Im früheren Salzbergwerk Asse II wird seit 1967 erprobt, wie radioaktiver Müll endgelagert werden kann. Was für eine Million Jahre sicher sein sollte, leckt bereits nach 40 Jahren. Die Betreiber sind ratlos, die Anwohner haben Angst. Von Holger Witzel

Giftsumpf auf der 750-Meter-Sohle von Asse II: Die Kanister sind mit verseuchter Lauge halb befüllt, links dahinter ist eine Pfütze - kontaminiert mit Cäsium-137, Strontium und Plutonium© Bernd Schoenberger/GSF
Der Jeep hält in einer Sackgasse, 750 Meter unter Niedersachsen. Es ist über 30 Grad warm, die Luft schmeckt salzig, hinter einer dünnen Absperrkette glitzert ein kleiner Salzsee, eine Pfütze eher - und doch groß und giftig genug für etliche Krisensitzungen in Berlin und Hannover.
Während Ministerien und Behörden noch streiten, wer was zuerst wusste, hätte wissen müssen oder wer die anderen nicht informiert hat, darf hier unten vorerst niemand näher ran. Drei Kanister in Drahtkörben, eine Mülltonne, herrenlose Gummistiefel. Überall warnen gelbe Schilder mit den drei schwarzen Tortenstücken darauf vor Radioaktivität.
Im Licht der Scheinwerfer wirkt die Höhle wie das Bühnenbild für ein Theaterstück über atomare Endzeit. Nur ist die Pfütze leider echt und ihre Cäsium-137- Strahlung achtmal höher, als Grenzwerte erlauben. Neben dem durch Tschernobyl bekannt gewordenen Isotop hat man auch Spuren von Plutonium und Strontium gemessen. Und der Mann vor der Kette ist kein Schauspieler, sondern verantwortlich für die Langzeitsicherheit der Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel. Gerd Hensel, 48, trägt einen weißen Bergmannsanzug und versteht die Aufregung immer noch nicht. "In einem Bergwerk voller radioaktiven Abfalls kommen eben Radionuklide vor", sagt er, "so wie Mehl in einer Mühle."
Gleich hinter dem Laugensumpf, wie er die Pfütze aus gesättigter Salzlösung nennt, liegt Kammer 12. Darin tonnenweise Atommüll, von dem heute niemand mehr weiß, was er genau enthält und wie er aussieht, ob er noch in gelben Stahlfässern steckt oder auch schon in Salzlauge schwimmt. Vor mehr als 30 Jahren wurde er hier abgekippt, mit Salz verfüllt und theoretisch für immer verschlossen. In frühestens 2000 Jahren sollte er wieder mit Biosphäre in Kontakt kommen, besser wären eine Million Jahre, wie es die Internationale Atomenergie-Behörde fordert. Nun stehen hier kontaminierte Gummistiefel.
Über 40 Jahre war Asse II das deutsche Versuchslabor für atomare Endlager in Salzstöcken, Vorbild für Gorleben, trocken und sicher, wie es stets hieß. Vor Kurzem wurden Lecks und Pannen bekannt, die es hier offenbar schon länger gab. Fast noch beängstigender ist, dass niemand sagen kann, wie es dazu kam, wie es weitergehen soll - und wo die verseuchte Brühe überhaupt herkommt.
Betrieben wird das alte Salzbergwerk seit 1965 vom Helmholtz Zentrum München, einer überwiegend bundeseigenen, aber privatwirtschaftlich operierenden GmbH. Bis 1978 hat man hier "versuchsweise" mehr als 126.000 Fässer mit Atommüll eingelagert, vorwiegend schwach- und mittelaktiv, darunter in der Summe aber auch mehr als elf Kilogramm supergiftiges Plutonium und etwa 100 Tonnen strahlendes Uran.
Das Umweltministerium Niedersachsen mag den "Kontakt von Lauge mit radioaktiven Abfällen nicht mehr ausschließen". Gerd Hensel dagegen, der seit Vertuschungsvorwürfen durch Umweltminister Hans-Heinrich Sander seinen krankgeschriebenen Chef vertritt, hat noch "Hoffnung, dass die Cäsium-Nuklide nicht aus den Abfallkammern stammen, sondern von Unfällen bei der Einlagerung". Es ist ein einziges Hoffen, Bangen und Nicht-ausschließen-Können - und damit vor allem ein Super-GAU für das Vertrauen der Menschen, die rings um den dicht bewaldeten Höhenzug südöstlich von Wolfenbüttel und Braunschweig leben.

Das Laugenbecken, tief in der Erde; rund 12.000 Liter Wasser sickern täglich ein© Bernd Schoenberger/GSF
"Es gab immer Gerüchte von nächtlichen Zügen und geheimen Havarien, aber was da jetzt häppchenweise rauskommt, nachdem sie uns jahrelang Sicherheit vorgegaukelt haben, macht wirklich Angst", sagt Maic Ehlert, 42. Der Justizvollzugsbeamte wohnt in Mönchevahlberg am Fuß der Asse, ist "bestimmt kein ideologischer Atomkraftgegner", aber Vater von fünf Kindern. Deshalb hat auch seine Frau vor einer Woche ein giftgelbes "A" an den Gartenzaun genagelt, mit dem die regionale Bürgerinitiative "aufpASSEn e. V." vor der Gefahr im Berg warnt.
Ete Meier, der die Buchstaben baut, kommt derzeit mit der Produktion kaum nach. In einer Scheune im Nachbardorf Groß Vahlberg sägt der VW-Angestellte stapelweise Bretter dafür zu. Andere Aktivisten bemalen Ölfässer mit Kernkraftzeichen, planen Demos und Pressekonferenzen. "Selbst Landwirte, die vorher immer schimpften, unser Protest schade ihren Produkten oder den Grundstückspreisen, bieten Hilfe an", sagt Ete Meier.
Seit Jahren, aber lange unbeachtet, fordern regionale Bürgerinitiativen eine atomrechtliche Aufsicht des Bundes für Asse II. Bisher gilt für den Betrieb und die geplante Schließung der Grube nur Bergrecht, weil sie immer noch als Versuchsanlage zählt und nicht als Endlager. Schleichend ist sie über die Jahre jedoch genau das geworden: Deutschlands größtes bestehendes Endlager und - wie die Pannen nahelegen - auch das gefährlichste.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 28/2008