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26. März 2011, 07:43 Uhr

Vom Sofa auf die Straße

Gegen Atomkraft bin ich schon lange, grün wähle ich schon immer, aber demonstriert habe ich noch nie. Fukushima hat alles verändert - auch mich. Ein Plädoyer für den aktiven Protest. Von Jörg Hermes

Atomkraft, AKW-Debatte, Demonstration, demonstrieren, Kernkraft, Anti-Atomkraft-Debatte, Atomkraft? Nein danke!, 192018

"Atomkraft? Nein Danke!" - die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland erlebt seit Fukushima eine Renaissance© Christian Charisius/Reuters

Als ich vor etwa vier Wochen ein "Atomkraft? Nein Danke!"-Aufkleber an der Heckklappe unseres Autos entdeckte, dachte ich im ersten Moment: Muss das sein, ist doch irgendwie ein bisschen peinlich. Meine Frau hatte den gelben Button raufgepappt, um ein Zeichen zu setzen, wie sie mir sagte. Na gut, dachte ich, sie hat ja eigentlich recht. Fukushima kannte da noch niemand und die AKW-Debatte, die die Merkel-Regierung mit dem Atom-Deal vor einem halben Jahr angefacht hatte, köchelte nur noch auf kleiner Flamme vor sich hin.

Ich bin Atomkraftgegner, das war ich schon immer. In 20 Jahren habe ich auch deshalb stets mein Kreuz bei den Grünen gemacht - zu viel mehr Umweltengagement reichte es aber nie. Klar, wir haben den Stromanbieter gewechselt, weg von Vattenfall hin zum Ökostromlieferanten. Klar, wir achten bei Kühlschrank und Waschmaschine auf Energieeffizienz, und klar, Energiesparlampen (auch wenn sie furchtbares Licht machen) gibt es bei uns auch. Das war's dann aber auch schon. Man ist ja bequem.

Im Angesicht des "Krümmelmonsters"

Die Reaktorkatastrophe im fernen Japan und der drohende Super-GAU haben alles verändert, auch mich. Wenn am Samstag sich (hoffentlich) Zehntausende Menschen in Hamburg zur Anti-Atomkraft-Demo treffen, bin ich dabei - es ist eine Premiere, denn ich war noch nie auf einer Demonstration, zumindest nicht als Demonstrierender, höchstens als Beobachter. Daheim werden bereits Plakate gebastelt, gibt ja kaum noch welche zu kaufen, und außerdem wird das Ganze so für unsere beiden Kleinen schön plakativ - erklären Sie einem Sechsjährigen und einer Dreijährigen mal, was demonstrieren heißt!

Unsere Kinder sind auch ein Hauptgrund, warum ich mich nun aktiv am Protest beteilige. Wir wohnen Luftlinie 14 Kilometer vom AKW Krümmel entfernt, würde sich in dem derzeit zum Glück abgeschalteten Pannenmeiler eine ähnliche Katastrophe wie in Fukushima ereignen - wir lägen im Evakuierungsradius. Beklemmende Vorstellung. Allein schon deshalb habe ich größtes Interesse, dass das "Krümmelmonster" für immer vom Netz bleibt.

Einfach abschalten, Frau Merkel!

Die Chance zum schnellen Atomausstieg ist größer denn je. Doch kann man Schwarz-Gelb trauen, meinen Merkel und Co. es ernst mit dem Moratorium? Die Äußerungen von "Wahrheitsminister" Brüderle lassen mich und viele andere daran zweifeln. Ohne massiven und penetranten Druck von "unten" geht's wohl nicht. Mein Sohn fragte mich kürzlich, warum die Chefin von Deutschland die Atomkraftwerke in Deutschland nicht einfach ausmacht? Ja, warum eigentlich nicht, Frau Merkel?

Von Jörg Hermes
 
 
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