Pilger sind nicht immer gläubig und nicht jeder will gleich ganz nach Santiago de Compostela. Fünf stern-Autoren erzählen Geschichten über Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen den Weg zu sich selbst in Angriff genommen haben.

Im wichtigsten deutschen Walfahrtsort Altötting nutzten viele Pilger den Papstbesuch 2006, um sich segnen zu lassen© David Klammer
Rupp Doinet in Altötting
Es ist noch früh am Morgen, in Altötting, dem berühmtesten Wallfahrtsort in Deutschland. Aber vor der Gnadenkapelle stehen schon die ersten Hundertschaften frommer Fremder. Ein paar Dutzend Besucher in Rollstühlen warten darauf, vor die schwarze Madonna geschoben zu werden, Frauen mit Rosenkränzen in den Händen blinzeln in die Frühlingssonne, alte Männer haben ihre Hüte abgenommen und kneten sie nun fast verlegen. Drei Jugendliche mit WLW-Plaketten ("Wahre Liebe wartet") singen ein frommes Lied, brechen aber mittendrin ab, weil außer ihnen niemand mitsingt.
"Ein ruhiger Tag", sagt der Kapuzinerpater Bruder Narinus Parzinger,44, Sekretär in der Wallfahrtskustodie von Altöttinng. Die Kapuziner betreuen die Pilger, nehmen ihnen die Beichte ab, halten die Gottesdienste, lassen bei der Ankunft der Wallfahrer über ein Funksignal die Kirchenglocken läuten, weil dieser Gottesgruß die müden Wanderer "erfreut und motiviert".
Aber heute werden keine offiziell angekündigten Wallfahrer erwartet, obwohl bestimmt wieder ein paar hundert, wenn nicht sogar tausend Pilger kommen werden. Seit Jahren beobachten die Kapuziner, dass eine zunehmende Zahl von Einzelpilgern und Kleingruppen, darunter besonders viele Jugendliche und Familien, die heiligen Orte besucht. Menschen, die "mit den Grundvollzügen des Glaubens immer weniger vertraut " und "kirchlich nicht beheimatet sind", wie der Pater das formuliert. Ihnen wollen die Padres in Zukunft verstärkt "Hilfen zur inneren Einkehr" anbieten, "vermitteln, was einem an einem Ort wie diesem geschenkt werden kann."
Birgit Olinski, 44, Qigong-Lehrerin aus Frankfurt ist eine dieser neuen Frommen. 1986 war sie aus der Kirche ausgetreten, obwohl sie sich auch danach als "gottesgläubig" empfand. Am 23. Dezember 2000, "dem Tag der Heiligen Victoria" erlebte die dunkelhaarige, schmale Frau eine "Spontanheilung von meinen schweren Depressionen". Seitdem hat sie sich Gott verschrieben, pilgert von einem Gnadenort zum nächsten. In Trier war sie, in Marburg, Bamberg, Speyer. Nach Lourdes will sie demnächst und "der Jakobsweg, der wäre natürlich auch schön". Sie geht all diese langen Wege dabei gerne für sich allein, möchte "meine Energie ungeteilt für mich behalten" und manchmal überlappen sich dabei der Glaube an Gott mit älteren Religionen und Mythen. Denn, so sagt Birgit Olinski: "Viele der Wallfahrtsorte gründen sich auf Kraftzentren aus der Keltenzeit oder aus noch älteren Kulturen und das ist bestimmt kein Zufall".
Nach Altötting ist sie mit Christine, 65, gekommen, ihrer Mutter. Nun laufen sie langsam durch den Rundgang entlang der Gnadenkapelle im Herzen Altöttings, vorbei an den etwa 2000 Votivtafeln, die Pilger vor ihnen hier draußen an den Kirchenmauern und innen, im Gotteshaus, an die Wände genagelt haben. Manche der Bilder sind 500 Jahre alt, aber es gibt auch ganz neue. Eine Polizeiabteilung hat der Gottesmutter gedankt, dass bei einem Einsatz anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland beim Unfall mit dem Mannschaftsbus kein Mensch zu Schaden kam, Überlebende der Tsunami-Katastrophe im fernen Osten dankten für die wunderbare Errettung aus den Fluten.
Draussen vor der Kirche haben Pilger Kreuze zurückgelassen, die nun von denen, die nach ihnen kamen, durch den Rundgang getragen werden. Auch Birgit und Christine Olinski haben jeweils ein Kreuz geschultert, laufen langsam mit gemessenen Schritten eine Runde nach der anderen, bis Christine die Beine weh tun und sie sich in die Sonne setzt, während die Tochter in Gedanken versunken weiter läuft. Früher liefen Wallfahrer hier mit Erbsen in den Schuhen, um sich zu kasteien und Busse zu tun. Aber das, so sagt Bruder Marinus Parzinger von den Kapuzinern, ist "nicht erwünscht, ja sogar ungut", weil man sich bei einer Pilgerfahrt nicht quälen, sondern freuen soll.
Das wussten auch die früheren Pilger schon. Sie gelobten zwar, auf Erbsen zu wallfahren, kochten sie vorher aber vorsichtshalber ab.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich auch in Mecklenburg-Vorpommern nach Santiago de Compostela pilgern lässt.
Mehr zum Thema Pilgern... ...lesen Sie im aktuellen stern. Aufbrechen, um abzuschalten: Auf überlieferten Pfaden quer durch Europa suchen Millionen nach innerer Ruhe und viele auch nach Gott. Die große stern-Reportage geht dem Pilgern auf den Grund, zeigt die wichtigsten Strecken in Europa und gibt Reise- und Buchtipps.