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13. Juni 2008, 10:00 Uhr

Großmaul Chavez wird kleinlaut

Hugo Chavez vollzieht derzeit überraschende Kehrtwendungen: Der venezolanische Präsident kippt kurzerhand eine Verordnung für billigere Busfahrscheine und entzieht den lang gehätschelten kolumbianischen Farc-Rebellen seine Liebe - was ist mit dem populistischen Haudrauf los? Von Toni Keppeler

Hugo Chavez, national-populistischer Präsident von Venezuela, gerät nach langer Zeit wieder unter Druck der Opposition© Marcelo Hernandez/AP

Fast sieht es so aus, als würde Hugo Chavez einem Strauchelnden noch in den Rücken treten: Am 26. März hat die Farc ihren Gründer und Übervater Manuel Marulanda durch einen Herzinfarkt verloren. Am 1. Mai starb dessen Stellvertreter und Schwiegersohn Raul Reyes unter dem Bombenhagel der kolumbianischen Luftwaffe auf sein Rückzugslager in Ecuador. Wenige Tage später wurde ein weiterer hoher Guerilla-Führer von seinem eigenen Leibwächter gemeuchelt. Und jetzt wendet sich mit dem Präsidenten Venezuelas auch noch der letzte politische Verbündete von den Rebellen ab. "Der Guerilla-Krieg ist Geschichte", rief Chavez seinen einstigen Freunden übers Fernsehen zu. "Guerilla-Verbände passen nicht mehr in das Lateinamerika von heute." Die Farc solle nach über vierzig Jahre dem bewaffneten Kampf ein Ende setzen und ihre rund 800 im Dschungel festgehaltenen Geiseln bedingungslos freilassen.

Vor ein paar Wochen noch hat der Haudrauf aus Caracas ganz anders getönt: Bei der Farc handle es sich nicht etwa um eine Terror-Truppe, wie die Regierungen der USA und der Europäischen Union meinen. Nein, sagte Chavez, die Aufständischen hätten "ein politisches Projekt, das man in Venezuela respektiert". Die Gruppierung müsse trotz ihrer Verwicklung in Drogenhandel und Entführungsindustrie von den Terroristen-Listen gestrichen und als kriegführende Partei international anerkannt werden. Und jetzt dieser Sinneswandel! Ist der bolivarische Revolutionsführer plötzlich zum Friedensengel geworden?

Projekt 'Spitzelstaat' eingestampft

Es ist nicht die einzige Kehrtwende des Hugo Chavez in diesen Tagen. Mitte der Woche nahm er ein Gesetz über die Neuordnung der Geheimdienste zurück, das er erst wenige Tage zuvor per Dekret verkündet hatte. Wäre es in Kraft getreten, hätte es aus Venezuela einen Spitzelstaat gemacht. Chavez hatte sich von kubanischen Verhältnissen inspirieren lassen und wollte, dass die von ihm geschaffenen bolivarischen Zirkel die Bevölkerung ausspionieren. Genauso wie im Land seiner engsten Freunde, der Gebrüder Castro, wo Stadtteilkomitees mit wachem Auge die Revolution verteidigen. Jetzt wurde das Großmaul plötzlich kleinlaut und gestand ein, dass das Geheimdienstgesetz wohl verfassungswidrig sei.

Sogar eine vorderhand populäre Maßnahme ließ Chavez wieder kassieren: Zu Zeiten, da in anderen Ländern das Busfahren wegen der explodierenden Ölpreise immer teurer wird, hat er billigere Fahrscheine angeordnet. Die Bevölkerung mag sich darüber gefreut haben. Doch die Transporunternehmer waren sauer und drohten mit Ärger - und der sonst so starke Mann im Regierungspalast von Miraflores knickte ein. Was hat ihn nur so handzahm gemacht?

Teile und herrsche

Vielleicht hat sich Chavez trotz seiner radikalen Richtungswechsel im Grunde gar nicht geändert. Er ist ein begnadeter Populist. Einer, der dem Volk aufs Maul schaut und an nichts so sehr interessiert ist wie am Erhalt der eigenen Macht. Die Basis dieser Macht war bislang jene Bevölkerungsmehrheit, die in den Armenvierteln der Städte und in den tristen Dörfern im Hinterland wohnt. Menschen, die Jahrzehnte lang vom aus den Ölquellen des Landes sprudelnden Reichtum ausgeschlossen waren. Chavez ist der erste Präsident Venezuelas, der mit ihnen teilt. Er gab ihnen Bildungsangebote und Gesundheitsversorgung gratis und billige Lebensmittel in staatlichen Supermärkten. Dafür liebten sie ihn und wählten ihn wieder und wieder. Und sie genehmigten in Volksabstimmungen Verfassungsänderungen, die es ihm ermöglichen, sich auch in Zukunft wieder und wieder wählen zu lassen.

