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18. November 2009, 11:04 Uhr

Ich bin Bologna, verdammt

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Wenn man einen Kurs, der zeitlich passt und ausreichend Lernpunkte verspricht, gefunden hat, heißt es aber noch nicht, dass man ihn auch bekommt. Ich muss hoffen, dass er noch nicht voll ist. In Bremen hieß das für mich, hingehen, pünktlich da sein und Daumen drücken, dass der Dozent einen aufnimmt. In Hamburg wird den Dozenten erspart, Studenten die Teilnahme zu verweigern. Es gibt ein Online-System, über das man sich für Kurse anmelden kann. Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wenn nicht gerade die Server ausfallen, weil alle Studenten gezwungenermaßen gleich am ersten Tag des Anmelde-Zeitraums die entsprechende Seite aufrufen, funktioniert das auch ganz gut. Wie gesagt: für die, die zuerst kommen.

Wer seine Kurse beisammen hat, darf sich auf ein arbeitsreiches Semester freuen. Denn man darf nur zwei Mal pro Veranstaltung fehlen. Mein durchschnittlicher Leseaufwand pro Woche lag immer zwischen 150 und 250 Seiten, außer in Paris natürlich. In einem Seminar wird immer ein Referat über zwanzig Minuten erwartet. Am Ende des Semesters eine Hausarbeit über 15 bis 20 Seiten. In den Vorlesungen gibt es Klausuren. Bei sechs Veranstaltungen pro Semester - viele Studenten haben mehr - ist das recht viel. Man kann die Hausarbeiten eigentlich nur in den Semesterferien schreiben, aber die braucht man auch zum Arbeiten gehen und für Praktika

In meiner Fakultät wissen das die Lehrenden. Trotzdem wurde uns jetzt die letzte Hintertür genommen, nach Absprache mit dem Dozenten Hausarbeiten erst später abzugeben. Das ist jetzt verboten. Durch den neuen Benotungszwang ist der Prüfungsaufwand für die Lehrenden zudem unglaublich angewachsen. Es ist ja nicht so, dass mit der Studienreform und den Studiengebühren mehr Dozenten und Professoren eingestellt wurden.

Arbeitszwang trotz Zeitmangel

Apropos Prüfungszwang: Im vergangenen Semester hatte ich eine Vorlesung zusammen mit 350 Kommilitonen. Von den 90-minütigen Klausuren hat der zuständige Professor 80 selbst korrigieren. Angesichts dieses Arbeitsaufwands kann ich ihm nicht vorwerfen, dass er den Rest auf drei Hilfsstudenten abgewälzt hat. Von gerechten Noten kann aber keine Rede sein.

Während Studium also zu einer akademischen Ganztagsschule geworden ist, müssen wir trotzdem genug Zeit für unsere Nebenjobs finden. Wir haben auch keine Wahl. Studium ist teurer als je zuvor in der Bundesrepublik. An jeder Uni sind zwischen 150 und 250 Euro Semestergebühren zu zahlen. In sechs Bundesländern kommen noch einmal bis zu 500 Euro Studiengebühren pro Semester dazu. Wer dafür einen Kredit aufnimmt, geht mit Schulden ins Berufsleben. Auch keine schöne Aussicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Peter Zwegart einen hoch verschuldeten Arbeitslosen, der frisch von der Uni kommt, in seiner Sendung begrüßen darf.

Doch noch etwas anderes zwingt uns alle während des Semesters zu arbeiten: Praktika, Praktika und nochmals Praktika. Schon an der Schule bläuten uns unsere Lehrer ein, wir müssten uns neben dem Studium für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Also überbietet sich meine "Generation Praktikum" mit freiwilligen Arbeitserfahrungen, die entweder schlecht oder gar nicht bezahlt werden. Doch Praktika sind teuer: Wer nicht in seiner Studienstadt einen interessanten Arbeitgeber findet, muss woanders hin. Doch das kostet: Anfahrt, Miete (zugleich Miete in der Studienstadt), Unterhalt. Möglichst sollten wir auch mit den neuen Kollegen essen gehen oder feiern. Denn wie heißt es so schön in den Berufsvorbereitungs-Seminaren, die inzwischen jede Uni anbietet? Netzwerken ist alles!

