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19. Oktober 2007, 14:46 Uhr

Ein Kompromiss mit Haken

Sonderregelungen für Polen, für Italien - sogar für Bulgarien: Der vorliegende EU-Reformvertrag ist eine Sammlung teils bizarrer Regeln. Dennoch ist er wichtig: Er macht die EU bei einer wachsenden Zahl von Mitgliedern überhaupt erst wieder regierbar. Von Johannes Röhrig

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso blickt nachdenklich: Doch trotz aller Mängel und und Kuriositäten ist der Reformvertrag auch in der nun vorliegenden Form wichtig© Virginia Mayo/AP

Nun steht der EU-Vertrag also, der die Europäische Union ab 2009 auf neue Beine stellen soll. Mehr ging nicht. Der ganz große Wurf ist es nicht geworden. Der scheiterte 2005, als sich das Projekt noch Verfassung nannte, am Willen der Bevölkerung in Frankreich und Holland. Jetzt trägt die Reform wieder einige jener bizarren Züge, die so typisch für die EU sind: Ein Kompromiss mit Ausnahmen, Unschärfen, Zusatz-Protokollen und Erklärungen.

Blockade zahlt sich immer aus

Die Art, wie heute Nacht in Lissabon eine Einigung zu Stande kam, lehrt einmal wieder das politische Spiel in der Europäischen Union. Regel eins: Blockade zahlt sich immer aus. Wer sich nur lange genug sperrt, bekommt schließlich (fast) alles, was er will. Regel zwei: Hinter dem Gezerre steckt oft nur populistisches Theater - möglichst schrill und laut, damit es die Wähler zu Hause gut hören können.

Die polnischen Kaczinsky-Zwillinge, die den Vertrag bis zuletzt mit immer neuen Forderungen torpediert hatten, präsentieren sich nun als Sieger: Sie bekommen über eine verschachtelte Rechtskonstruktion eine Bestandsgarantie für "ihre" so genannte Ioannina-Klausel, mit der Minderheiten im EU-Rat eine Mehrheitsentscheidung aufschieben können. Doch wie lange sich Beschlüsse dadurch aufhalten lassen, ist umstritten. Für die Kaczinskys bleibt von Ioannina möglicherweise nicht viel mehr als eine Geste der Gesichtswahrung kurz vor den polnischen Parlamentswahlen an diesem Sonntag.

Regeln mit absurden Zügen

Ein weiterer Wackelkandidat war vor den Verhandlungen Italien. Auch dem italienischen Premier Romano Prodi ging es mehr um sein Standing als um die Sache. Prodi hat nun für sein Land einen Parlamentssitz mehr herausgeschlagen hat als ursprünglich vorgesehen. Künftig soll Italien mit 73 Abgeordneten vertreten sein - genau wie Großbritannien. Das war Prodi wichtig. Dafür wird die Zahl der Parlamentarier auf 751 erhöht, wobei der Parlamentspräsident nicht mit stimmen darf. 751 Sitze, 750 Stimmen. Dass die Regel absurde Züge hat, wird deutlich, wenn man sich einen Italiener als Parlamentspräsidenten vorstellt.

Schließlich setzten sich die Bulgaren bei der Euro-Schreibweise damit durch, in offiziellen Dokumenten, aber möglicherweise auch auf Euro-Scheinen die kyrillische Schrift und entsprechende Bezeichnung "Evro" verwenden zu können. Details blieben noch offen. EU-Neuling Bulgarien ist noch gar nicht Teil der Euro-Zone.

Reformvertrag dennoch wichtig

Trotz aller Mängel und Kuriositäten ist der Reformvertrag auch in der Form, wie er nun vorliegt, für Europa wichtig. Denn der Kern ist geblieben: Der Vertrag macht die EU bei einer wachsenden Zahl von Mitgliedern überhaupt erst wieder regierbar. Ein Teil der Entscheidungen, bei denen heute noch Einigkeit notwenig ist, kann bald mit Mehrheit getroffen werden. Das macht die Gesetzgebung schneller. Und das bremst auch den Hang einzelner Mitglieder zum Alleingang, unter dem die Gemeinschaft heute noch leidet.

