Das stolze Irland war einst das Wirtschaftswunderland der EU. Doch im Kampf gegen die Wirtschaftskrise unterlag der irische Tiger. Jetzt sollen EU und IWF helfen. Bericht aus einem verzweifelten Land. Von Fidelius Schmid, Dublin/Roosky

Um die Gemeinschaftswährung zu schützen, unterstützt die EU die irische Banken-Restrukutrierung© Karl-Josef Hildenbrand/DPA
Dass die Krise auch sie erwischen wird, begreift Claire Leonard irgendwann im Frühjahr. Ein Mieter nach dem anderen kann sich die Konzession für ihre Pizzarestaurants nicht mehr leisten, immer mehr geben auf und lassen sie ohne Einnahmen. Sie verkauft ihr Haus, ihren Stolz auf dem Hügel mit Fernblick, und zieht in eine Wohnung. Das Geld steckt sie aber weiter in die kleine Restaurantkette. Die Leute werden doch weiter Pizza essen, sie glaubt daran.
Vergangene Woche aber begreift Leonard, dass alles noch viel schlimmer ist. Der Staat könnte auch pleitegehen, nicht nur die Banken. Deswegen steht sie jetzt mit einem Plakat vor dem Finanzministerium und schreit sich die Seele aus dem Leib, immer wenn ein paar Anzugträger an ihr vorbeilaufen. "Was hier passiert, ist illegal", brüllt sie. "Es ist gegen die Verfassung, Irland muss unabhängig bleiben!"
Dublin, Irlands Hauptstadt im späten November 2010. Es ist der Tag, an dem Premierminister Brian Cowen nach tagelangen, immer unglaubwürdiger klingenden Dementis zugibt, dass sein Land allein nicht mehr weiterweiß. Dass es viel Geld braucht. Und dass es das nur bekommen kann, wenn es harte Auflagen erfüllt. Es ist der Tag, an dem Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank und der EU-Kommission im irischen Finanzministerium einrücken, um zu prüfen, wie viele Milliarden nötig sein werden, um den Inselstaat vor dem Bankrott zu retten. Und welche Einschnitte der Bevölkerung noch zuzumuten sind.
Doch Dublin ist nicht Athen, und Irland ist nicht Griechenland. Es gibt keine Massendemonstrationen, keine Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei, keine Backsteine fliegen in die Glasfassaden der Banken. Irlands Krise spielt sich wie in Zeitlupe ab. Das Land wirkt wie betäubt, ungläubig, dass es so weit kommen konnte.
Leonard protestiert allein. "Ich bin der Krawall", sagt die Pizzeriabesitzerin. Außer ihr hängen vor dem Finanzministerium noch ein paar Fotografen herum. Wenn ein Mensch im dunklen Anzug daherkommt, schreit sie auf und die Fotografen knipsen.
Der Verfall einer Nation, er lässt sich dieser Tage an vielen Orten in Irland beobachten. Wie in Roosky, gut zwei Autostunden von Dublin entfernt. Die untergehende Sonne taucht die Doppelhaushälften mit Giebeldächern und den Bootssteg unten am Fluss Shannon in ein weiches Rot. Es sollte einmal eine schmucke Siedlung werden. Doch in den Vorgärten wuchert das Unkraut, ein paar Fensterscheiben fehlen, fast alle Haustüren stehen offen. Drinnen liegen noch die Farbeimer, die die Maler stehen lassen haben, als sie erfuhren, dass sie nicht bezahlt würden. Mehr als 500.000 Euro sollte eine der gut 40 Doppelhaushälften hier kosten. Aber niemand kaufte, und der Projektentwickler ging pleite.
Bis 2010 finanzierte die Regierung in Dublin solche Siedlungen noch durch Steuererleichterungen, nun rotten sie dahin. Mehr als 600 Geistersiedlungen gibt es in Irland, sie sind zum Symbol für die wahnsinnige Immobilienspekulation geworden, die dem Land am Ende das Genick brach. "Ziemlich trostlos, oder?", zuckt John McCartin mit den Schultern. Er sitzt im Kreistag hier, und sein Landkreis hat mehr Geistersiedlungen pro Einwohner als jede andere im Land. "Hier liegen unsere 50 Mrd. Euro, und wenn man will, kann man auch Angela Merkels Milliarden hier betrauern", sagt er.
Die Nacht bricht heran, und es wird stockduster, weil von den Straßenlaternen nur die Masten da sind, die Lampen hat niemand mehr eingebaut, und in den leer stehenden Häusern brennt auch kein Licht. "Wenn das hier unbewohnt bleibt, dann verfallen die Häuser in fünf, sechs Jahren. Wir werden sie abreißen müssen", sagt McCartin. "Die sind doch verrückt in der Regierung, diesen Unsinn zu finanzieren, und dann wollen sie uns wahrscheinlich noch auf den Abrisskosten sitzen lassen", sagt er.
Die Verlierer dieser Krise sind die Hausbesitzer, die nun auf ihren Schulden sitzen, und die Banken, die ihre Kredite nicht zurückbekommen. Es sind die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, die Alten, deren Rente gekürzt wird, und die Jungen, die nicht mehr an ihre Zukunft glauben mögen.
Irland stürzt immer tiefer in die Krise. Doch einige Probleme sind hausgemacht und waren deshalb vorhersehbar. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite!
Dieser Artikel... ist erschienen in der Financial Times Deutschland