8. Juli 2008, 15:02 Uhr

"Asse ist ein Fall fürs Bundeskriminalamt"

Im früheren Salzbergwerk Asse II wird seit 1967 erprobt, wie radioaktiver Müll endgelagert werden kann. Was für eine Million Jahre sicher sein sollte, leckt bereits nach 40 Jahren. Die Betreiber sind ratlos, die Anwohner haben Angst. Von Holger Witzel

Giftsumpf auf der 750-Meter-Sohle von Asse II: Die Kanister sind mit verseuchter Lauge halb befüllt, links dahinter ist eine Pfütze - kontaminiert mit Cäsium-137, Strontium und Plutonium©

Der Jeep hält in einer Sackgasse, 750 Meter unter Niedersachsen. Es ist über 30 Grad warm, die Luft schmeckt salzig, hinter einer dünnen Absperrkette glitzert ein kleiner Salzsee, eine Pfütze eher - und doch groß und giftig genug für etliche Krisensitzungen in Berlin und Hannover.

Während Ministerien und Behörden noch streiten, wer was zuerst wusste, hätte wissen müssen oder wer die anderen nicht informiert hat, darf hier unten vorerst niemand näher ran. Drei Kanister in Drahtkörben, eine Mülltonne, herrenlose Gummistiefel. Überall warnen gelbe Schilder mit den drei schwarzen Tortenstücken darauf vor Radioaktivität.

Im Licht der Scheinwerfer wirkt die Höhle wie das Bühnenbild für ein Theaterstück über atomare Endzeit. Nur ist die Pfütze leider echt und ihre Cäsium-137- Strahlung achtmal höher, als Grenzwerte erlauben. Neben dem durch Tschernobyl bekannt gewordenen Isotop hat man auch Spuren von Plutonium und Strontium gemessen. Und der Mann vor der Kette ist kein Schauspieler, sondern verantwortlich für die Langzeitsicherheit der Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel. Gerd Hensel, 48, trägt einen weißen Bergmannsanzug und versteht die Aufregung immer noch nicht. "In einem Bergwerk voller radioaktiven Abfalls kommen eben Radionuklide vor", sagt er, "so wie Mehl in einer Mühle."

Lecks und Pannen

Gleich hinter dem Laugensumpf, wie er die Pfütze aus gesättigter Salzlösung nennt, liegt Kammer 12. Darin tonnenweise Atommüll, von dem heute niemand mehr weiß, was er genau enthält und wie er aussieht, ob er noch in gelben Stahlfässern steckt oder auch schon in Salzlauge schwimmt. Vor mehr als 30 Jahren wurde er hier abgekippt, mit Salz verfüllt und theoretisch für immer verschlossen. In frühestens 2000 Jahren sollte er wieder mit Biosphäre in Kontakt kommen, besser wären eine Million Jahre, wie es die Internationale Atomenergie-Behörde fordert. Nun stehen hier kontaminierte Gummistiefel.

Über 40 Jahre war Asse II das deutsche Versuchslabor für atomare Endlager in Salzstöcken, Vorbild für Gorleben, trocken und sicher, wie es stets hieß. Vor Kurzem wurden Lecks und Pannen bekannt, die es hier offenbar schon länger gab. Fast noch beängstigender ist, dass niemand sagen kann, wie es dazu kam, wie es weitergehen soll - und wo die verseuchte Brühe überhaupt herkommt.

Betrieben wird das alte Salzbergwerk seit 1965 vom Helmholtz Zentrum München, einer überwiegend bundeseigenen, aber privatwirtschaftlich operierenden GmbH. Bis 1978 hat man hier "versuchsweise" mehr als 126.000 Fässer mit Atommüll eingelagert, vorwiegend schwach- und mittelaktiv, darunter in der Summe aber auch mehr als elf Kilogramm supergiftiges Plutonium und etwa 100 Tonnen strahlendes Uran.

"aufpASSEn e. V."

Das Umweltministerium Niedersachsen mag den "Kontakt von Lauge mit radioaktiven Abfällen nicht mehr ausschließen". Gerd Hensel dagegen, der seit Vertuschungsvorwürfen durch Umweltminister Hans-Heinrich Sander seinen krankgeschriebenen Chef vertritt, hat noch "Hoffnung, dass die Cäsium-Nuklide nicht aus den Abfallkammern stammen, sondern von Unfällen bei der Einlagerung". Es ist ein einziges Hoffen, Bangen und Nicht-ausschließen-Können - und damit vor allem ein Super-GAU für das Vertrauen der Menschen, die rings um den dicht bewaldeten Höhenzug südöstlich von Wolfenbüttel und Braunschweig leben.

