"Anonymous" meldet sich zu Wort

10. Dezember 2010, 12:01 Uhr

"Wir sind keine Hacker, sondern durchschnittliche Internet-Bürger" - mit diesen Worten haben sich nun Aktivisten von "Anonymous" zu Wort gemeldet, die Wikileaks-kritische Seiten attackiert hatten. stern.de hält Sie im "Infokrieg" auf dem Laufenden.

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Das Geschäft mit der Solidarität: Die erste Wikileaks-Unterstützer-Kleidung ist bereits erhältlich©

Die "Anonymous"-Aktivisten melden sich zu Wort

Wikileaks-Anhänger haben die Homepage des Internet-Bezahldienstes Moneybookers kurzzeitig lahmgelegt. Die Website des Unternehmens war am Freitagmittag für rund zwei Minuten nicht zu erreichen. Moneybookers sei ins Visier geraten, weil das Unternehmen im August Konten der Enthüllungsplattform gesperrt habe, begründeten die Aktivisten ihre jüngste Attacke. Moneybookers habe Geldwäsche-Ermittlungen angeführt, die gegen Wikileaks in einigen Ländern aufgenommen worden seien. Aktivisten der sogenannten "Operation Rache" erklärten, sie seien keine Hacker, sondern vielmehr "durchschnittliche Internet-Bürger". Weder der Daten-Diebstahl noch entscheidende Daten-Kanäle der Unternehmen stünden im Zentrum ihrer Angriffe. "Es ist eine symbolische Aktion", hieß es in der Mitteilung der Internet-Gemeinde, die sich "Anonymous" nennt, weiter. Wikileaks selbst erklärte, sie habe nichts der "Anonymous"-Gruppe zu tun. Es gebe auch keine Kontakte zwischen Wikileaks-Mitarbeitern und irgendjemand bei "Anonymous".

Sonderzelle für Julian Assange

Julian Assange ist in eine gesonderte Zelle eines Gefängnisses im Südwesten Londons verlegt worden. Die Gefängnisverwaltung habe die Verlegung "zu seiner Sicherheit" angeordnet, sagte Assanges Anwältin Jennifer Robinson der Nachrichtenagentur AFP. Der 39-jährige Australier habe in der Haftanstalt jedoch Probleme, weil er "keine Erholung bekommt, nur mit Schwierigkeiten nach draußen telefonieren kann und allein ist", so Robinson weiter. Der jüngst verhaftete Wikileaks-Sprecher habe in der Haft zudem keinen Zugriff auf einen Computer, kritisierte Robinson. Es falle ihm schwer, mit der Hand zu schreiben, weshalb er zur Vorbereitung einer geplanten Justizbeschwerde einen Laptop brauche. Laut der britischen Zeitung "Guardian" soll Assange nun einen Computer und eingeschränkten Zugang zum Internet bekommen. Gefängnisinsassen dürfen in Großbritannien normalerweise keinen eigenen Computer haben. Nun soll Assange an einem speziellen Programm teilnehmen, bei dem Inhaftierten ein Rechner mit eingeschränktem Internetzugang zur Verfügung gestellt wird. Insgesamt sei Assange in "sehr guter Verfassung". Es ärgere ihn aber, dass er nicht selbst auf Vorwürfe gegen Wikileaks wegen Online-Attacken auf große Firmen reagieren könne, für die das Enthüllungsportal nicht verantwortlich sei.

Propaganda mit Wikileaks-Fälschungen

In Pakistan sind mehrere große Zeitungen auf gefälschte Wikileaks-Enthüllungen hereingefallen, wonach sich angeblich US-Diplomaten verheerend über den Erzrivalen Indien äußerten. "The Express Tribune" entschuldigte sich nun bei ihren Lesern. Laut den gefälschten Depeschen hätten US-Diplomaten indische Spitzenmilitärs als inkompetent beschrieben und von einem Völkermord im indischen Teil Kaschmirs gesprochen. Sie hätten außerdem indische Unterstützung für Aufständische in Pakistan belegt, die der pakistanische Geheimdienst ISI der Regierung in Neu Delhi immer wieder vorwirft.

