Sie war die unvermeidliche Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten, jetzt scheint sie die unvermeidliche Verliererin zu sein. Doch Hillary Clinton kämpft weiter. Warum? Sie will nicht als Unterlegene abtreten, sondern hinter Barack Obama zweite Siegerin werden. Denn Hillary C. hat schon einen Plan B. Von Katja Gloger

Hillary Clinton posiert vor dem Mount Rushmore in South Dakota© Elise Amendola/AP
Sie strahlt, sie lacht, und voll kämpferischer Zuversicht spricht sie vom bevorstehenden Sieg. Sie bewundert tanzende Schulkinder auf Puerto Rico und lässt sich wenig später Tausende Kilometer weiter westlich unverdrossen von Touristen am Mount Rushmore in South Dakota fotografieren, dort, wo die Portraits von vier Präsidenten in ewigen Stein gehauen sind. In South Dakota findet nächsten Dienstag einer der beiden letzten Vorwahlen statt. Unermüdlich reist Clinton durch das weite Land - und wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, dass Hillary Clinton die Präsidentschaftskandidatin der demokratischen Partei sei, auf dem Durchmarsch ins Weiße Haus.
Es gehören eine Menge Disziplin, ein gigantisches Schlafdefizit und jede Menge kalorienschwerer Fast-Food-Pizza dazu, den Kampf um eine aussichtslos scheinende Nominierung so hartnäckig weiterzuführen. Dabei hilft ihr, wie sie sagt, auch die Sammlung guter Wünsche und religiöser Sprüche, die sie auf ihrem Blackberry gespeichert hat und jederzeit abrufen kann, wenn sie Seelenzuspruch sucht.
Es gehört eine Portion Wunschdenken dazu und wohl auch die Überzeugung, wirklich die bessere Kandidatin zu sein. Stets verweist sie auf ihre Erfolge in den "swing states", den hart umkämpften Bundesstaaten wie Ohio und Pennsylvania und auf ihre grandiosen Siege in konservativen Staaten wie West Virginia und Kentucky. Und jeden Tag heißt es in den E-Mails an ihre Fans und potentiellen Spender: "Ich bin die beste Kandidatin, um das Weiße Haus für die Demokraten zurückzuerobern."
Drei Vorwahlen sind in den kommenden Tagen noch zu absolvieren, und Hillary Clinton hat gute Chancen, eine, gar zwei davon zu gewinnen - aber auch dies wird nichts mehr ändern an der Delegierten-Arithmetik. Nur noch wenige Dutzend Stimmen fehlen Barack Obama, um über die magische Hürde von 2026 zu kommen, der Mehrheit der Delegierten. Diesen Vorsprung wird Hillary Clinton nicht einholen können. Und Barack Obama macht längst Wahlkampf gegen John McCain. Mehr als drei Millionen Dollar Spenden habe George W. Bush gerade für McCain eingetrieben, heißt es in einem Spendenaufruf des Obama-Wahlkampfstabes - dies müsse man nun toppen. Seine Plakate verkünden nicht mehr "Wandel". Jetzt steht auf ihnen: "Wir werden den amerikanischen Traum zurückgewinnen!"
Von Hillary Clinton ist kaum noch die Rede.
Zuletzt hatte es Gatte Bill versucht. Der einst so eloquente Anwalt seiner Frau und globale Superstar der Wohltätigkeit verwandelte sich in den vergangenen Wochen in einen meckrigen alten Mann mit zornesrotem Gesicht, eine Karikatur seiner selbst, der sich offenbar ins Weiße Haus zurückjammern will. Erst schwadronierte er über den Plan einer möglichen Vizepräsidentschaft seiner Frau. Dann schwafelte er - ausgerechnet er ! - über den Sexismus, unter dem seine Frau leide, über die Zoten zu Haaren, Hosen und Figur.
Mit dem Geschlechterkampf will er Hillarys treue Stammwählerinnen noch einmal gegen die Männerwelt mobilisieren. Vor allem aber vermutet er eine "Verschwörung" gegen seine Frau. Eine Verschwörung der Medien und anderer dunkler Mächte (sprich: Obama). Noch nie sei ein Kandidat so "respektlos" behandelt worden, behauptet er und sieht einen dramatischen Versuch, sie aus dem Rennen zu drängen.
Ob so viel Verschwörungsgeschwafel fiel selbst den hart gesottenen Fernsehkommentatoren auf CNN nur eine Erklärung ein: vielleicht spreche Bill Clinton nur das aus, was man wirklich denke und fühle in Hillary-Land. Wut. Enttäuschung. Bitterkeit.
An diesem Wochenende nun tagt der Geschäftsordnungsausschuss der Demokratischen Partei in Washington. Dessen Mitglieder werden über das Schicksal der Parteitags-Delegierten aus den Bundesstaaten Florida und Michigan entscheiden. Die waren wegen des Verstoßes gegen das Wahlreglement mit Delegierten-Entzug bestraft worden. Die Kandidaten - auch Clinton und Obama - hatten der Entscheidung zugestimmt und sich bereit erklärt, dort keinen Wahlkampf zu führen. In Michigan stand Obama erst gar nicht auf dem Wahlzettel. In beiden Staaten hatte Hillary Clinton gewonnen. Diese Siege reklamiert sie jetzt für sich. "Ich kämpfe für jede Stimme" verkündet sie heute, da es ihr nützen könnte. Ihre Fans planen gar einen Marsch auf das Hotel, in dem der Parteiausschuss tagt.
Doch der neigt offenbar zu einer salomonischen Lösung: angeblich will man die Zahl der Delegierten ungefähr zu gleichen Teilen auf Clinton und Obama aufteilen, mit leichtem Vorteil für Hillary Clinton.
Ab Mitte der kommenden Woche, nach den letzten Vorwahlen in den bevölkerungsarmen Staaten South Dakota und Montana, wird man Hillary Clinton auffordern, ihre Niederlage einzugestehen, den Kampf aufzugeben. Nach dem Ende des endlos erscheinenden Wahlkampfes werden sich dann weitere Super-Delegierte für Obama entscheiden, und einige werden aus Hillary-Land ins Obama-Camp überlaufen. Keinesfalls soll sich der Kampf über den Sommer hinweg bis zum Parteitag Ende August ziehen: "Wir können diesen Streit nicht bis zum Parteitag fortsetzen", sagt Parlamentschefin Nancy Pelosi, ranghöchste Amtsträgerin der Demokraten. "Er muss davor zum Ende kommen."
Doch Hillary führt weiter Wahlkampf, hat sich mit rund elf Millionen Dollar verschuldet, als gebe es diese Realitäten gar nicht. Zwar hat das Ehepaar Clinton schon oft aussichtslos scheinende Kämpfe gewonnen. Doch zunehmend irritiert notieren Beobachter "Bitterkeit", gar "Agonie", die Clintons seien schon immer schlechte Verlierer gewesen. Und man fragt sich: "Was will Hillary?" Sie muss doch wissen, dass ihr nur noch ein Wunder helfen kann - oder die rund 200 alles entscheidenden Super-Delegierten, die sich noch nicht auf einen Kandidaten festgelegt haben. Diese Super-Delegierten will sie herausfordern. Werden sie es wirklich wagen, sich gegen die bessere Kandidatin zu stellen?