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26. Februar 2009, 10:48 Uhr

Streit um ZDF-Chefredakteur eskaliert

Die Verbalattacke von Hessens Ministerpräsident Roland Koch auf ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat heftige Reaktionen ausgelöst. Brender selbst weist die Kritik zurück, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck vermutet den Ursprung der Vorwürfe "tief im Kanzleramt".

ZDF-Chefredakteur, Nachfolge, Nikolaus Brender, Roland Koch

Wird sein Vertrag verlängert oder nicht? ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender© Andreas Gebert/DPA

Der Streit über die Vertragsverlängerung von ZDF- Chefredakteur Nikolaus Brender, 60, zwischen SPD- und CDU-Politikern im zuständigen ZDF-Verwaltungsrat eskaliert. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), Vorsitzender des Gremiums, wies Vorwürfe aus der Union gegen Brender in Mainz als konstruiert und vorgeschoben zurück und warf der CDU parteipolitisches Taktieren vor. Sein Stellvertreter im Verwaltungsrat, Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), hatte Brender in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter anderem vorgehalten, in seiner Amtszeit hätten die Nachrichtensendungen viele Zuschauer verloren.

Offensichtlich gehe es der Union bei ihrem "parteipolitischen Kalkül" wohl um eine für sie passendere Besetzung des ZDF- Hauptstadtbüros, sagte Beck. Er rief die "nicht so eng gebundenen Mitglieder" im Verwaltungsrat dazu auf, dem Sender nicht mit parteipolitischen Machtspielen zu schaden. "Dieser Appell geht tief ins Kanzleramt", betonte Beck mit Blick auf seine Vermutung, dass die Quelle für die Vorwürfe gegen Brender letztlich "in Berlin" und nicht nur in der hessischen Staatskanzlei zu suchen sei.

Koch sprach von "bitteren Zahlen" des ZDF während der Amtszeit Brenders, der seit 2000 Chefredakteur ist. Seit 2002 habe die Nachrichtensendung "heute" 26 Prozent ihrer Zuschauer verloren und sei hinter der ARD-"Tagesschau" und "RTL aktuell" auf den dritten Platz abgerutscht. Das "Auslandsjournal" habe 56 Prozent und der "Länderspiegel" 16 Prozent der Zuschauer verloren. "Es ist die Pflicht des Verwaltungsrates, solche Negativentwicklungen zu erörtern. Und es ist unsere Aufgabe, nicht jede Debatte über diese Fragen als eine politische oder gar parteipolitische diskreditieren zu lassen."

Der Rundfunk als "Beute der Parteien"

Brender selbst hielt Koch vor, seine Zahlen seien willkürlich ausgewählt und wenig aussagekräftig. Das "heute-journal" habe 2008 im Durchschnitt 3,33 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 12,0 Prozent gehabt, während es bei den ARD-"Tagesthemen" 2,26 Millionen und 10,5 Prozent gewesen seien, sagte Brender. Im übrigen könnten Einschaltquoten nicht der einzige Gesichtspunkt bei Nachrichtensendungen sein, die über schwierige Vorgänge in Politik, Wirtschaft und Kultur berichteten, sagte Brender.

Auch der ehemalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Fritz Pleitgen, äußerte Befremden über Kochs Ausführungen zu gesunkenen Quotenwerten einiger ZDF-Sendungen. Schließlich forderten Politiker sonst stets, dass öffentlich-rechtliche Sender gerade nicht auf Quoten schauen müssten, sagte Pleitgen dem Deutschlandradio Kultur. Zudem kritisierte er die parteipolitische Auseinandersetzung zwischen SPD und CDU in der Sache. Parteien sollten zwar in den Aufsichtsräten vertreten sein, aber in angemessener Weise. "Allerdings habe ich hier den Eindruck, dass einige der Parteien versuchen, den Rundfunk sich zur Beute zu machen."