Landesweit wurde die Agentur-Meldung gedruckt. Der britische "Guardian" hatte anschließend berichtet, dass sich in den Wikileaks-Datenbanken keine entsprechenden Botschaften von US-Diplomaten finden ließen. Der "Guardian" schrieb vom "ersten Fall, in dem Wikileaks für Propaganda-Zwecke ausgenutzt wird". Die Zeitung "The News" deutete den Verdacht an, der Bericht könne von "bestimmten Nachrichtendiensten" lanciert worden sein.

Pfizer soll Staatsanwalt unter Druck gesetzt haben

Der Pharma-Konzern Pfizer wollte nach Erkenntnissen von US-Diplomaten den nigerianischen Staatsanwalt unter Druck setzen, um hohen Strafzahlungen nach dem Tod von Kindern bei einem Medikamenten-Test zu entgehen. Das geht aus neuen Depeschen aus den Wikileaks-Beständen hervor, die nun veröffentlicht wurden. Die Depesche aus Nigeria wirft ein neues Licht auf einen altbekannten Fall. Pfizer hatte 1996 während einer schweren Meningitis-Epidemie in der nigerianischen Provinz Kano 100 Kindern das neue Medikament Trovan verabreicht. Fünf von ihnen starben, einige trugen bleibende Gesundheitsschäden davon. Später gab es Vorwürfe, die Zustimmung der Eltern sei nicht ordnungsgemäß eingeholt worden; die Behörden klagten. Pfizer setzte dem jahrelangen Streit erst im Oktober 2009 ein Ende mit der Zahlung von 75 Millionen Dollar, nachdem zeitweise bis zu 8 Milliarden Dollar an Straf- und Schadenzahlungen verlangt worden waren. Nun kommt mit dem Botschaftsdokument heraus, dass Pfizer versuchte, Korruptionsvorwürfe gegen den nigerianischen Staatsanwalt auszugraben, um ihn unter Druck zu setzen. Das habe ein damaliger Manager in dem Land freimütig in der Botschaft erzählt. Die Depesche von April 2009 enthält keine Hinweise darauf, wie die Aktion ausging.

Kaufe T-Shirts, unterstütze Wikileaks

Wikileaks-Anführer Julian Assange im Che-Guevara-Look ist der Verkaufsschlager im Kieler Onlineshop Getdigital.de: Die Betreiber verkaufen Shirts und Pullover mit Wikileaks-Motiven und spenden pro verkauftem Artikel fünf Euro an die Organisation. Seit die Enthüllungsplattform mit der Veröffentlichung geheimer US-Diplomaten- Depeschen weltweit für Aufsehen sorgt, seien die Verkäufe rapide angestiegen, sagte Geschäftsführer Philipp Stern. "Wir haben in den letzten zwei Wochen über 400 Wikileaks-Shirts verkauft." Ums Geld gehe es dabei nicht: "Von den Erlösen aus den Shirts bleibt für uns fast nichts übrig. Wikileaks zu unterstützen, ist unser Hauptziel mit dieser Aktion", sagt Stern.

Hacker stören Webauftritt der Ermittler

Nach der Festnahme eines 16-Jährigen wegen Internet-Attacken auf die Websites von Mastercard und PayPal haben Unbekannte die Website der Staatsanwaltschaft in Den Haag zeitweise lahmgelegt. Sie war am Freitag mehrere Stunden nicht erreichbar. Auch Websites der niederländischen Polizei wurden mehrfach gestört. Die niederländischen Ermittler intensivieren unterdessen die Suche nach Online-Saboteuren. Weitere Festnahmen, auch in anderen Ländern, seien denkbar, hieß es bei der Staatsanwaltschaft in Den Haag. Der Teenager habe offenbar mit einer größeren Gruppe von Wikileaks-Sympathisanten bei den Netz-Angriffen kooperiert.

