In vielen Ländern werden Journalisten, die sich für Gerechtigkeit stark machen, von ihrer eigenen Regierung verfolgt oder gar ermordet. Die "Reporter ohne Grenzen" engagieren sich für diese mutigen Menschen. Robert Ménard, Gründer der Organisation, wird dafür mit dem Henri Nannen Preis für Pressefreiheit ausgezeichnet. Von Tilman Müller

Zur Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 demonstrieren die "Reporter ohne Grenzen" in Paris, an der Spitze des Protestzugs: Robert Ménard© Horacio Villalobos/EPA
Neben dem Eiffelturm stellen sie stahlgraue Gitterzellen auf, in denen weiß maskierte Insassen an das Schicksal von politischen Gefangenen erinnern. Sie behindern den olympischen Fackellauf durch Paris und bringen die Flamme zum Erlöschen. Sie schmuggeln in einen Sitzungssaal der UN-Kommission für Menschenrechte in Genf Rekorder, die plötzlich Schreie von Folteropfern wiedergeben und die Sitzung stören. "Kein Ort ist uns heilig", sagt Robert Ménard, "wir dringen überall ein, um unsere Botschaft zu verbreiten."
Die Botschaft: Demokratie. Menschenrechte. Freiheit. Vor allem die der Presse. Ménard will, dass diese Werte überall gelten. In Peking ebenso wie in Paris, in Havanna wie in Washington, in Moskau wie in Buenos Aires. "Ohne diese Werte", sagt er, "verliert unser Leben seinen Sinn." Deshalb hat der 55-jährige Franzose vor 23 Jahren "Reporters sans frontières" (RSF) gegründet. Eine kleine Organisation, die immer wieder mit spektakulären Aktionen in die Öffentlichkeit geht.
Im vergangenen Jahr kletterte Ménard mit zwei Mitstreitern auf das Dach der Kathedrale Notre Dame. Es schneite stark in dieser Nacht, drei Stunden dauerte der Aufstieg an der Südfassade, stundenlang harrten sie in der Kälte aus, bis sie am Vormittag zwischen den Doppeltürmen ihr riesiges schwarzes Transparent entrollten: "Peking 2008" mit fünf Handschellen in Form der olympischen Ringe. Es wurde zum Sinnbild des Protests gegen Chinas Menschenrechtspolitik.
Auf den ersten Blick wirkt der Gründer der Organisation Reporter ohne Grenzen wie ein Provinzlehrer. Ein kleiner Herr mit kurz geschnittenen schwarzen Haaren, der kein Wort Englisch spricht. Er ist ein "Piednoir", ein Schwarzfüßler, wie man in Frankreich die Algerienfranzosen nennt, der Sohn eines Kaufmanns aus Oran. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 nahmen ihn seine Eltern mit zurück ins Mutterland. Er ging in Béziers und Montpellier zur Schule. Ménard bewegte sich in den Zirkeln spanischer Anarchisten, die vor der Franco-Diktatur in die französische Mittelmeerregion geflohen waren. Er las Marx, Lenin, Trotzki. Vor allem die Situationisten hatten es dem jungen Rebellen angetan, eine anarchistische Gruppe europäischer Künstler und Intellektueller. "Sei realistisch, verlange das Unmögliche", lautete einer ihrer Slogans, und ihr subversives Hauptwerk, das "Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen" von 1967, steht bei Ménard noch immer im Regal.
Zwei Erfahrungen jener ungestümen Jahre wurden auch für die RSF wegweisend. "Erstens", sagt Ménard, "habe ich da gelernt, dass ein paar Leute sehr viel verändern können." Und zweitens: "Wenn du etwas erreichen willst, musst du bereit sein, Risiken einzugehen."
