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29. August 2007, 17:22 Uhr

Der Präsident kam in der großen Pause

Wenn der Präsident die beste Grundschule Deutschlands besucht, darf man ruhig mal aufgeregt sein. Vor allem als Zehnjähriger. Schulsprecher Ian nahm in Dortmund das Staatsoberhaupt in Empfang und durfte sich über lobende Worte freuen. Von Catrin Boldebuck, Dortmund

Bundespräsident Horst Köhler beglückwünscht die Schüler der Grundschule Kleine Kielstraße zu ihrem Sieg© Andreas Endemann

Kaum vier Wochen im Amt und schon ein Staatsempfang: Ian, 10, Schulsprecher der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund empfing heute den Bundespräsidenten Horst Köhler. Der wollte persönlich die beste Schule Deutschlands kennen lernen. Vor einem Jahr hatte Köhler der Grundschule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises überreicht. Die Auszeichnung wurde im Dezember 2006 erstmals von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem stern und dem ZDF vergeben.

Pünktlich zur großen Pause rollte die Eskorte mit schwarzen Limousinen auf den Schulhof. Ian zupfte nervös an seinem weißen T-Shirt-Ärmel. Er war in Sorge, ob er alles richtig machen würde. Auch die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen Barbara Sommer (CDU) und der Oberbürgermeister von Dortmund Gerhard Langemeyer (SPD) wollten seine Schule sehen.

"Ihr seid noch viel besser als ich dachte!"

Nach einem zweistündigen Rundgang, bei dem Bundespräsident Köhler mit Schülern, Lehrern und Eltern sprach, zeigte dieser sich tief beeindruckt: "Ich hatte vorher schon viel gelesen, aber der Besuch bei Euch hat mir gezeigt: Ihr seid noch viel besser als ich dachte!" sagte er den versammelten 376 Schülern und ihren 29 Lehrern. "Diese Schule hat wirklich den Preis ,Beste Schule' verdient!"

"Den Deutsche Schulpreis halte ich für wichtig, weil er helfen kann, solche guten Beispiele bekannter zu machen", sagte Köhler in Dortmund. Aber das sei keine Entlassung für die Schulpolitik. Sie müsse die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und die Möglichkeiten schaffen, um Schulen wie die Kleine Kielstraße zu unterstützen - durch "genügend Lehrern und auch Geld", so Köhler.

83 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien

Die Grundschule Kleine Kielstraße hat von beidem nicht mehr als andere Schulen. Und trotzdem leistet sie hervorragende Arbeit. Sie steht mitten in einem sozialen Brennpunkt: der Nordstadt von Dortmund. Jeder Dritte der 55.000 Bewohner ist arbeitslos, fast die Hälfte ist ausländischer Herkunft. Hier leben die meisten Kinder von Dortmund.

83 Prozent der Schüler an der Kleinen Kielstraße kommen aus Migrantenfamilien, oft mit schwieriger sozialer Situation und Deutsch als Fremdsprache. "Diese Kinder haben nur eine Chance: Bildung", sagt die Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart, 55. Als die Schule 1994 gegründet wurde, diskutierte sie mit ihren Kollegen nicht: "Welche Bücher schaffen wir an?", sondern: "Was für eine Schule wollen wir? Was brauchen unsere Kinder?" Lange bevor die meisten Schulen daran dachten, entwickelten sie ein Leitbild. Ihre Ziele: zukunftsorientiertes Lernen, professionelle Zusammenarbeit im Kollegium, Elternarbeit, ganztägige Betreuung und Öffnung zum Stadtteil.

Die Eltern sind zur Mitarbeit verpflichtet

Sie schafften den Frontalunterricht ab, stattdessen lernt jedes Kind selbständig in seinem Tempo. Die Lehrer sind keine Einzelkämpfer wie an anderen Schulen, sondern bereiten ihren Unterricht gemeinsam im Team vor. Bundespräsident Köhler: "Lehrer sind für mich die Helden des Alltags. Ich habe hier ein Kollegium kennen gelernt, das dermaßen motiviert ist, das sprüht vor Ideen." An der Kleinen Kielstraße stehen die Türen während des Unterrichts immer offen.

Die Schule verpflichtet die Eltern zur Mitarbeit. Eltern und Lehrer unterschreiben einen Erziehungsvertrag. Im Elterncafé bekommen die Mütter nicht nur Kaffee, sondern Computer- und Sprachkurse und sogar eine Schuldnerberatung. "Hier zeigt sich, dass Integration möglich ist", sagte Bundespräsident Köhler. "Eltern wollen gern Deutsch sprechen, weil sie merken, es hilft ihnen und vor allem ihren Kindern."

Besuch vom Pisa-Sieger

Seit der Preisverleihung im Dezember hat sich für die Schule viel verändert: immer noch kommen Briefe und Anfragen, einmal im Monat ist Besuchertag. Neulich war sogar eine Lehrergruppe aus Finnland da. "Jetzt geht es anders rum: Nicht wir fahren zum Pisa-Sieger, sondern die kommen zu uns", freut sich Jan von der Gathen, der einzige Mann im Kollegium.

Die 50.000 Euro Preisgeld investieren die Lehrer zum Beispiel in ihre Fortbildung. "Wir dürfen nicht stehen bleiben", sagt von der Gathen. "Es geht uns um die innere Schulentwicklung, nicht um die Außenfassade - auch wenn das Gebäude mal einen neuen Anstrich vertragen könnte." Und einen Wunsch der Kinder haben die Lehrer bereits erfüllt: Sie haben mit der ganzen Schule einen Ausflug in den Wald gemacht.