Andere Kostenpunkte gehen in der öffentlichen Debatte komplett unter. Deshalb hier für alle Politiker, die mir das eingebrockt haben: Man kann heutzutage nicht mehr ohne Computer, am bestem ein Notebook, und Internetzugang studieren. Das muss man erst einmal finanzieren! Auch Wohnen ist in den meisten Städten deutlich teurer als noch vor zwei Jahrzehnten. Aber wir spielen mit. Noch.

Zeit für einen Reform-Reform

Die Bologna-Reform hat vieles gewollt, aber nur wenig gekonnt. Die alten Abschlüsse waren überholt. Kaum jemand will sie so zurück. Und natürlich war es ein gutes Anliegen, die Studienabschlüsse europaweit anzugleichen. Aber musste das innerhalb von zehn Jahren geschehen? Auf dem Rücken einer Generation, die auch so schon mit Mehrkosten durch Studiengebühren und Zwang zum Praktika-Sammeln belastet ist? Wieso wurde alles bürokratisiert, wenn doch Flexibilität das Ziel war? Und warum verdammt noch mal muss ich soviel Geld zahlen, und finde immer noch nicht genug Professoren und Dozenten vor?

Es ist aber nicht alles schlecht am Studieren in Deutschland. Niemand sollte das glauben, die Studierenden tun das auch nicht. Viel zu viele Lehrende reißen sich sprichwörtlich den Hintern für uns auf. Es gibt hervorragende Universitäten in diesem Land und dafür bin ich dankbar. Lernen macht immer noch Spaß und die Freiheit von Studenten ist, im Vergleich zu Berufstätigen, immer noch groß. Doch dieser Vorteil ist erheblich kleiner geworden in den letzten Jahren.

Die Politik hat Glück, denn sie hat uns soweit unter Druck gesetzt, dass sich nur ein Teil von uns für eine Rücknahme von Bologna engagiert. Der Rest findet keine Zeit dafür oder ist schon lange desillusioniert. Die "Generation der Krisenkinder" (Spiegel) weiß seit den ersten Schultagen, dass sie vom Staat in schweren Zeiten keine Hilfe erwarten kann. Nur mit den Knüppeln zwischen den Beinen haben wir nicht gerechnet.

Doch die Politiker werden angesichts der neuen Protestwelle reagieren müssen, und sie sollten sich entscheiden: Entweder wird die Universität wieder ein Raum zum freien Lernen, sich ausprobieren und reifen. Oder aber sie wird ein reine Berufsqualifizierungs-Anstalt, ein Dienstleister. Nur dann fordere ich auch eine entsprechende Qualität für mein Geld und für das meiner Eltern. Die Hochschulreform muss dringend reformiert werden. Ich weiß das. Denn ich bin Bologna, verdammt.

Seite 1: Ich bin Bologna, verdammt
Seite 2: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
ganzbaf (19.11.2009, 11:33 Uhr)
Unausgegorener...

und ungerechter Quatsch. Im Studium wie beinahe allerorten in Deutschland.
Nicht zu Unrecht rangieren wir im internationalen Vergleich auch hier auf den hintersten Rängen.

Ergebnis von SeeheimPD und CDU/CSU/FDP Regierungen.
jabaa (18.11.2009, 22:35 Uhr)
zu wenig Studien- und Arbeitsplätze
Ein muss ich noch loswerden. Als ich mich letztens mit ein paar Streikenden unterhalten habe, kam der Satz: "Als ich mich beworben habe, hat uns keiner erzählt, dass es keine Arbeitsplätze in dem Bereich gibt und die meisten arbeitlos bleiben".

Da frag ich mich, ist es nicht meine Aufgabe, mich über die aktuelle Arbeitsmarktsituation zu informieren, bevor ich ne Ausbildung anfange. Muss mir, einem erwachsenen Menschen, wirklich jemand sagen, wie ich mein Leben gestalten muss? Sind wir schon soweit, dass die Mehrheit ein Langzeitpflegefall ist? Kann man als Elternteil sein 20-jähriges "Kind" nicht mehr allein ins Leben lassen?