Der 16-jährige muss bis auf weiteres in Untersuchungshaft bleiben, hat ein Rotterdamer Richter entschieden. Die Ermittler dürfen ihn zunächst noch 13 Tage lang festhalten und vernehmen. Der Jurist folgte damit einem Antrag der Staatsanwaltschaft. Sie hatte geltend gemacht, dass der Teenager kein einfacher "Mitläufer" der Sympathisanten des festgenommen Wikileaks-Gründers Julian Assange sei. Vielmehr habe er bei Vernehmungen zugegeben, selbst Verantwortung für Internet-Angriffe zu tragen.

Die Internet-Attacken werden von einer Gruppe mit dem Namen "Anonymous" organisiert. Es geht um sogenannte DDOS-Angriffe, bei denen hunderte oder tausende zusammengeschlossene Computer einen Web-Server mit Anfragen überhäufen, bis er unter dieser Last in die Knie geht.

Schwedische Dokumentation blickt tief in Wikileaks hinein

Seit dem Sommer hat sich das schwedische Fernsehen auf die Spuren von Wikileaks und Julian Assange gemacht. Herausgekommen ist eine äußerst sehenswerte Dokumentation aus dem Innenleben der Enthüllungsplattform. Der englischsprachige Beitrag "WikiRebels – The Documentary" lässt sich hier ansehen.

Offline-Unterstützung für Wikileaks

Mit Spruchbändern und Plakaten sind in Australien hunderte Unterstützer der Enthüllungsplattform Wikileaks auf die Straße gegangen. Die Demonstranten versammelten sich in mehreren Städten des Landes und forderten die australische Regierung auf, sich für die Rechte von Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange einzusetzen. Die Proteste richteten sich vor allem gegen Regierungschefin Julia Gillard. Diese hatte dem 39-jährigen Australier Assange wegen der Veröffentlichung von US-Geheimdepeschen durch Wikileaks vorgeworfen, "in grober Weise unverantwortlich" gehandelt und einen "illegalen Akt" begangen zu haben. "Komm' schon Julia, welches Gesetz hat Assange gebrochen", war auf einem der an die Regierungschefin gerichteten Plakate der Demonstranten vor dem Rathaus in Sydney zu lesen. "Unabhängig davon, was man von Wikileaks oder Julian Assange hält, hoffen wir, dass sich die Regierung zu grundsätzlichen Prinzipien bekennt", sagte der Sprecher der Aktivisten-Gruppe "GetUp!", Paul Mackay, der Nachrichtenagentur AFP.

Neue US-Depeschen zu China und Birma

China soll sich laut von Wikileaks veröffentlichten Geheimunterlagen 2008 enttäuscht über die mangelnden Reformen in Myanmar gezeigt haben. Die Chinesen hätten "eindeutig genug" von der zögerlichen Militärführung unter General Than Shwe, zitierte das Enthüllungsportal aus einer Mitteilung der US-Geschäftsträgerin in dem südostasiatischen Land, Shari Villarosa, an Washington. Dies habe sie nach einem Treffen mit dem chinesischen Botschafter in Myanmar geschrieben. Der Botschafter habe die Militärführung nicht länger verteidigt und eingeräumt, dass die birmanischen Generäle die Lage verschlimmert hätten. China ist der größte Investor in Myanmar und liefert Waffen an das südliche Nachbarland.

Auch Palins Seite attackiert

Unterstützer der Enthüllungsplattform Wikileaks haben jetzt auch die Homepage der konservativen US-Politikerin Sarah Palin attackiert. Wer die Adresse aufruft, sieht nur eine Fehlermeldung. Nach Angaben eines Technikers wurde der Angriff von Mitgliedern der "Anonymous"-Bewegung ausgeführt. Dort sollen sich mehrere tausend Menschen für koordinierte Hackerangriffe zusammengefunden haben.

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