Das Laugenbecken, tief in der Erde; rund 12.000 Liter Wasser sickern täglich ein©

"Es gab immer Gerüchte von nächtlichen Zügen und geheimen Havarien, aber was da jetzt häppchenweise rauskommt, nachdem sie uns jahrelang Sicherheit vorgegaukelt haben, macht wirklich Angst", sagt Maic Ehlert, 42. Der Justizvollzugsbeamte wohnt in Mönchevahlberg am Fuß der Asse, ist "bestimmt kein ideologischer Atomkraftgegner", aber Vater von fünf Kindern. Deshalb hat auch seine Frau vor einer Woche ein giftgelbes "A" an den Gartenzaun genagelt, mit dem die regionale Bürgerinitiative "aufpASSEn e. V." vor der Gefahr im Berg warnt.

Ete Meier, der die Buchstaben baut, kommt derzeit mit der Produktion kaum nach. In einer Scheune im Nachbardorf Groß Vahlberg sägt der VW-Angestellte stapelweise Bretter dafür zu. Andere Aktivisten bemalen Ölfässer mit Kernkraftzeichen, planen Demos und Pressekonferenzen. "Selbst Landwirte, die vorher immer schimpften, unser Protest schade ihren Produkten oder den Grundstückspreisen, bieten Hilfe an", sagt Ete Meier.

Aktivisten nutzen die Gunst der Schlagzeilen

Seit Jahren, aber lange unbeachtet, fordern regionale Bürgerinitiativen eine atomrechtliche Aufsicht des Bundes für Asse II. Bisher gilt für den Betrieb und die geplante Schließung der Grube nur Bergrecht, weil sie immer noch als Versuchsanlage zählt und nicht als Endlager. Schleichend ist sie über die Jahre jedoch genau das geworden: Deutschlands größtes bestehendes Endlager und - wie die Pannen nahelegen - auch das gefährlichste.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 28/2008

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KOMMENTARE (10 von 18)
 