Der Arbeitsmarkt ist ja keine Geheimakte. Man kann sich sehr gut Informieren
jabaa (18.11.2009, 22:28 Uhr)
so ein blödsinn
Ich studiere im Moment selbst im letzten Semester auf Master und kann nur sagen, dass der Artikel totaler Blödsinn ist. Natürlich kann es sein, dass ein wenig Freiheit fehlt, wer aber in 30 Staaten verglichen werden kann, muss halt auf einer kleinere Auswahl zurückgreifen.

Die Leute sprechen immer über Druck im Master-System. Ich arbeite nebenher und schaffe mein Studium ein Semester vor der Regelstudienzeit mit sehr gut und ich bin leider nur Durchschnitt in meinem Fachbereich. Ich weiß nicht wo es da irgendeinen Druck gibt. Das Studium ist wohl die lockerste Zeit meines Lebens. Wenn ich die ganzen streikenden i***ten in der Uni sehe, die sich über sowas beschwere, könnte ich direkt ausrasten. Leute die Druck haben, sollten vor ner Prüfung weniger saufen, weniger Streiken und vielleicht ein kleines Bisschen lernen. Trotz Studium und Arbeit hab ich ja auch ein 4 Tage Wochenende. Irgendwann muss auch Schluss sein.

Und wenn ich die Diplomstudenten im 15. Semester sehe, kann ich mir schon denken, warum keiner Lust auf Bachelor und Master hat. Endlich Schluss mit Langzeitstudium und endlich Zeit fürs richtige Leben.

Das is ne Katastrophe mit den ganzen Heulsussen
stullenheimer (18.11.2009, 20:27 Uhr)
so ein quatsch
"Studenten müssen mal ihren Lebensstandard etwas zurück schrauben, sollten so schnell wie möglich studieren. Als Studi muß man keine Fernreisen machen und dann jammern, dass man kein Geld hat."

Wer solche sachen behauptet hat vom heutigen Studentenalltag offensichtlich keine Ahnung.Fakt ist allerdings dass ein Studium mit den anfallenden Studiengebühren beinahe so teuer ist wie eine sog. "Fernreise".

Und da nach Ihnen in der Politik nur noch Deletanten am Werk sind, nennen sie mir einen besseren Vorschlag, als aktiv Druck in Form von Demos auszuüben? Nun ist die Bidungsproblematik in aller Munde.Das würde ich wenigstens als kleinen Erfolg verbuchen.


horst.pachulke (18.11.2009, 20:27 Uhr)
Absurdistan
Ich traf neulich im Fachschaftsraum ein paar Bachelor-Studenten, die sich über eine Professorin beklagten, die die Studierenden fertig machen würde, ihnen die Referate zerpflücken würde, sie nicht ausführen ließe etc.pp.
Ich frug in meiner grenzenlosen Naivität, weshalb denn keiner aufstehen würde, um ihr zu sagen, dass das nicht in Ordnung ist.
Die Antwort war "Aber dann gibt es doch eine schlechte Note und vielleicht fallen wir auch durch. Dann müssen wir ein Jahr länger studieren, weil das Modul fehlt. Das traut sich keiner."

Is klar. Diese Heranwachsenden werden zu Kindern degradiert, denen man erklärt "und ihr müsst so frei denken und so lernt man richtig aus eigenen Antrieb und das ist jetzt wahr."
Ich wage zu bezweifeln, dass das so klappt mit dem selbständig denken und arbeiten lernen. Und mit dem seine-eigenen-Schwächen-entdecken-und-abstellen wird das so auch eher nix.

