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Ein Sturmgewehr zum Kaffee

In Europa bekommt man meist einen Keks zum Kaffee. In den USA ist es gleich ein Sturmgewehr: Was Jan Christoph Wiechmann 2007 in Texas erlebte, erklärt, warum in Amerika Waffen so wichtig sind.

Eigentlich wollte ich in dem einsamen Schuppen an der Road 317 nur einen Kaffee trinken. Es war in einem kleinen Nest mitten in Texas, wo Ranchers leben und Cowboys und Frauen mit Farrah-Fawcett-Gedächtnisfrisuren. Der kleine Schuppen an der Road 317 wirkte durchaus einladend. Auf dem Dach stand eine alte Kanone aus dem mexikanischen Bürgerkrieg und hinter dem Tresen eine junge Frau aus den frühen 80er-Jahren. Sie trug Blue Jeans und ein Fransenhemd und lange blonde Dauerwellen, die sie mithilfe von Unmengen an Haarspray zu einem Gebirgsmassiv toupiert hatte. Sie sah aus wie Lucy Ewing aus der TV-Serie "Dallas". Sie sprach auch wie Lucy Ewing. Sie war ziemlich authentisch.

Waffentheke statt Kuchentheke

Lucy Ewing brachte den Kaffee und sagte freundlich, ich sehe aus wie einer, der sich für eine AR-15 interessiert. Ich fragte sie, was das sei, eine AR-15. Da lächelte sie geheimnisvoll und holte die AR-15 aus dem Schrank. Es handelte sich um ein Sturmgewehr mit Kunststoffschaft und Gasdrucklager und Aluminiumlegierung. Ich fragte sie, wie einer aussieht, der sich für eine AR-15 interessiert. "Na, so wie Du", sagte sie fröhlich, "das sieht man doch auf den ersten Blick." Ich fragte mich, was sie damit meinen konnte. Vielleicht hielt sie mich für einen Cowboy. Oder einen Amokläufer. Ich fand beides nicht so angenehm. Ich wollte nur einen Kaffee trinken.

"Nur 970 Dollar" sagte sie. "Besonderer Preis. So ziemlich der beste Deal im Umkreis von 100 Kilometern, wahrscheinlich bis Dallas." Sie balancierte die AR-15 in ihrer Hand. Sie drehte sie einmal um sich selbst und warf sie geschickt von einer Hand in die andere. Sie erinnerte mich an Zinedine Zidane. Hinter der Frau, die so authentisch wie Lucy Ewing aussah und so geschickt jonglierte wie Zinedine Zidane standen in einem Glasschrank weitere Waffen. Es gab Winchester 95 und halbautomatische Waffen und Colts und Glocks. Sie standen aufgereiht wie Spirituosen hinter der Bartheke. Sie standen dort so selbstverständlich wie Sahnetorten in deutschen Cafés.

Waffenkauf so einfach wie ein Kaugummikauf

Wenn ich die AR-15 gleich mitnehmen wolle, sagte Lucy Ewing, müsste ich nur meinen texanischen Führerschein vorlegen. Ich fragte sie, was der Autoführerschein mit der Waffe zu tun habe, und sie sagte: "Nichts, aber mit einem Führerschein aus Oklahoma oder New Mexico musst du warten, bis die Überprüfung durch das FBI abgeschlossen ist. Das kann zwei Tage dauern." Das Gesetz in Texas gehöre zu den besten der Welt, erklärte mir Lucy Ewing. In Texas sei der Waffenkauf so einfach wie der Kauf eines Kaugummis. In Texas können nach dem Gesetz selbst Kinder schon geladene Waffen tragen. So unkompliziert wie in Texas sei es sonst nur in Virginia (wo ein Massenmörder nach einem unkomplizierten Waffenkauf 32 Menschen erschossen hat).

Sie fragte, woher ich kam, und als ich "Deutschland" sagte, fragte sie, welche Waffen wir in Deutschland so haben. Mir fielen nur die geheimen Waffenlieferungen an den Irak ein, aber das hielt ich in diesen politisch brisanten Zeiten für etwas unpassend. Ich sagte, dass man in Deutschland nicht so leicht an Waffen komme. Man müsse Jäger oder Polizist sein. Das wollte Lucy Ewing nicht glauben. Sie fragte, wie Nichtjäger und Nichtpolizisten ihre Frauen denn schützen.

"Wenn ein Vergewaltiger käme - würden Sie schießen?"

