Wenn man einen Kurs, der zeitlich passt und ausreichend Lernpunkte verspricht, gefunden hat, heißt es aber noch nicht, dass man ihn auch bekommt. Ich muss hoffen, dass er noch nicht voll ist. In Bremen hieß das für mich, hingehen, pünktlich da sein und Daumen drücken, dass der Dozent einen aufnimmt. In Hamburg wird den Dozenten erspart, Studenten die Teilnahme zu verweigern. Es gibt ein Online-System, über das man sich für Kurse anmelden kann. Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wenn nicht gerade die Server ausfallen, weil alle Studenten gezwungenermaßen gleich am ersten Tag des Anmelde-Zeitraums die entsprechende Seite aufrufen, funktioniert das auch ganz gut. Wie gesagt: für die, die zuerst kommen.
Wer seine Kurse beisammen hat, darf sich auf ein arbeitsreiches Semester freuen. Denn man darf nur zwei Mal pro Veranstaltung fehlen. Mein durchschnittlicher Leseaufwand pro Woche lag immer zwischen 150 und 250 Seiten, außer in Paris natürlich. In einem Seminar wird immer ein Referat über zwanzig Minuten erwartet. Am Ende des Semesters eine Hausarbeit über 15 bis 20 Seiten. In den Vorlesungen gibt es Klausuren. Bei sechs Veranstaltungen pro Semester - viele Studenten haben mehr - ist das recht viel. Man kann die Hausarbeiten eigentlich nur in den Semesterferien schreiben, aber die braucht man auch zum Arbeiten gehen und für Praktika
In meiner Fakultät wissen das die Lehrenden. Trotzdem wurde uns jetzt die letzte Hintertür genommen, nach Absprache mit dem Dozenten Hausarbeiten erst später abzugeben. Das ist jetzt verboten. Durch den neuen Benotungszwang ist der Prüfungsaufwand für die Lehrenden zudem unglaublich angewachsen. Es ist ja nicht so, dass mit der Studienreform und den Studiengebühren mehr Dozenten und Professoren eingestellt wurden.
Apropos Prüfungszwang: Im vergangenen Semester hatte ich eine Vorlesung zusammen mit 350 Kommilitonen. Von den 90-minütigen Klausuren hat der zuständige Professor 80 selbst korrigieren. Angesichts dieses Arbeitsaufwands kann ich ihm nicht vorwerfen, dass er den Rest auf drei Hilfsstudenten abgewälzt hat. Von gerechten Noten kann aber keine Rede sein.
Während Studium also zu einer akademischen Ganztagsschule geworden ist, müssen wir trotzdem genug Zeit für unsere Nebenjobs finden. Wir haben auch keine Wahl. Studium ist teurer als je zuvor in der Bundesrepublik. An jeder Uni sind zwischen 150 und 250 Euro Semestergebühren zu zahlen. In sechs Bundesländern kommen noch einmal bis zu 500 Euro Studiengebühren pro Semester dazu. Wer dafür einen Kredit aufnimmt, geht mit Schulden ins Berufsleben. Auch keine schöne Aussicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Peter Zwegart einen hoch verschuldeten Arbeitslosen, der frisch von der Uni kommt, in seiner Sendung begrüßen darf.
Doch noch etwas anderes zwingt uns alle während des Semesters zu arbeiten: Praktika, Praktika und nochmals Praktika. Schon an der Schule bläuten uns unsere Lehrer ein, wir müssten uns neben dem Studium für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Also überbietet sich meine "Generation Praktikum" mit freiwilligen Arbeitserfahrungen, die entweder schlecht oder gar nicht bezahlt werden. Doch Praktika sind teuer: Wer nicht in seiner Studienstadt einen interessanten Arbeitgeber findet, muss woanders hin. Doch das kostet: Anfahrt, Miete (zugleich Miete in der Studienstadt), Unterhalt. Möglichst sollten wir auch mit den neuen Kollegen essen gehen oder feiern. Denn wie heißt es so schön in den Berufsvorbereitungs-Seminaren, die inzwischen jede Uni anbietet? Netzwerken ist alles!
Andere Kostenpunkte gehen in der öffentlichen Debatte komplett unter. Deshalb hier für alle Politiker, die mir das eingebrockt haben: Man kann heutzutage nicht mehr ohne Computer, am bestem ein Notebook, und Internetzugang studieren. Das muss man erst einmal finanzieren! Auch Wohnen ist in den meisten Städten deutlich teurer als noch vor zwei Jahrzehnten. Aber wir spielen mit. Noch.
Die Bologna-Reform hat vieles gewollt, aber nur wenig gekonnt. Die alten Abschlüsse waren überholt. Kaum jemand will sie so zurück. Und natürlich war es ein gutes Anliegen, die Studienabschlüsse europaweit anzugleichen. Aber musste das innerhalb von zehn Jahren geschehen? Auf dem Rücken einer Generation, die auch so schon mit Mehrkosten durch Studiengebühren und Zwang zum Praktika-Sammeln belastet ist? Wieso wurde alles bürokratisiert, wenn doch Flexibilität das Ziel war? Und warum verdammt noch mal muss ich soviel Geld zahlen, und finde immer noch nicht genug Professoren und Dozenten vor?
Es ist aber nicht alles schlecht am Studieren in Deutschland. Niemand sollte das glauben, die Studierenden tun das auch nicht. Viel zu viele Lehrende reißen sich sprichwörtlich den Hintern für uns auf. Es gibt hervorragende Universitäten in diesem Land und dafür bin ich dankbar. Lernen macht immer noch Spaß und die Freiheit von Studenten ist, im Vergleich zu Berufstätigen, immer noch groß. Doch dieser Vorteil ist erheblich kleiner geworden in den letzten Jahren.
Die Politik hat Glück, denn sie hat uns soweit unter Druck gesetzt, dass sich nur ein Teil von uns für eine Rücknahme von Bologna engagiert. Der Rest findet keine Zeit dafür oder ist schon lange desillusioniert. Die "Generation der Krisenkinder" (Spiegel) weiß seit den ersten Schultagen, dass sie vom Staat in schweren Zeiten keine Hilfe erwarten kann. Nur mit den Knüppeln zwischen den Beinen haben wir nicht gerechnet.
Doch die Politiker werden angesichts der neuen Protestwelle reagieren müssen, und sie sollten sich entscheiden: Entweder wird die Universität wieder ein Raum zum freien Lernen, sich ausprobieren und reifen. Oder aber sie wird ein reine Berufsqualifizierungs-Anstalt, ein Dienstleister. Nur dann fordere ich auch eine entsprechende Qualität für mein Geld und für das meiner Eltern. Die Hochschulreform muss dringend reformiert werden. Ich weiß das. Denn ich bin Bologna, verdammt.