Mit seinem heutigen Besuch an der Kleinen Kielstraße will Bundespräsident Horst Köhler dazu beitragen, dass "diese gute Schule buchstäblich Schule macht." Schulsprecher Ian hat seine Schule souverän und ohne Patzer vertreten. Den Bundespräsidenten fand er "sehr nett". Für ihn hätte der hohe Besuch ruhig noch länger bleiben können.

Der Deutsche Schulpreis Unter dem Motto "Es geht auch anders" zeichnet der Deutsche Schulpreis hervorragende Schulen in Deutschland aus und fördert die Verbreitung guter Praxis. In diesem Jahr bewarben sich 170 Schulen aus ganz Deutschland. Verliehen werden der Deutsche Schulpreis (50.000 Euro) und vier weitere Preise am (je 10.000 Euro) am 10. Dezember in Berlin. Entscheidend für die Vergabe des Deutschen Schulpreises sind sechs Kriterien, die von den Experten entwickelt wurden:

1. Leistung: In den Kernfächern Mathematik, Sprachen, aber auch im künstlerischen Bereich, beim Sport und in Projekten müssen die Schüler Bestleistungen zeigen. 2. Schulklima: Schüler und Lehrer gehen harmonisch miteinander um, sie fühlen sich wohl in ihrer Schule. Sie ist offen für Eltern, Anwohner und Außenstehende. 3. Verantwortung: Konflikte werden ohne Gewalt gelöst. Schüler und Lehrer achten sich, Engagement und Gemeinsinn sind selbstverständlich. 4. Unterrichtsqualität: Die Schüler lernen selbstverantwortlich und praxisorientiert. Die Lehrer werden dabei unterstützt, ihren Unterricht zu verbessern. 5. Umgang mit Vielfalt: Die Schule geht konstruktiv mit der unterschiedlichen Herkunft und Bildung ihrer Schüler um. 6. Schule als lernende Institution: Lehrer und Schulleiter entwickeln sich systematisch weiter, sie verbessern, den Lehrplan und überprüfen ihre Erfolge.

Die ausgezeichneten Schulen sollen ihre Erfahrungen an andere weitergeben, ein Netzwerk soll entstehen. Die Lehrer der Siegerschulen arbeiten gemeinsam an der Akademie des Deutschen Schulpreises an den Ideen für die Schule der Zukunft. Der Wettbewerb geht weiter: Auch 2008 können sich alle interessierten Schulen für den Deutschen Schulpreis bewerben, egal ob Grundschule, oder Gymnasium, staatlich oder privat. Mehr Infos zum Deutschen Schulpreis gibt es unter schulpreis.bosch-stiftung.de

Von Catrin Boldebuck, Dortmund
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
tagora-sagittara (29.08.2007, 22:56 Uhr)
ich bin heilfroh...
keiner der angetroffenen Schüler zu sein,...ich hätte ihm ins Gesicht gespuckt!!!
Nada_Mucho (29.08.2007, 21:13 Uhr)
tolle schule
ich weiß nicht, was meine vorredner haben. aber ich finde diese schule toll. @galahad610 sie schreiben, dass es während ihrer schulzeit schon so gewesen sei. aber war es ihren lehrern auch wirklich wichtig, dass die schüler etwas lernen? und haben diese die schüler auch verständnivoll behandelt, wenn man etwas nicht auf anhieb verstanden hat? wohl eher nicht, lehrer waren zu meiner zeit die uneingeschränkten herrscher des klassenzimmers. daher ist es ein neuer schritt in die richtige richtung, wenn die kinder mitentscheiden können, was sie lernen und wie.
als angehender lehrer hoffe ich, auch in solch eine schule gehen zu dürfen. da macht es spass
galahad610 (29.08.2007, 20:30 Uhr)
schule
verdammte axt....ist das jedem leser klargeworden?wir freuen uns schon darüber,daß NICHT das totale chaos herrscht,sondern lehrer,eltern und kinder GEMEINSAM was machen...eltern aus migrantenfamilien lernen deutsch,kinder lernen in der schule und lehrern macht der job spaß....HALLO,AUFWACHEN!!!so soll das immer sein!wer erinnert sich noch an seine schulzeit?wenns vom lehrer nen blauen brief gab war der ärger zuhause vorprogrammiert...wehe wenn man nicht artig war...nach dem mittagessen wurden erst hausaufgaben erledigt,nix playstation...man hat gehorcht und war trotzdem gut drauf,ohne sozialtherapie oder ähnliches...das beste in dem artikel:ein ausflug in den wald!...ich freue mich,aber schlimm genug daß es hervorgehoben werden muss...technologie ist ja nichts schlechtes,aber wurde die natur deswegen abgeschafft???hab neulich mal gelesen,daß es tatsächlich kinder geben soll die glauben,kühe wären lila......soweit sind wir schon gekommen...jeder erwachsene müsste sich mal an die eigenen nase fassen und darüber nachdenken,wohin die reise gehen soll...deutschland,bürger dieses landes,egal von woher-bewegt euch!
wir alle sind die zukunft!
Mule (29.08.2007, 20:05 Uhr)
Na sowas aber auch...........
Eideidei!!!!
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