Kritik an der Einmischung des Verwaltungsrats

Auch der Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, Uwe Kammann, äußerte sich kritisch über die Einmischung des Verwaltungsrats. "Sie übersteigt weitaus das Maß dessen, was man im Verwaltungsrat natürlich auch an Kontrolle ausüben darf", sagte der dem Deutschlandfunk. Das Institut vergibt jährlich mit den Grimme-Preisen die renommiertesten Fernsehauszeichnungen Deutschlands.

ZDF-Intendant Markus Schächter will dem Verwaltungsrat am 27. März vorschlagen, den im März 2010 auslaufenden Vertrag von Brender um fünf Jahre zu verlängern. In einem offenen Brief unterstützten 14 prominente ZDF-Journalisten, unter ihnen die Moderatoren Claus Kleber und Marietta Slomka, Schächters Entscheidung und wandten sich gegen eine Einmischung der politischen Parteien.

"Einvernehmliche Entscheidung" Ende März?

Koch betonte, dass eine Entscheidung im Einvernehmen mit dem Intendanten gefunden werden solle und im Verwaltungsrat ein Konsens nötig sei. Koch: "Ich schließe eine Entscheidung, die am Ende nicht zu einem praktisch einstimmigen Beschluss des Verwaltungsrates führt, aus." Während er selbst einen Neuanfang befürworte, sehe dies der Intendant anders, "und nun gibt es eine Diskussion, die wird am 27. März mit größter Wahrscheinlichkeit zu einem Ende geführt".

Der ZDF-Verwaltungsrat besteht aus 14 Mitgliedern, die vom Bund, den Ländern und dem Fernsehrat bestimmt werden. Neben Beck und Koch gehören zu den Mitgliedern die Ministerpräsidenten des Saarlandes, Peter Müller (CDU), und von Brandenburg, Matthias Platzeck (SPD), der frühere bayerische Regierungschef Edmund Stoiber (CSU) und der Kultur-Staatsminister der Bundesregierung, Bernd Neumann (CDU).

