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1. Februar 2007, 11:59 Uhr

Töten ist nicht billig

Weltkongress gegen Todesstrafe

Die Hinrichtung Saddam Husseins hat nicht nur im Irak für Diskussionen über Todesurteile geführt. Anlässlich des dritten Weltkongresses gegen die Todesstrafe räumt stern.de mit den populärsten Legenden über die schwerste aller Strafen auf. Von Tim Schulze

Auf einer solchen Liege im Gefängnis von Lucasville im US-Bundesstaat Ohio werden zum Tode Verurteilten Giftspritzen gesetzt© Kiichiro Sato/AP

Als das Urteil gegen den Halbbruder Saddam Husseins, Barsan al Tikriti, Mitte Januar vollstreckt wurde, geriet die Hinrichtung zu einer Demonstration gegen die Todesstrafe. Tod durch den Strang lautete das Urteil des irakischen Gerichts, das den Prozess gegen Saddam und einige seiner Gefolgsleute geführt hatte. Die Bilder, die nach der Hinrichtung in die Öffentlichkeit gelangten, zeigten eine grausame Szene: Der Strang enthauptete den ehemaligen Günstling des brutalen Diktators statt ihn zu strangulieren.

Es war nicht die erste Hinrichtung, die die Grausamkeit der Todesstrafe aufzeigte. Im Dezember des vergangenen Jahres bekommt der 55-jährige Amerikaner Angel Diaz im Gefängnis von Starke in Florida eine Giftspritze. Normalerweise verlieren die Todeskandidaten schnell das Bewusstsein - nicht so Diaz: Über 30 Minuten ringt er mit dem Tod, eine zweite Injektion ist nötig, bis der Mann stirbt. Zuvor hatte Diaz 26 Jahre in der Todeszelle gesessen. Ärzte sprechen von höllischen Schmerzen, die Diaz bis zu seinem Ende durchlitten haben muss. Seitdem sind alle Hinrichtungen in den Bundessaaten Florida und Kalifornien ausgesetzt.

Diskussion lebt wieder auf Die beiden Ereignisse haben dafür gesorgt, dass in den USA und weltweit die Diskussion um die Todesstrafe wieder aufgelebt ist. Passend dazu findet jetzt in Paris drei Tage lang der dritte Weltkongress gegen die Todesstrafe statt. Unter der Schirmherrschaft des französischen Präsidenten Jacques Chirac treffen sich rund tausend Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen und Menschrechtsgruppen, um weiter "Druck auf die Staaten mit Todesstrafe auszuüben und das Thema in der Öffentlichkeit zu halten", sagt Oliver Hendrich, der für Amnesty International Deutschland nach Paris reist.

"Es geht vor allem darum, eine Strategie für die nordafrikanischen Staaten und den mittleren Osten zu entwickeln, wo das Problem besonders relevant ist", sagt Hendrich. Das zweite Hauptanliegen des Kongresses ist es, den Druck auf China zu erhöhen. Offiziell sind in der Volksrepublik allein im Jahr 2005 über 1700 Menschen hingerichtet worden. Experten gehen von bis zu 8000 Exekutionen jährlich aus. "Wir wollen erreichen, dass die Machthaber in Peking den UN-Zivilpakt ratifizieren, den sie im Hinblick auf die Olympischen Spiele, die nächstes Jahr dort stattfinden, bereits unterschrieben haben", sagt Hendrich. Das wäre ein großer Schritt für die Akzeptanz der Menschenrechte in der aufstrebenden Wirtschaftsnation.

Rund 30 Prozent der Deutschen sind für Todesstrafe Nach Angaben von Amnesty International wurden im Jahr 2005 mindestens 2148 Menschen in 22 Staaten hingerichtet. Neben dem Spitzenreiter China gab es die meisten Hinrichtungen in Iran (94), Saudi Arabien (86) und den USA (60, davon 24 in Texas). In Deutschland sind nach einer Allensbach-Umfrage 70 Prozent der Bevölkerung gegen die Todesstrafe, während 30 Prozent für die Wiedereinführung plädiert.

Dabei "sind die Argumente der Befürworter nicht haltbar", sagt Hendrich. Sie entsprechen weder Menschenrechts-Standards noch halten sie wissenschaftlichen Fakten stand. Vor allem das wichtigste Argument, die Abschreckung, hat sich als vollkommen falsch erwiesen. Aber auch für die Frage der Gerechtigkeit oder einer angemessenen Strafe für Schwerstverbrechen ist die Todesstrafe die falsche Antwort. Im Folgenden hat stern.de für Sie die wichtigsten Legenden der Todesstrafen-Befürworter aufgelistet.

Legende 1: Die Todesstrafe schreckt ab

Bisher hat keine wissenschaftliche Studie einen überzeugenden Beweis dafür erbracht, dass von der Todesstrafe mehr Abschreckung auf Gewalttäter ausgeht als von einer langjährigen Haftstrafe. Beispiel: Die meisten Morde werden im Affekt ausgeübt. Der Täter stellt in so einem Fall keine Überlegungen zu strafrechtlichen Konsequenzen an. Bei einem kühl geplanten Verbrechen gehen Kriminologen hingegen davon aus, dass der Täter erst handelt, wenn er der Meinung ist, dass das Risiko gering ist, überführt zu werden. Der Gedanke an die Todesstrafe spielt dabei nur eine sehr geringe oder keine Rolle.

Legende 2: Die Todesstrafe sorgt für weniger Kriminalität

Studien zeigen, dass keine Gesellschaft drastische Steigerungen der Kriminalität befürchten muss, wenn die Todesstrafe außer Kraft gesetzt wird. In Kanada ist die Zahl der Tötungsdelikte seit Abschaffung der Todesstrafe 1977 stark zurückgegangen, während sie in US-Bundesstaaten mit Todesstrafe auf höherem Niveau stagniert oder gestiegen ist.