Visionen stopfen keine Mäuler

Der Präsident glaubte schon, das Volk liebe ihn auch wegen seiner Visionen. Wie einst der Unabhängigkeitsheld Simón Bolívar träumt Chavez von einem geeinten Lateinamerika - und dazu noch von einem wie auch immer gearteten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Doch das Volk interessieren solche Visionen nicht. Es geht in Venzuela ums Fressen und nicht um Moral oder Ideologie. Als aus den Supermärkten die Lebensmittel verschwanden, weil Chavez vor lauter außenpolitischem Gepolter die Pflege der Wirtschaft zu Hause vernachlässigt hatte, da schwand auch die Liebe des Volkes dahin. Vor einem Jahr noch standen 75 Prozent der Bevölkerung hinter ihrem Präsidenten, nach neuesten Umfragen sind es nur noch 55 Prozent. 70 Prozent finden die von Chavez lange gehätschelte Farc widerlich - und sind entsprechend erbost darüber, dass in der vergangenen Woche ein Kurier der Armee Venezuelas in Kolumbien mit 40.000 Patronen für die Aufständischen geschnappt wurde.

Alles für den Machterhalt

Nach bald zehn Jahren im Präsidentenamt kann sich Chavez seiner Macht nicht mehr so sicher sein wie in der Zeit der ersten Liebe. Im Dezember vergangenen Jahres hat er zum ersten Mal eine Abstimmung verloren: Ein Referendum über eine Verfassungsreform, mit der in Venezuela der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" eingeführt werden sollte. In einem halben Jahr stehen Regionalwahlen an. Nach derzeitigen Umfragen kann die Opposition dabei mindestens zehn der 22 Gouverneursposten des Landes gewinnen. Spätestens dann könnte Chavez nicht mehr so selbstherrlich regieren. Also gibt sich das einstige Großmaul lieber ein bisschen kleinlaut und schmeichelt sich ein. Er nimmt ein paar umstrittene Gesetze und Anordnungen zurück und redet, was die Farc angeht, seinem Volk nach dem Maul. Geradlinigkeit war noch nie die Stärke von Populisten. Die Regierung Kolumbiens wird sich über diesen unverhofften politischen Schlag in die Magengrube der Aufständischen freuen. Aber die von Chavez gehätschelten linken Regierungen in Kuba und Nicaragua, Bolivien und Ecuador müssen angesichts dieses brüsken Richtungswechsels erschaudern.