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
birde (26.02.2009, 18:17 Uhr)
Ich fass es nicht
Ausgerechnet die drei dümmsten Politiker Deutschlands wollen darüber entscheiden, ob einer der profiliertesten und unabhängigsten Journalisten weitermachen darf oder nicht. Wieviel solcher Skandale brauchen wir Deutschen eigentlich noch, um aufzustehen und massiv dagegen vorzugehen.
kldrkur (26.02.2009, 16:47 Uhr)
Typisch
Journalisten dürfen nicht kritsiert werden. Das müßte eigentlich jeder wissen.
nightmare_online (26.02.2009, 16:45 Uhr)
Hat irgend jemand ...
... vom personifizierten Anstand der CDU, Roland Koch etwas anders erwartet? von dem Mann, der es während seiner gesamten politischen Karriere nicht fertig gebracht hat, mal 2 Quartale zu überstehen. und "sauber" zu bleiben? ROTFL. Glückwunsch nach Hessen für die ausgezeichnete Wahl!
kralli19 (26.02.2009, 14:40 Uhr)
Faszinierend...
Entweder ist vegefranz gerade zufällig nüchtern, hat seine Medikamente genommen oder, was ich eher vermute, ein anderer Auftragsschreiber postet gerade hinter dem Nick.
Wie dem auch sei, einer der seltenen Momente, wo ich ihm zustimme in seinen Äußerungen. Ist auch schon rot im Kalender markiert dieser denkwürdige Tag ^^
JanvanHelsing (26.02.2009, 13:34 Uhr)
besonders hervorzu heben
ist die Programmvielfalt der ÖR's...
aus jedem Zoo und Käfig grinst uns ein Pfleger mit seinem possierlichen Tierchen an, fehlt nur noch die Fütterungskonferenzschaltung....
--
Das die Parteien in den Sendern ihr Unwesen treiben sieht man schon daran
wer zum Intendanten gekürt wird...mal ein den C-Parteien, mal ein den S F G Parteien wohlgesonnener
Kandidat, damit die Regierung schön kohlen, schrödern oder jetzt merkeln kann im ÖR-TV, Wahlk(r)ampf die ganzen Legislaturperioden über...
Und wer bezahlt ??? Sie und ich, wer hat's bestellt???
AST61 (25.02.2009, 22:43 Uhr)
soso...
"Seit 2002 habe die Nachrichtensendung "heute" 26 Prozent seiner Zuschauer verloren...", sagte Koch
Ja,das ist doch klar. Andere Sender berichten doch viel reisserischer,allerdings habe ich das Gefühl,dass fast ausnahmslos ALLE Sender politikfreundlich berichten.
Ich vermisse Sendungen über den Griff des Staates in unseren Geldbeutel über 20 Jahre,über H4ler,die "ausnahmsweise" mal nicht den ganzen Tag vor dem TV verbringen,Sendungen über das Ausmass der Verbrecherbanker und der konsequenten Nichtverfolgung derer etc. etc. ...
Manchmal habe ich das Gefühl,alle sind geknebelt.
Die Öffentlich-rechtlichen setzen uns bis auf wenige Ausnahmen nur seichte Sch... vor, die privaten versuchen das Volk mit wachsendem Erfolg durch geistigen Dünnschiss stetig zu verblöden.
Frage am Schluss:
was haben Politiker von einem gebildeten und gut informierten Volk?
vegefranz (25.02.2009, 18:39 Uhr)
@tarpan: Gegenbeispiel Musikproduktion
folgt man deiner logiK, würde auch nur noch Musik (als CD oder sonstwie) produziert, die den Massengeschmack trifft. Tatsächlich ist das nicht der Fall. Ansonsten denke ich, mit der "programmvielfalt" bei den Öffentlich-Rechtlichen ist es auch nicht soweit her. Im Gegenteil: da bestehen viele Denk- und Redeverbote im Sinne der "politischen Korrektheit"
tarpan8 (25.02.2009, 17:56 Uhr)
ppv
"Pay per view" ist ja nun völliger Blödsinn. Das Gute am öffentlich-rechtlichen ist ja gerade die Programmvielfalt, die auch vor Sendungen für Randgruppen nicht zurück schreckt und auch Inhalte abseits des Mainstreams produziert.
Wenn es nun pay per view gäbe, würden nur noch Sendungen die viele
schauen produziert werden. Wir brauchen einfach ein öffentliches
Fernsehen. Wohin uns die Privatwirtschaft führt sollte ja mittlerweile jedem bekannt sein.
Allerdings sollte man darüber nachdenken ob wirklich jedes Bundesland riesige Verwaltungen haben müssen. Der Wasserkopf der sich in den letzten 60 Jahren gebildet hat scheint auch mir ein wenig überdimensioniert.
Alles in allem bin ich voll und ganz für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. ARD und BBC sind doch so ziemlich die letzten Bastionen die sich gegen die Medienkonzentration durchsetzten konnten. Wollen wir wirklich ein Fernsehen, wie das des Mediengiganten Murdoch, wo die Angestellen morgens eine Memo aus der Zentrale bekommen
was und wie sie zu berichten haben ?
vegefranz (25.02.2009, 16:08 Uhr)
weisst Du überhaupt, was pay per view ist?
sicher nicht, denn sonst würdest nicht irgendwas von werbefinanziert schwafeln.
Die_vierte_Gewalt (25.02.2009, 15:38 Uhr)
Oh Mann, RoKo der "Demokrat"
Ja, Sie haben Recht,hevosenkuva. Im letzten Wahlkampf hat er noch einen auf Softi gemacht, um sensible Wähler nicht zu verprellen und jetzt läuft er wieder mit offener Hose umher. Alles was dieser Mann sagt ist schon allein deshalb fragwürdig,weil er es sagt.
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