Sie fragte, ob ich keine Angst vor Massenmördern habe, die nachts in mein Haus einsteigen und die Frau vergewaltigen und die Kinder entführen. Ich sagte, dass ich noch nicht so genau darüber nachgedacht habe, worauf sie erwiderte, dass viele von diesen Liberalen nicht so genau darüber nachdenken, und wenn es dann zu spät ist, fordern sie auf einmal die Todesstrafe, diese Liberalen. Sie fragte, ob wir auch Liberale in Deutschland haben. Mir kam nur Westerwelle in den Sinn, aber den hielt ich jetzt hier in Texas auch für kein besonders gutes Thema.

Sie fragte, was ich denn machen würde, wenn ein Vergewaltiger käme und ich eine Waffe parat hätte, so eine wie diese wunderbare AR-15. Da würde ich doch wohl hoffentlich abdrücken.
"Vielleicht", sagte ich. "Ich habe noch nicht so genau darüber nachgedacht."
"Nicht vielleicht", sagte sie. "Ganz bestimmt drückst du dann ab." Sie schaute mich verwundert an, als gehörte ich zu einer anderen Spezies, als käme ich aus den 70er Jahren.
Ich überlegte, wo ich dieses Gespräch so schon mal erlebt hatte. Ich erinnerte mich an das Kreiswehrersatzamt und die Wehrdienstverweigerung und wurde etwas nervös.

Mit einer AR-15 wäre uns einiges erspart geblieben

Hinter ihr, an einem Souvenirstand, war ein Schild angebracht mit den Köpfen von Hitler, Stalin, Fidel Castro und Saddam Hussein. Darüber stand: "Mit einer guten Waffe wäre uns manches erspart geblieben." Lucy Ewing erklärte mir die Gemeinsamkeiten zwischen Hitler, Stalin, Fidel Castro und Saddam Hussein. Sie sagte, dass es gute Menschen auf der Welt gebe und böse Menschen und sehr böse Menschen und dass die sehr bösen Menschen nichts anderes verdienten als den Tod und dass der Krieg im Irak übrigens schon deswegen ein Erfolg ist, weil der sehr böse Mensch Saddam Hussein beseitigt wurde, bevor er Amerika angreifen konnte. Ob ich nicht auch dieser Meinung sei.

Mir kamen die nie gefundenen Massenvernichtungswaffen in den Sinn und die vielen Toten im Irak, aber ein Duell mit Lucy Ewing in einem einsamen, als Café getarnten Waffenladen an der Road 317 in Texas hielt ich jetzt für keine gute Idee. Lucy Ewing aber gefiel die politische Diskussion. Sie suchte nach Unterhaltung. Ihr Ort war so klein, dass sich nur wenige Fremde hierher verirrten. Fremde waren unterhaltsam.

"Oder damals mit diesem sehr bösen Hitler-Typen", sagte sie. "Der kam doch aus Deutschland." Ich sagte "Austria", Österreich.
"Australien?", fragte sie. Das sei ihr neu. Ob ich mir da sicher sei mit Australien.
Ich sagte "Austria".
Sie schien mir nicht zu glauben. "Jedenfalls hätte man den Hitler-Typen doch auch rechtzeitig abschießen müssen", sagte sie. "Dann wäre der Welt vieles erspart geblieben. Ein einfacher Schuss aus einer AR-15 oder anderen Waffe hätte der Welt eine Menge erspart, so ist es doch."
Sie erwartete jetzt eine Antwort.
"Oder?" fragte sie.
Die Frage stand einsam in diesem verstaubten Raum, in dem sonst nur etwas Country-Musik zu hören war und das Kratzen eines großen Hundes hinter einer Tür. "Oder?", fragte sie.
Ich nickte.
Sie strahlte. Sie hatte gewonnen.

Waffenparadies Texas - Bushs Heimat

Ich sagte, dass ich es mir noch einmal überlege mit der AR-15 und ging, ohne den Kaffee auszutrinken. Draußen wartete die unendliche Weite des Südens. Nur eine Tankstelle war zu sehen und ein Häuschen aus Wellblech, das früher mal ein Gefängnis war. Ich trat in den staubtrockenen, schon heißen Vormittag und fuhr los, vorbei am Straßenschild dieses kleinen Ortes mitten in Texas: "Willkommen in Crawford. Heimat von George W. Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika."

Jan Christoph Wiechmann
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