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29. August 2002, 15:58 Uhr

"Alles auf Erden soll untergehen"

Ob an Oder, Elbe oder Rhein: Immer wieder wurden die Menschen von Sintfluten biblischen Ausmaßes heimgesucht.

Dresden im September 1890: mit Urgewalt durch die Innenstadt© SLUB

Ein Monat und 660 Jahre liegen zwischen den beiden Ereignissen. Beim ersten herrschte Kaiser Ludwig IV. im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, beim zweiten regiert Kanzler Gerhard Schröder das Land der Deutschen - doch sonst gleichen sich die Szenen auf verblüffend erschreckende Weise.

"Flüsschen, die Müglitz, Weißeritz oder Prießnitz heißen, werden zu Monstern, die Häuser und Brücken niederwalzen oder auseinander reißen - sodass sie aussehen wie zerschnittene Puppenhäuser...Gotteshäuser sind Zufluchtstätten. ,Geht hinein, da ist noch Platz", sagt der Kantor der Frauenkirche. Und alle folgen, denn um sie herum ist nun der Fluss. So berichteten Reporter aktuell von der Hochwasserkatastrophe an Elbe und Donau im August des Jahres 2002. Und so schilderten Chronisten die große Flut im Juli 1342, die als "Magdalenenhochwasser" in die Geschichte eingegangen ist: "Es schien, als ob das Wasser von überallher hervorsprudelte, sogar aus den Gipfeln der Berge. Donau, Rhein und Main trugen Türme, sogar feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte davon...über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen, und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahr von Noahs Leben."

Sintfluten biblischen Ausmaßes haben in den vergangenen tausend Jahren immer wieder Land und Leute an den deutschen Urströmen Elbe, Weser und Oder, Donau und Rhein heimgesucht. Chroniken belegen die Desaster und die Verwüstungen - und die Angst und Ohnmacht der Menschen vor der Natur und höheren Gewalten um.

Köln und Dresden besonders häufig unter Wasser

Eine der frühesten Katastrophennachrichten stammt aus dem Jahr 1012. "In jener Zeit trat die Donau über ihre Ufer und der Rhein ebenfalls. So kam eine unzählbare Menge Menschen und Vieh um", und "die Gewalt der Fluten", so heißt es in der hochdeutschen Übersetzung des mittelalterlichen Berichts lapidar, habe Bauwerke und Wälder zerstört. Im Laufe der Geschichte wurden Köln und Dresden besonders häufig unter Wasser gesetzt. In der Domstadt stieg im Februar 1784 der Flutpegel auf die heute noch gültige Rekordmarke von 13,55 Metern. Tausend Menschen kamen

Gut 60 Jahre später, im März 1845, strömte die Elbe mit Urgewalt durch die Dresdner Innenstadt. Zeitgenössischen Schilderungen von damals ähneln den Katastrophenberichten von heute: "Der Fluss führte ungeheure Massen von Holz und Hausgerät, sogar noch vollständige Häuser mit sich." Der fünfte Pfeiler der Augustusbrücke brach unter dem Druck der tosenden Wassermassen. Ein viereinhalb Meter hohes, vergoldetes Kruzifix wurde mitgerissen und fortgespült und ist nie wieder aufgetaucht. Die gewaltige Flut spülte auf dem Eliasfriedhof sogar die Toten aus ihren Gräbern. Einer der Augenzeugen der Sintflut an der Elbe war der Arzt und Maler Gustav Carus, ein Freund Goethes. Er schrieb: "Die hochaufrauschenden, trübgelben, mit Eisschollen gemischten Wogen...bildeten eine schwindelerregend rasch dahinziehende, weite und breite tosende Fläche, die alles mit sich hinfortschwemmte."

"Eine Skatspielergesellschaft ertrank am Spieltisch"

Im Juli des Jahres 1927 berichtete eine Anna Jessen aus Glashütte ihren Verwandten in Norddeutschland von einer großen Flut in Sachsen und Thüringen: "Das Wasser kam so plötzlich und mit so furchtbarer Gewalt, alles mit sich reißend: Häuser, Menschen und Tiere, riesengroße Bäume und Eisenbahnwagen...In dem benachbarten Städchen Berggießhügel sind 82 Menschen ums Leben gekommen und 17 Häuser völlig verschwunden...Eine Skatspielergesellschaft ertrank sogar am Spieltisch..."

Vor der Urgewalt der Fluten suchten zu allen Zeiten fromme Christen und zu Tode verängstigte Menschen Schutz in den Kirchen. Hier glaubten sie vor der Strafe Gottes sicherer zu sein, denn der hatte am Anfang der Zeit, ob der Bosheit der von ihm geschaffenen Menschen, schon einmal gezürnt und gesprochen: "Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen." (1. Mose, 6,17). Ungläubige analysieren die Gründe der verheerenden Hochwasserkatastrophen dagegen ziemlich banal und zynisch zugleich: Es regne eben manchmal viel - und die Menschen hätten zu nahe am Wasser gebaut. Meteorologen und Klimaforscher glauben Beweise dafür zu haben, dass die zunehmende Frequenz der sintflutartigen Unwetter von Menschen verursacht wird: Vor allem Treibhauseffekt und Klimaerwärmung seien schuld an den Naturkatastrophen.

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