In diesem Jahr wäre ein neuer Anzug für Lenin fällig gewesen, doch dafür fehlt das Geld. Die uralte Leiche zu erhalten ist teuer, dabei ist die Konservierungstechnik beliebt wie nie. Von Andreas Albes, Moskau

Jedes Frühjahr wird Lenin mit Hilfe einer aufwändigen Prozedur generalüberholt© DPA
Juri mag die Kommunisten zwar nicht, aber er wählt sie trotzdem. Die Kommunisten, so glaubt er, erhalten seinen Arbeitsplatz. Seit Jahren schreitet Juri von Dienstag bis Donnerstag sowie an den Wochenenden, jeweils zwischen 10 und 13 Uhr, die Schlange der Touristen vor dem Lenin-Mausoleum ab. Seine potentielle Kundschaft. Lenin besichtigen ist unter Moskau-Besuchern immer noch höchst populär und die Wartezeit entsprechend. Zumal der Eintritt nichts kostet. Juri verlangt für seine Dienste 400 Rubel, knapp neun Euro, dafür schleust er einen an der Schlange vorbei, direkt vors Mausoleum. Den Verdienst muss er sich mit den Wachleuten auf dem Roten Platz teilen - was bedeutet, dass jeder Tourist, der Juri bezahlt, im Grunde den Kreml besticht. Aber so sind die Landessitten eben.
Das Geld ist gut angelegt, denn man erfährt von Juri noch allerhand Interessantes. Zum Beispiel, dass jedes Frühjahr, wenn Lenins Leichnam zwei Monate generalüberholt wird, aufs Neue die Diskussion entbrennt, ob man sein unwürdiges Dasein als Touristenattraktion nicht endlich beenden und ihn auf einem Friedhof beisetzen sollte. Das würden nur die Kommunisten verhindern, sagt Juri. Deshalb wählt er sie.
Die Zeiten werden härter für Lenin. Schuld ist die Finanzkrise. In diesem Jahr wäre eigentlich ein neuer Anzug für ihn fällig gewesen. Er wird turnusgemäß gewechselt, damit sich im Stoff keine Mikroben einnisten, die den Leichnam anknabbern könnten. Lenin trägt ein dunkelblaues Gewand aus Lüstergewebe, ein glänzender Wollstoff, der in der Schweiz hergestellt wird und nicht ganz billig ist. Er ließ ihn sich schon zu Lebzeiten regelmäßig exportieren. Diesmal reichte das Budget allerdings nur fürs Waschen und Bügeln.
Boris Jelzin regte Mitte der 90er als erster an, das Mausoleum zu schließen. Doch die heftige Reaktion der noch immer mächtigen Altkommunisten ("Ein Akt politischer Rache!") ließ ihn zurückschrecken. Wladimir Putin umgeht das Thema ganz. Was die Finanzierung des Mausoleums angeht, zahlt der Kreml schon seit 1992 keine Kopeke mehr. Die Geldgeber sind private und meistens geheime Spender.
Zwischenzeitlich war sogar Deutschlands berühmter Leichenfledderer Gunther von Hagens in Moskau, um darüber zu verhandeln, Lenin als Star-Exponat in seine Wanderausstellung "Körperwelten" aufzunehmen. Bei einem Wodkagelage im Restaurant "Schnapsleiche" kamen sich von Hagen und seine Verhandlungspartner aus der Regierung angeblich schnell näher. Doch im nüchternen Zustand machten die Kreml-Beamten wieder einen Rückzieher. Zu groß war die Angst, von Hagen könnte ihren einstigen Nationalheiligen entwürdigend darstellen.
Wäre es nach Lenin gegangen, hätte es nie ein Mausoleum gegeben. Er wäre nach seinem Tod im Januar 1924 lieber neben seiner Mutter in St. Petersburg beerdigt worden. Seine Witwe Nadjeschda Krupskaja appellierte in der Prawda: "Errichtet in seinem Namen keine Paläste oder Denkmäler. All diesen Dingen maß er in seinem Leben wenig Bedeutung bei." Doch Stalin hatte schon Monate vor dem Ableben des todkranken Revolutionärs in einer geheimen Politbürositzung vorgeschlagen, den Leichnam zu konservieren. Er hatte begriffen, dass das seiner Kirchen beraubte Volk dringend einen Religionsersatz brauchte. Der Totenkult um Lenin war da eine gute Alternative.
Also suchte der Geheimdienst ein Team von Wissenschaftlern zusammen. Man entfernte der Leiche das Gehirn, um später Lenins Genialität zu erforschen (was sich als unerfüllbare Aufgabe erwies). Dann wurde der zierliche, nur 1,64 Meter große Körper mittels Tiefkühlung und Formalin-Injektionen konserviert. Doch die Methode scheiterte kläglich. Lenins Hautfarbe ging allmählich ins Graubraun über, sein Leib wurde von pergamentfarbenen Totenflecken übersät, Lippen und Augen begannen sich zu öffnen, und die Nasenflügel waren schon nach wenigen Monaten kaum dicker als ein Blatt Papier.
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