Die Reporter ohne Grenzen kommen mit wesentlich weniger Personal aus als etwa Greenpeace oder Amnesty International. In der Pariser Zentrale arbeiten derzeit 25 Leute. Hinzu kommen etwa ein Dutzend kleine Auslandsbüros, darunter eines in Berlin, sowie ein weltweites Netz von gut 100 Korrespondenten, die auf Honorarbasis recherchieren. Ménard streitet nicht nur für die Freiheit der Medien, er weiß auch ihre Wirkung zu nutzen. Bei der Entzündung des olympischen Feuers vergangenes Jahr in Athen entrollte er während der Rede des chinesischen Oberfunktionärs Liu Qi plötzlich seine Banderole mit den fünf Handschellen. Die Bilder des Protests gingen um die Welt, westliche Regierungschefs hatten danach Mühe, ihre Teilnahme an der Pekinger Eröffnungszeremonie zu rechtfertigen.
Die Eltern des RSF-Gründers kämpften auf der anderen Seite der Barrikade, sie gehörten der französischen Untergrundbewegung OAS an, die Algeriens Unabhängigkeit mit militärischem Terror zu verhindern versuchte. "Mein Vater hatte eine Druckerei in Oran, und ich erinnere mich, dass ich als Kind in den Kisten, in denen Papier aufbewahrt wurde, oft Waffen gefunden habe. Viele haben mir die OAS-Vergangenheit meiner Familie später vorgeworfen. Das klingt jetzt womöglich komisch, aber ich habe meinen Vater und meinen Onkel immer dafür bewundert, dass sie ihr Leben riskiert haben. Auch wenn ich ihre Überzeugung nicht teile. Generell fühle ich mich Menschen, die sich für etwas engagieren - selbst wenn es in meinen Augen die falsche Sache ist -, stärker verbunden als denjenigen, die sich nie für etwas einsetzen."
Radikale, manchmal kommandoartige Aktionen ziehen sich wie ein roter Faden durch Ménards Leben. Mehrfach wurde er festgenommen. Mit 20 organisierte er Sit-ins gegen die Produktion eines bedenklichen Unkrautvernichtungsmittels. 1975, mit 22 Jahren, gründete er den Piratensender "Radio Pomarède". Später schrieb er für alternative Zeitungen, und 1983 heuerte er im Politikressort von Radio France Hérault an.
Am 25. Juni 1985 gründete Ménard zusammen mit seinen Freunden Rémy Loury, Jacques Molénat und Émilien Jubineau in Montpellier eine Vereinigung, die sich "Reporters sans frontières" nannte. Den vier Journalisten ging es anfangs nicht primär um die Verteidigung der Pressefreiheit, sondern um die Finanzierung von Reportagen aus der Dritten Welt, für die sich die Medien damals kaum interessierten. Vorbild bis hin zur Namensgebung war die bereits 1971 während des Biafra-Krieges gegründete Organisation "Médecins sans frontières" (Ärzte ohne Grenzen).
Zunächst hielt sich der Erfolg der RSF in Grenzen. Die großen Zeitungen druckten die gesponserten Beiträge nicht. Erst als der Kampf für Pressefreiheit und Menschenrechte immer stärker in den Vordergrund trat, fand die Gruppe mehr Beachtung. Zum Beispiel als sie den Fall des 1989 in Myanmar inhaftierten Oppositionspolitikers Win Tin anprangerte, der lange in einer Hundehütte eingesperrt war und erst nach 19 Jahren freikam. Oder den Mord an dem Journalisten Nobert Zongo aus Burkina Faso, bei dem die Garde des damaligen Präsidenten die Hände im Spiel hatte.
Die Methoden zur Einschränkung der Pressefreiheit sind vielfältig, sie reichen von Drohungen über physische Übergriffe bis hin zum Mord, aber auch finanzielle Druckmittel, etwa der Entzug von Anzeigen oder die Beschlagnahmung von Zeitungen, gehören dazu. In manchen Staaten ist der Schutz von Informanten nicht garantiert, in anderen werden investigative Recherchen als Spionage verfolgt. An 49 Kriterien misst die RSF den Grad der Pressefreiheit und erstellt jährlich eine Rangliste. Aktuell liegen Island, Luxemburg und Norwegen auf Platz 1; Deutschland folgt an 20., Frankreich an 35. Stelle, dahinter die USA auf Platz 36. China, auf Rang 167, zählt zu den Schlusslichtern, schlechter schneiden nur noch Vietnam, Kuba, Myanmar, Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea ab.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2009