Die Einigung sei ein "Sieg für Europa", sagte der portugiesische Ministerpräsident und EU-Ratsvorsitzende José Sokrates. Sie macht ihn auch persönlich zum Gewinner: Am 13. Dezember soll der Vertrag in Lissabon unterschieben werden - der Sozialist Sokrates wird in die EU-Geschichte eingehen. Dabei findet das nächste Treffen der Staats- und Regierungschefs im Dezember eigentlich in Brüssel statt. Logistisch wird noch interessant werden, wie der Regierungstross zwischen Portugal und Belgien pendelt kann. Reiseaktivismus ist ja auch so eine skurrile EU-Spezialität.

Von Johannes Röhrig
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Facti (20.10.2007, 08:41 Uhr)
HE HALLO Deutsche Kanzlerin!!!
Ihr wachsweiches Nachgeben, das Sie wieder als Erfolg sehen, hat den deutschen Bürger bereits viel zu viel Geld gekostet. Veranlassen Sie eine Volksabstimmung und sie werden erfahren: "Deutschland will DIESES! Europa nicht!" Etwas dürfte auch frisch in Ihrer Erinnerung sein.
WIR SIND DAS VOLK!!!!!!!!!
Saarvenom (20.10.2007, 05:10 Uhr)
EU???
Naja, es bewahrheitet sich doch immer wieder dass die Menschen in der EU keine freie Wahl haben...
Erst lässt man in denn Demokratischen Ländern das Volk entscheiden, und wenns denn Politikern nicht gefällt was das Volk will, wird einfach etwas anderes entschieden...
Die "EU-Verfassung" wurde in vielen Ländern abgelehnt...daraus haben die netten Damen und Herren gelernt ;-)
In Deutschland sind wir das ja schon gewohnt, aber mich würde Interessieren was die Franzosen oder die Holländer darüber denken.
Das sich die EU mit diesem Vertag erpressbar gemacht hat, sieht man ja schon am Beispiel Polen oder Italien.
Was kommt als nächstes? Eingliederung Israels? Aber dann nur unter bestimmten bedingungen, die Israel uns stellen darf natürlich. Die EU ist ein Witz und dieser Vertag zeigt es mal wieder...
gruss
michaalb (19.10.2007, 18:54 Uhr)
Wer nicht will, der hat schon
Ansatzweise möchte ich mich meinem Vorkommentator anschließen. Allerdings glaube ich nicht, dass die EU zu groß ist, sondern in der letzten Zeit zu schnell gewachsen.
Die EU hätte sich bestimmt einen Gefallen getan, wenn sie die neuen Mitgliedschaften der ehemaligen Ostblock-Staaten erst einmal "auf Probe" vergeben hätten. Dann hätte die EU jetzt nicht das Problem, dass ihr nationalistische Populisten auf der Nase herumtanzen - nach dem Motto "abkassieren und noch unverschämte Forderungen stellen".
Es wäre doch sicher für die EU hilfreicher, wenn man aktuell die Mitgliedschaft Polens aussetzen könnte. Eine vernunftbegabte polnische Regierung könnte dann ja wieder die Mitgliedschaft neu beantragen.
Leider war die Vergrößerung der EU kein Zusammenwachsen - das ist jedenfalls meine Meinung.
Oetker333 (19.10.2007, 15:48 Uhr)
EU
Die EU ist definitiv zu groß. Die EU ist erst wieder regierbar wenn das Vetorecht eines einzelnen Staates aufgehoben wird. Außerdem sollte es keine Ausnahmen und Sonderregelungen geben. Die Länder die nicht mitmachen wollen fliegen raus!
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