Staaten mit Todesstrafe suggerieren den Menschen, dass sie "starke" Maßnahmen gegen das Verbrechen ergreifen. Aber Kriminalität hat komplexe seelische und gesellschaftliche Ursachen, auf die die Todesstrafe keinen Einfluss hat.

Legende 3: Die Todesstrafe für Schwerstverbrecher ist gerecht

Auch Mörder haben das in der Allgemeinen Erklärung der Menschrechte garantierte Recht auf Leben. Es ist paradox zu töten, um zu zeigen, dass das Töten eines Menschen Unrecht ist.

In der Praxis wird die Vorstellung einer gerechten Strafe widerlegt: Es kann nie ausgeschlossen werden, dass Unschuldige hingerichtet werden. Die Todesstrafe ist nicht revidierbar. In den USA wurden seit 1973 mehr als 120 mutmaßliche Mörder aus den Todeszellen geholt, weil sich ihre Unschuld erwiesen hatte.

Legende 4: Den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen

Der Wunsch der Opfer-Angehörigen nach Vergeltung durch die Todesstrafe ist menschlich durchaus verständlich, doch eine wirkliche Gutmachung ist durch das Töten des Täters nicht möglich. Die Erfahrung zeigt, dass Familien oft keinen Trost durch die Hinrichtung des Mörders erfahren.

Legende 5: Eine Hinrichtung ist billiger als eine langjährige Haft

Wenn es um grundsätzliche Fragen der Menschlichkeit geht, dürfen Kosten-Nutzen-Kalkulationen keine Rolle spielen. Niemand käme auf die Idee, Senioren oder unheilbar Kranke umzubringen. Außerdem hat sich in den USA gezeigt, dass ein Todesstrafenfall teuerer ist als eine Haftunterbringung. Berufungs- und Revisionsverfahren, Unterbringung im Todestrakt - all das ist teuer. Die Kosten der Todesstrafe zu reduzieren, würde bedeuten, die Berufungsmöglichkeiten stark einzuschränken und das Risiko würde steigen, Unschuldige hinzurichten.

KOMMENTARE (3 von 3)
 
sunnyboy_1 (03.02.2007, 18:54 Uhr)
au weh, au weh.
Welches Intelligenzwuermchen hat denn da mal wieder gerechnet. Egal, ob ich fuer oder gegen die Todesstrafe bin, es ist Unsinn zu behaupten, dass das Toeten eines Menschen mindestens genau so viel kosten wuerde, wie eine lebenslaengliche Haft. Bullshit.
Wenn der Deliquent eine Woche nach seiner Verurteilung getoetet wird, erspart das dem Steuerzahler viel Geld. Das Argument, dass mit allen Revisionsverfahren die Hinrichtung so teuer wird, greift schon deshalb nicht, weil der Verurteilte auch bei einem "Lebenslaenglich" staendig Berufung einlegen oder Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen kann. Das wuerde dann nochmal teurer sein als die Vollstreckung der Todesstrafe. Es kommt immer darauf an, wie lange der Verurteilte bis zu seinem Tode inhaftiert ist. Ich glaube, dass im Falle Saddams und seiner Halbbrueder viel Geld gespart wurde, weil dieses Gesindel bei "lebenslaenglich" eine spezielle Ueberwachung benoetigt haetten. dies nur zur Kostenklaerung. Der Tod ist im uebrigen keine Strafe, sondern eine Erloesung.
iovialis (01.02.2007, 15:59 Uhr)
Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein
Kein Mensch hat das Recht, über Leben und Tod eines anderen Menschen zu entscheiden, egal, welches Verbrechen die zu tötende Person auch begangen haben mag und welches Leid ein oder mehrere Opfer erfahren mußte(n).
Die Befürwortung der Todesstrafe ist dann populär, wenn unsagbares Leid für irgendwen entstanden ist; allerdings sehe ich dies als Affekt-Begründung.
Hitler, Goebbels, Göring entzogen sich der Todesstrafe durch Selbstmord - das Endergebnis (Tod) war das gleiche. Eine lebenslange Haftstrafe, die den Tätern bewußt gezeigt hätte, wie sich Deutschland "anders" entwickelt, ist eine größere Strafe, wie der Tod. Die RAF-Terroristen, deren derzeitiges Begnadigungsverfahren läuft, werden sich schwer tun, in der heutigen Welt Fuß zu fassen. Die Ideale, welche sie in den 70ern vertraten, sind heute überholt.
Todesstrafe ist keine Lösung, Straftaten zu bestrafen. Vielmehr müssen die Täter ein Einsehen in ihre Tat haben, was durch den Tod unmöglich wird. Für manchen Täter ist es schwer genug, mit seiner Tat zu leben, wenn sie ihm wirklich bewußt wird. Der Tod ist dann keine Strafe, sondern eine Erlösung.
Pixelschubser (01.02.2007, 15:48 Uhr)
Ergänzung
Die aufgeführten Punkte, die sich gegen die Todesstrafe richten, sind allesamt vollkommen richtig und bedürfen keiner weiteren Diskussion - und dennoch habe ich einen Punkt hinzuzufügen:
Verantwortung.
Niemand - weder ein Mörder, noch ein Richter - kann die Verantwortung übernehmen, über das Leben eines anderen Menschen zu urteilen.
Sobald ein Richter die Todesstrafe verhängt, sobald ein Henker die Todesstrafe vollzieht, machen sich beide des selben Verbrechens schuldig, wie der Delinquent selbst.
Es gibt auf der Welt kein Gesetz, das über dem Menschenrecht steht, und Menschenrecht verbietet die Todesstrafe.
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