Ich trau mich nicht, dem Prof meine Meinung zu sagen, weil dann gibt es eine schlechte Note. Oder das Modul fehlt und ich muss ein Jahr länger...
Es ist nicht zu fassen. Hätten sie mal die Schule bei 13 Jahren gelassen und sauber zwischen dieser und der Uni getrennt.
Das ist Kindergarten so wie's ist. Entwürdigend für erwachsene Menschen. Ein Hohn für jemanden, der sich bilden will.
Margrit1 (18.11.2009, 19:21 Uhr)
was soll das?
@DarkSpir
wollen Sie mir das Mitdiskutieren verbieten, weil sie meinen Beitrag nicht ganz verstanden haben?
Erst in Ruhe lesen, dann antworten
Fakt ist nun mal, dass viele Studenten heute schon Ansprüche haben, wie jemand, der seit 10 Jahren arbeitet.
Popobawa (18.11.2009, 17:44 Uhr)
@DarkSpir
Und ich hab ein Ferrari auf Kredit, pech für meine Kinder, gibt kein Unterhalt. Sry was ist das für eine bescheuerte Ausrede?? Der Staat hat nicht die Pflicht die Kredite einzelner Abzuzahlen. Und zum Rest, selber Schuld, man informiert sich wohl über seine Uni. Da gibt es den Typus, soviele Erstis wie es nur geht, egal wie die Lehre leidet Hauptsache Geld oder eher wir lassen nur 100 rein und Punkt.
DarkSpir (18.11.2009, 16:47 Uhr)
@Popobawa
Sie erleben mich herzlichst lachend.

500 Euro BaFög. Das bekommt so gut wie keiner. Klar, dann müssten die Eltern eigentlich Unterhalt leisten. Was, wenn sie das nicht können? Ein Beispiel. Der Vater meiner Freundin hat ein Haus. Mit einer Hypothek drauf. Er bekommt halbwegs gut Geld und vieles davon geht als Zinstilgung drauf. Bei der Berechnung von BaFög zieht das Amt das Einkommen heran. Dass davon 60% für Zinstilgung drauf geht wegen bestehenden Hypotheken oder anderen Krediten (zugegeben, er kann wirklich nicht mit Geld umgehen), interessiert das Amt nicht. Ergebnis: 120 Euro BaFög-Anspruch. Woher sollen die fehlenden 380 Euro herkommen? Schulterzucken auf dem Amt, Schulterzucken auch beim Vater (was ich verstehen kann).

Noch besser: Uni-Klüngelei. Wir haben im Artikel ja gelesen, dass je nachdem die Kurse ruck-zuck voll sind weil es mehr Studierende gibt als man Kursplätze anbietet/anbieten kann. Auch die Studiengebühren können daran nichts ändern. So kam es, dass meine Freundin z.B. ihre Zwischenprüfung nicht ablegen konnte, weil ihr Pflichtkurse noch gefehlt haben, in die sie aufgrund des Ansturms schlicht und ergreifend nicht rein kam (Die Leute haben sich freitagabends in der Uni einschließen lassen und das Wochenende vorm Sekretereat gecampt um montags als Erste dran zu kommen). Das Bafög-Amt sagt: "Wie, keine Zwischenprüfung? Dann gibts auch kein Geld." Natürlich kann man jetzt pauschal sagen: Warum hat sie ihren Vater nicht auf Unterhaltszahlung verklagt? Warum hat sie nicht schon am Donnerstag vorm Sekretereat gezeltet? Warum ist sie überhaupt studieren gegangen, wo sie schon beim Abi hätte wissen können, dass ihre Familie sich das nicht leisten kann?

Aber in einer Sozialgesellschaft wie Deutschland es ist, ist es mir schlicht zu billig, diese Fragen zu stellen und dann das Thema mit "Selbst schuld" abzuhandeln.
Stopcomplaining (18.11.2009, 16:43 Uhr)
Zustimmung
Ich hätt den Text beim ersten Mal einfach nur einmal durchlesen müssen, dann wärs mir auch aufgefallen,...;-)
Kann ihrem Punkt über die Social Inequality in UK nur zustimmen! Das ist ein echtes Problem...zumal die Britische Upper Class (besonders Jugedliche) teils verachtend auf die sog. "Chavs" herabblickt.
Dann noch die ganze Problematik mit Public und State Schools, dagegen sind die deutschen Probleme Kinderkram...
auwei (18.11.2009, 16:30 Uhr)
@stopcomplaining
Da ist im ersten Anlauf aber einiges schief gegangen. Thx for explaining.
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