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26. März 2011, 17:10 Uhr

Hunderttausende protestieren gegen Atomenergie

Es sind die bisher größten Proteste gegen die deutsche Atompolitik: Hunderttausende AKW-Gegner sind in Berlin, Hamburg, München und Köln auf die Straße gegangen.

Angesichts der Atomkatastrophe von Japan haben sich Hunderttausende Menschen an den bislang größten Protesten gegen die deutsche Kernkraftnutzung beteiligt. Auf Demonstrationen in Berlin, Hamburg, München und Köln forderten am Samstag jeweils Zehntausende einen sofortigen Atomausstieg. Die Veranstalter sprachen von insgesamt 250.000 Teilnehmern - mehr, als sie erwartet hatten. Um 14.15 Uhr gedachten die Demonstranten mit einer Schweigeminute der Opfer von Erdbeben und Tsunami in Japan. Der Streit um die Atompolitik dürfte auch Einfluss auf die Landtagswahlen an diesem Sonntag in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben.

In Berlin zogen die Demonstranten mit Trillerpfeifen und Transparenten durch die Innenstadt. Die Polizei nannte rund 100.000 Teilnehmer, die Veranstalter 120.000. Die Protestierer schwenkten Transparente mit Aufschriften wie "Atomkraft zerstört Leben" oder "Fukushima ist überall". DGB-Chef Michael Sommer rief der Menge zu, es müsse einen raschen Umstieg auf erneuerbare Energien geben. "Die Lichter werden nicht ausgehen, wenn es in Deutschland keine Atomkraftwerke mehr gibt. Von 17 Meilern sind gerade mal vier voll am Netz", sagte Sommer. "Und trotzdem ist genug Strom da."

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte am Rande der Demonstration: "Die Menschen in Deutschland wollen den Atomausstieg. (...) Sie haben die Nase voll von den wahltaktischen Spielchen von Union und FDP." Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin erklärte: "Wir demonstrieren dafür, dass die alten Atomkraftwerke entschädigungslos abgeschaltet werden und die Laufzeitverlängerung zurückgenommen wird." Sein SPD-Kollege Frank-Walter Steinmeier sagte: "Wir müssen zum Atomkonsens zurück."

Für diesen Sonntag sagen Umfragen Grünen und SPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Erfolge voraus. Die Atompolitik stand im Wahlkampf zuletzt immer mehr Fokus.

Protest vor Hamburger Vattenfall-Filiale

In Hamburg zählte die Polizei mehr als 40.000 Menschen, die Veranstalter 50.000. Damit übertraf die Teilnehmerzahl die Erwartungen der Veranstalter bei weitem. "Man spürt die Energie und die Wut bei den Leuten", sagte der Sprecher der Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt, Jochen Stay. Triumphieren solle man nicht, die Ereignisse in Japan seien ein trauriger Anlass. "Wir werden jetzt nicht mehr locker lassen, bis die Atomkraftwerke endgültig stillgelegt werden."

Auf ihrem Weg durch die Innenstadt skandierten die Demonstranten vor einer Filiale des Energiekonzerns Vattenvall die Parole "Vattenfall abschalten". Einige trugen Schutzanzüge und Mundschutz. Unter den Teilnehmern waren viele Familien. "Es geht um die Zukunft der Kinder", sagte eine Hamburger Mutter.

Die Zahl der rot-gelben Anti-Atomkraftfahnen ging in Hamburg in die Hunderte, dazu kamen unzählige Transparente und selbstgebastelte Pappschilder mit Slogans wie "Sicher ist nur das Risiko". Über zwei Kilometer lang war laut Polizei der Strom der Demonstranten, der sich bei strahlendem Sonnenschein weithin sichtbar über die Lombardsbrücke an der Alster und das Stadtzentrum zum Rathaus bewegte.

Zehntausende protestieren auch in Köln und München

In Köln beteiligten sich nach Schätzung der Veranstalter rund 40.000 Menschen. Unter den Teilnehmern waren auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihre Stellvertreterin Sylvia Löhrmann (Grüne). "Warum setzen uns die Bundesregierung und die Atomkonzerne weiterhin diesem tödlichen Risiko aus?", fragte Christoph Bautz vom Aktionsbündnis Campact. Mit Plakaten, Luftballons und Sprechchören zogen die Menschen vom Neumarkt in der Kölner Innenstadt ins rechtsrheinische Deutz.

In München versammelten sich trotz Regens nach Veranstalterangaben 40.000 Menschen friedlich auf dem Odeonsplatz, nach Polizeiangaben mehr als 30.000. Mit Sprechchören "Abschalten, Abschalten" machte die Menge ihrem Unmut Luft. Es kamen am Nachmittag noch laufend Menschen dazu. "Atomenergie hat keine Zukunft", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Der Kabarettist Urban Priol sagte: "Es ist schlimm, dass erst nach einer solchen Katastrophe alle aufwachen." Mehr als tausend Menschen bildeten in Würzburg eine Menschenkette um die Innenstadt. Viele Passanten reihten sich spontan ein, sagte ein Grünensprecher.

Zu den Demonstrationen hatten Anti-Atom-Initiativen, Umweltverbände, Globalisierungskritiker und Friedensorganisationen aufgerufen.

mlr/DPA/AFP
 
 
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