TschiTschi (13.07.2008, 11:21 Uhr)
Eine Bitte an stern.tv
Bitte führen Sie ein Interview mit unserer Bundeskanzlerin an jenem besagten Salzsee, wo sie ihre bisherigen Aussagen "Atomstrom ist eine Umwelt freundliche Energieform" etc. wiederholt. Und geben Sie - nach Ausstrahlung bei Herrn Jauch - SPD, Grünen und CDU/CSU das Verwertungsrecht zur Verwendung als Wahlkampfspot. Mal sehen, wer davon Gebrauch macht!
johnniedeamonic (13.07.2008, 11:16 Uhr)
folgende Situation....
Da wurde ein Weg zur Energiegewinnung gefunden der viel viel erfolgsversprechender ist als alle anderen, der einzige Nachteil ist das die Entprodukte (Hochradioaktiv sind /sprich sie verseuchen das Land und lassen euren Kindern Tumore wachsen und verändern das Erbmaterial)
Hört sich schlimm an ist es aber nicht,
der Planet ist groß, wir haben Wüstenregionen in denen bei Durchschnittstemperaturen vo 65-75ºC im Sommer selbst die meisten Bakterienarten zugrunde gehen, es gibt also 100. Orte an denen man den Müll, abseits von Mensch und Natur einlagern könnte und das über 1000ende von Jahren, klingt gut oder?
Nachstes Problem, jetzt kommt Politik ins Spiel,
Das Lagern egal von was auch immer ist Teuer, also holt man sich Investoren ins Boot, Leute zwar die von tuten und blasen keine Ahnung haben aber die erforderlichen Gelder rausrücken würden wenn man sie nur genügend beteiligt, klingt auch noch ganz gut oder?
Leider gibt es bei soetwas immerncoh die Kosten an die niemand denkt,Wartung der Anlagen, Instanthaltung der Lagerbehälter, Gesundheitsversorgung des Pesonals usw...
Alles Kosten die man natürlch einfac SParen kann, man veröffentlicht oder kauft sich Studien und Berichte die der breiten Masse erklären es wäre garnciht nötig das man sich besonders um den Müll kümmert,
es sei sicherer den Kram einfach in Fässern 100 Metern unter dem Boden in irgendeinem alten Bergwerk zu verbuddeln,
und die Leute die sich wegen Geldmangels eben die Gauer von denen ich grade Sprach an Board geholt haben und nun langsam merken das irgendetwas gewaltig schief geht unternehmen nichts, wieso auch ma hofft eben das dies alles erst passiert wenn man damit eh nichtsmehr zutuen hat, oder nochbesser Hoffnung, die Leute hoffen das nichts passieren wird, den im Endeffekt benutze ja alle die gleichen Methoden wie man selbst und nie pasiert etwas, man könnte ja das Glück haben.
....usw und sofort...
habs schonmal gesagt und kan es nur wiederholen,
das einzige was die ganze Geschichte noch absurder macht ist das unsere Spinner aus Politik,Energielobbys und korrupten Gewerkschaften als wiederliche Kakerlaken die sie ja nunmal sind, den atomaren Winter auf den sie so begeistert zuarbeiten sogar überleben werden....
bob-der-meister (13.07.2008, 10:57 Uhr)
Wer "billigen" Atomstrom will...
...der sollte sich auch an den Entsorgungskosten beteiligen. Warum soll der Steuerzahler für all die Milliarden geradestehen, mit denen diese unausgegorene Form der Stromerzeugung indirekt subventioniert wird?
Die Energiekonzerne streuen mal wieder das Gerücht, mit längeren Laufzeiten gäbe es günstigeren Strom. Und das mit dem strahlenden Müll würden vielleicht ja irgendwann mal irgendwelche Ingenieure in den Griff kriegen. Das ist natürlich totaler Blödsinn, aber es glauben ja auch viele an den Weihnachtsmann.
Derweil lohnt sich die Spekulation auf Energiewerte, während der Normalverbraucher seine Rechnung nicht mehr bezahlen kann.
Ich halte massive staatliche Eingriffe in diesen angeblich liberalisierten Markt für dringend geboten!!!
seelenflieger (13.07.2008, 10:16 Uhr)
Super-GAU
@senf-dazu-geben
1. Der Begriff Super-GAU wird in diesem Artikel rein metaphorisch verwendet (Metapher = rhetorisches Stilmittel).
2. Aus technischer Sicht gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen einem GAU und einem Super-GAU. Einfach mal ein bisschen im Internet recherchieren.
Und bitte unterlassen Sie in Zukunft solch populistischen Wörter wie "Boulevard-Shit". Danke.
le_roi (13.07.2008, 09:49 Uhr)
Das alles erschalgende Argument gegen Kernkraftt zur Energiegewinnung!!
"Künstliche Radionuklide (Kernkraftwerk) mit großen physikalischen Halbwertszeiten stellen eine besondere Gefahr dar, sie müssen Zehntausende von Jahren mit größter Sorgfalt von der Umwelt ferngehalten werden." (aus Umweltlexikon-Online.de)
flyingfree (13.07.2008, 02:04 Uhr)
Atomenergie ist sicher
Die zahlreichen Atomstromfanatiker sollten den strahlenden Mist per Handarbeit in Ordnung bringen. Es wäre ihnen gegönnt. Das Problem ist nur: So ein Ereignis kann niemand jemals in Ordnung bringen.
Aber ihr seid noch immer für Laufzeitverlängerung aufgrund vermeintlich billigen Atomstroms, angeblich sicherer Technologie, "sauberer" Luft und der ganzen Märchen die euch erzählt werden, und die ihr mir erzählt, oder?
senf-dazu-geben (13.07.2008, 01:49 Uhr)
Der optimalste Super-GAU?
Bei allem Verständnis für Ihren Artikel, dessen Tenor ich teile... aber: bitte vermeiden Sie populistische Wörter wie "Super-GAU", denn solche Worte sind Boulevard-Shit. GAU heißt: Größter anzunehmender Unfall. Einen Unfall, der größer als der größte anzunehmende Unfall ist, gibt es nicht. Danke.
herrlehmann (13.07.2008, 01:13 Uhr)
so schön war die zeit
Habe seinerzeit als Schüler (ca. 1992) mal ein Referat über AKW halten müssen. War total prima aber auf die Frage nach der Entsorgung des anfallenden stahlenden Abfalls hatten weder ich noch das Plenum oder der Lehrer eine befriedigende Antwort. Daran hat sich bis heute - soweit ich das beurteilen kann - nichts geändert, oder?
Xyr2 (13.07.2008, 00:47 Uhr)
aja..
das sind natürlich ganz neue nachrichten... schade dass der stern auch nur dem medien-mainstream hinterherhinkt. ok aber was erwarte ich auch :/
horst.pachulke (12.07.2008, 22:30 Uhr)
Das ist doch nur die Spitze des Eisberges.
Oder denken Sie wirklich, AKW's wären zu den heutigen "Kampfpreisen" zu betreiben, wenn auf jedes Gramm radioaktives Material geachtet würde? Ganz davon abgesehen, dass es schlicht unmöglich ist, die Herstellungs-, Betriebs- und Lagerstätten absolut "dicht" zu bekommen. Ein bisschen "Schwund" ist da immer - Schwund, der sich in den Nahrungsketten akkumuliert. Guten Appetit, nebenbei, denn dort akkumuliert sich so manches.
.
[sarcasm] Überhaupt ist mir unbegreiflich, was das Problem ist, wenn in 150 Jahren größere Mengen radioaktives Material in das Grundwasser und damit in die Menschen gelangt. Sie sterben dann zwar früher - aber ihnen wird genau damit viel Leid erspart. Think positive! [/sarcasm]
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