Von Toni Keppeler
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
BeneGresser (14.06.2008, 13:43 Uhr)
Die Folgen der Macht
Macht und Übermut sind unzertrennliche Geschwister. Sie lieben Abgründe und balancieren so lange, bis es schief geht.Der Kitzel rechtfertigt die Gefahr, bis man sie kennt.
beltrandavid (14.06.2008, 09:53 Uhr)
es lebe unsere frei welt?
wo wird die groesste propaganda betrieben, die bevoelkerung belogen, mit kameras bespitzelt, hirnwaesche betrieben, andersdenkende fuer verrueckt erklaehrt?
In einer gesellschaft die Ihre babys in Gucci und Armani kleider steckt, wo es nur ums geld geht, sehen und gesehen werden, unsere welt vegiftet, egoismus gefoerdert wird und auf das sollen wir stolz sein?
ich lebe seid ein paar jahren auf Kuba und man hat nicht den luxus, keine ueberfuellten supermaerkte, keine "piranialisierte kinder" und oefters gibt es halt einen stromausfall aber ich habe kein schlechtes gewissen wenn ich schlafen gehe.
dieser artikel ueber venezuela war ein versuch mehr unser verfaulendes system zu verteidigen. habt Ihr noch alle tassen im schrank?
gmathol (14.06.2008, 00:56 Uhr)
Diffamierung.
Jeder Staat oder Politiker welcher nicht US hoerig ist und dem Voelkermord, der Armut und der Ausrottung von Arabern freundlich gegenuebersteht wird diffamiert.
Die US Firmen fliegen aus Venezuela und auch Russland raus und das aus gutem Grund!
Pamela_1971 (13.06.2008, 20:19 Uhr)
@ 38exacty
"Quelle: National-Zeitung"? Das militaristische, kriegsverherrlichende Propagandablatt der rechtsextremen DVU als Quelle - ausgerechnet zum Thema Krieg?! Also, dieses Zitat könnte ja tatsächlich echt sein... aber die DVU und deren Propagandablatt ist hierfür ganz gewiss keine glaubwürdige/zitierfähige Quelle. Und "im Fernsehen" ist halt auch denkbar vage und keine nachprüfbare Aussage (in welchem Fernsehsender denn? In welcher genauen Sendung? An welchem Tag? etc.).
38exacty (13.06.2008, 19:12 Uhr)
Lachhaft
lächerlich diese Aussagen im Stern.
George Bush Sen., amerikanischer Präsident, im Januar 1991 im Fernsehen:
“Wir haben in unserer Geschichte zweihundert mal militärische Gewalt eingesetzt, und ich glaube, es gab fünf Kriegserklärungen”.
Quelle: “National Zeitung”, 6. Dezember 1991, Seite 3.
Ein Oberterrorist ??? Wer ??
http://tinyurl.com/68w5j2
auwei (13.06.2008, 17:03 Uhr)
Rätselhafte Schlussfolgerung
So richtig der Autor mit Vielem liegen mag, was er schreibt - seine Folgerung am Schluss des Artikels bleibt rätselhaft. Ich kann keinen Grund erkennen, warum die Regierungen Nicaraguas, Equadors und Boliviens erschauern müssten - jedenfalls keinen, der mit Hugo Chavez zusammenhängt. Es sei denn, man geht davon aus, dass er eine Art Patenstellung innehat - was ich stark bezweifle. Dass Südamerika nach links gerutscht ist, hat mit dem (gründlichen!!) Versagen der korrupten und brutalen Rechten zu tun, nicht mit dem "Projekt Chavez". Sollte der Autor etwas anderes sagen wollen (was ich stark vermute), wäre es hilfreich, er wäre etwas deutlicher geworden.
rajabi (13.06.2008, 16:04 Uhr)
Respektlose Medien
fresch, verlogen und einseitig... so kennt man die Medien im Westen...
Wer gegen unser Diktat ist und sich gegen unsere Interseen stellt, ist ein Großmaul, Diktator und wenn noch fresch wird, dann wird der Person gar als Terrorist oder terrorförderer gebrandmarkt.
ich bin nicht unbedingt ein Freund vom Chaves...
Aber dieser Art der Berichterstattung und monopolistische Gedankengut halte ich für abscheulich und hinterhältig.
ecomoc4u (13.06.2008, 15:15 Uhr)
da lacht der hugo
"...Kuba und Nicaragua, Bolivien und Ecuador müssen angesichts dieses brüsken Richtungswechsels erschaudern."
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ach was. im gegensatz zu diesem lausigen artikel, haben die genannten staaten sich objektiv informiert, und sehen das genau andersrum, als dieser report uns weissmachen will.
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ich verstehe ja, dass mann artikel so gestalten muss, das der stoff nicht zu trocken für den leser ist. aber dieser beitrag ist billig, und kann eigenlich nur jemandem gefallen, der 10 stunden am tag arbeitet, von politik keine ahnung hat, und nach feierabend irgendwie unterhalten werden will.
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exiled (13.06.2008, 15:15 Uhr)
geschockt
...ich komme da ja gar nicht darüber hinweg! Wie kann sich ein Schreiberling eines ehemals so renommierten Blattes wie dem 'Stern' sich auf ein Niveau herablassen, dass man für gewöhnlich nur von der Bild-Zeitung her kennt?
Gibt es dort niemanden, der die Artikel genehmigen muss oder sie zumindest gegenliest??
Unglaublich!
exiled (13.06.2008, 14:43 Uhr)
@jj2008
..ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich finde es schon fast unglaublich, was sich dieser Verfasser heraus nimmt. Das hat doch nichts mit objektivem Journalismus zu tun, sondern ist Stimmungsmache vom Übelsen!
Ich bin generell erstaunt, was aus diesem einst wirklich objektivem und journalistisch wertvollem Blatt geworden ist!
Was ist nur los in unserem Land, in unseren Medien?
Ist jetzt wirklich alles gleichgeschaltet und von den Marionetten in Berlin beeinflusst? offensichtlich 'JA'.
Gerade in diesem sensiblen 'Venezuela-Thema' wäre objektivität und Verständnis für die politischen Sytuationen in anderen Kulturkreisen wirklich angebracht.
Dieser Arikel liest sich, als hätte ihn ein verbitterter 'Merkel-Sekretär' geschrieben, der während des Gipfels vor einigen Wochen eine unschöne Begegnung mit Südamerikanischer Kultur gehabt hätte, oder der eben von seinem Chef dazu angehalten wurde, etwas in dieser Machart zu schreiben. Eine Zeitung ist nicht dazu da, Stimmung und Meinung u machen, sondern um zu informieren und zu analysieren. Ansonsten stellt man sich auf eine Stufe mit diesen 'Gangstern' a la Bush und Chavez!
SCHANDE
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