. Inka Bauses "Bauer sucht Frau" soll dafür ebenso stehen wie "Jugendliebe", "Helfer mit Herz" oder auch die "Restaurantschule", an der sich der bisherige "Restaurant-Tester" Christian Rach ab Ende August konstruktiv versuchen wird. Vielleicht schätzt RTL das eigene Publikum inzwischen auch als ruhiger und weniger Krawall-orientiert ein. Ein Symbol für das Ende der Werbekrise aber ist, dass das teure "Dschungelcamp" Anfang 2011 wieder auferstehen wird.
Der Chef der ProSiebenSat.1-Senderguppe Andreas Bartl liebt griffige Werbeformeln. Die 40 sei die neue 20, so lautet seine frische alterssoziologische Erkenntnis. Sie ist auch daraus geboren, dass Sat.1 gerne ein "Familiensender" wäre, der dann die ganz jungen Zuschauer ProSieben überlassen könnte. Den wiederholten Versuch mit "Ins Grüne" den Auflagen-Erfolg der Zeitschrift "Landlust" in die TV-Landschaft zu exportieren, nennt Bartl tatsächlich "Countrytainment". Auf der Mentalitäts-Skala den entgegengesetzten Pol zur heimlichen RTL-Tendenz zu Harmonie und Idylle besetzt ProSieben. Ob "Crazy Competition", "League of Balls", "Elton vs. Simon", das im Herbst wiederkommende "Schlag den Star", bei dem in früheren Ausgaben schon statt Stefan Raab plötzlich Stefan Effenberg am Reck hing - all das soll jeweils noch schräger, noch verrückter und vor allem: noch härter werden. Die Radikalisierung des Bisherigen als Senderkonzept? Das wirkt ein bisschen simpel.