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26. November 2008, 11:49 Uhr

Die Mörder-Posse von Weiskirchen

Es gab Bekennerschreiben. Die Polizei jagte einen vermeintlichen Serienmörder, einen alten Mann. Im Saarland wurde deshalb sogar der größte Massen-Gentest der Geschichte des Bundeslandes durchgeführt. Nun verriet sich der vermeintliche Mörder, wurde gefasst - und offenbarte eine ganz neue Wahrheit. Von Gerald Drissner

Serienmörder, Weiskirchen, Gentest, Polizei

Das beschauliche Weiskirchen im Saarland. Sollte hier tatsächlich ein Serienmörder wohnen?© David Klammer

An einem Dienstag im November, kurz vor Mittag, klingelt der Briefträger an der grünen Eingangstür der Polizeistation in Weiskirchen und bittet, kurz reinkommen zu dürfen. "Ich habe heute eine Postkarte zugestellt", sagt der Briefträger, "da war mir nicht ganz wohl dabei". Er habe die Schrift schon mal gesehen, auf dem Fahndungsplakat, das hier überall hängt. Werner Adams leitet die Dienststelle in der einwohnerärmsten Gemeinde des Saarlandes. Er ist ein erfahrener und gewissenhafter Beamter, der seit 1976 bei der Polizei arbeitet. "Ich kann mal zu dene Leut' fahre und nach der Postkarte schauen."

Nun wurde der 34-Jährige festgenommen

Acht Tage später, am Mittwoch der vergangenen Woche, nimmt die Polizei in einer psychiatrischen Klinik in Bayern einen 34-jährigen Mann fest. Es ist der Schlussakt eines Kriminalfalls, der mit der Festnahme von Deutschlands größtem Serienmörder enden sollte - aber nicht geendet hat, der nun zur Posse wurde und nur durch einen Zufall zu lösen war, weil ein Dorfpolizist eine Postkarte sicherstellte. Nach einem alten Mann war gefahndet worden, der sieben anonyme Briefe an die Polizei geschickt hatte, in denen er dreizehn ungeklärte Morde gestanden und gedroht hatte, DJ Ötzi "abzuknallen".

So glaubwürdig hatte der Mann geschrieben, dass Experten von BKA und LKA, Profiler und Psychologen, annahmen, der Schreiber sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder. So spektakulär und einmalig, dass 5000 Rentner eine Speichelprobe abgeben sollten und eine französische Starreporterin von einer Recherche in Afghanistan ins Saarland beordert wurde, um über "Europas größten DNA-Massentest" zu schreiben. Ein Fall, der beinahe in die Kriminalgeschichte eingegangen wäre. Und der dort endet, wo er begann: in der saarländischen Provinz.

In Weiskirchen passiert nicht viel

Weiskirchen ist ein "heilklimatischer Kurort", der so weit am Rande der Republik liegt, dass jahraus, jahrein nicht viel mehr passiert, als dass einmal im Monat, sonntags um zehn, zum Kurkonzert geladen wird. Die nächste Disko ist zwanzig Kilometer weit weg und wer was erleben möchte, der muss in den Nachbarort fahren, zum "Stausee mit vielen Freizeitmöglichkeiten". Wenn hier mal jemand was Unrechtes tut, dann stiehlt er Blumen von der Parkanlage, wie neulich, vor Allerheiligen.

Vier Gehminuten vom Rathaus, in der Mattheiser Straße, wächst Mario W. auf, ein schlanker, großgewachsener Junge. Er hat ein Zimmer im orangefarbenen Haus der Eltern, aus dem er nie auszog. Der Vater ist gelernter Schneider, die Mutter war bei der Post, das Arbeitsleben haben sie heute hinter sich. Mario W. macht nach der Schule eine Ausbildung bei einem Rechtsanwalt, aber mit einem Job will das nie so recht klappen. Stattdessen sieht man ihn im Dorf, wie er stundenlang spazieren geht und dabei nur auf die Füße schaut.

Auch mit der Liebe kommt er nicht voran. Er sucht im Internet nach einer Freundin: "Einzelkind, ledig, keine Kinder, noch zu haben. Ich suche auf diesem Wege ein weibliches Wesen, das alle Wege mit mir gemeinsam geht". Manchmal wird er wochenlang nicht im Dorf gesehen. Die Eltern erzählen dann, "der ist auf der Schule", und die Leute im Dorf erzählen, "der Junge sei wieder in Behandlung. Der wird mit dem Alleinsein nicht fertig".

Verrückt nach "Ich heirate eine Familie"

In diesem Flecken deutscher Provinz weiß Mario W. nicht viel mehr anzufangen, als manisch Dinge zu sammeln. Er kennt jede TV-Folge von "Ich heirate eine Familie", "nach der er verrückt" sei, wie er in einem Internetforum schreibt. Er archiviert die Geburtsdaten der Schauspieler, Drehorte, er weiß, seit wann Peter Weck graue Haare hat. Er wird Mitglied in einem Krimi-Club, verpasst keinen "Tatort" und führt über jede Folge Statistiken. Er fährt mehrere hundert Kilometer weit zu Treffen, bei denen "Aktenzeichen XY"-Folgen getauscht werden und schafft es tatsächlich, sämtliche Sendungen mit Eduard Zimmermann zu haben. Er prahlt im Internet, dass er mehr als 1000 Videokassetten besitze und mehrere hundert DVDs.

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Countryjoe (28.11.2008, 09:55 Uhr)
ROFL
Man fragt sich wer hier der Narr ist! :)))))))))
Pengolodh (27.11.2008, 20:00 Uhr)
Wie tragisch, wenn...
... jemand so den Beruf verfehlt. Er hätte Innenminister werden sollen.
Katastrophenjunkie (27.11.2008, 19:43 Uhr)
das Amtsgericht Detmold
beschließt einen Massengentest im Saarland???
.
Hallo? Da is wohl irgendwas verrutscht, oder?
you_me_2 (27.11.2008, 17:48 Uhr)
So gehört sich das..
..Drohbrief mit Eingangsstempel.
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