Schockschwerenot

15. September 2013, 22:30 Uhr

Niemand hat mit einem glänzenden Ergebnis gerechnet - aber auch keiner mit kläglichen drei Prozent. Den Schuldigen haben die Liberalen schnell ausgemacht: Horst Seehofer. Von Birgit Haas

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Betretene Gesichter: Das FDP-Spitzenduo Philipp Rösler und Rainer Brüderle©

Steif wirkt er, leer, irgendwie marionettenhaft. Vielleicht hat FDP-Chef Philipp Rösler schon zu oft schlechte Nachrichten verkaufen müssen. Rösler steht am Sonntagabend auf der Bühne im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner Parteizentrale - und braucht eine Antwort. Auf drei Prozent in Bayern, den parlamentarischen Exit. Schlimmer geht's nicht. Ein Trauma.

"Jetzt erst recht!" dröhnt Rösler und ballt die Hand zur Faust. "Jetzt geht es um Deutschland. Das ist ein Weckruf."

Der Saal im Dehler-Haus ist mäßig voll. Gefühlt sind mehr Journalisten vor Ort als Parteimitglieder. Sie ahnten ja auch schon, was auf sie zukommt. Die Umfragen verhießen den Liberalen nichts Gutes. Und der CSU die absolute Mehrheit. Ausgerechnet die CSU! Mit den Bayern verbindet die FDP nichts als Ärger, Streit und Antipathie. "Gurkentruppe" und "Wildsäue" haben sie sich wechselseitig geschimpft. Bei allen inhaltlichen Themen lagen sie weit auseinander, ob bei der Reform des Gesundheitssystems, dem Datenschutz oder der Herdprämie. Es hat noch nie gepasst.

Und nun hat Seehofer die FDP aus dem Landtag gedrängt. Er ist: Sieger. Sie sind: Verlierer. Das schmerzt.

"Das geht auf das Konto der CSU, nicht der FDP", jammert FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle. "Seehofer hat ein verheerendes Signal geschickt", klagt FDP-Mitglied Leslie Pumm. "Peinlich" findet das einer, der lieber nicht namentlich genannt werden will. Die Bayern hätten keinen Sinn für demokratische Prozesse. Weder die Wähler noch Seehofer.

Selbstkritik? Nur ganz leise

Nun geht es, das ist allen klar, auch im Bund um die Existenz. Die einzige Rettung ist eine Zweitstimmenkampagne. Die FDP muss genügend Unionswähler überzeugen, liberal zu wählen. Und die Kanzlerin müsse nun auch eingreifen. "Merkel und die CDU müssen sich nun auch entscheiden, welcher Einfluss ihnen in Berlin lieber ist. Der von Seehofer oder der der FDP", sagt der Abgeordnete Helmut Metzner. Es sind wütende Appelle.

Selbstkritik ist, wenn überhaupt, nur ganz leise zu hören. Der Spitzenkandidat und Noch-Wirtschaftsminister Martin Zeil habe doch gute Arbeit geleistet, meinen die meisten. Nur FDP-Mitglied Leslie Pumm sagt: "Mir waren die Kernbotschaften der FDP in Bayern nicht klar genug. Das war oft schwammig. Wenn man den Mittelstand entlasten will, muss man auch konkret sagen wie." Die Ursachenanalyse dürfte die Liberalen noch eine Weile beschäftigen.

Die neuen politischen Realitäten auch. "Der Seehofer wird hier ziemlich breitbeinig herumlaufen", stöhnt der FDP-Bundestagsabgeordnete Holger Krestel. Aber er sei ein "Regionalpolitiker aus der Provinz", der von der Bundespolitik in Berlin wenig verstehe.

In einer Woche ist Bundestagswahl. Rösler versucht, seine Leute einzuschwören. Gegen die Große Koalition. Gegen Rot-Rot-Grün. Er malt Schreckensszenario auf Schreckensszenario an die Wand, aber sein größtes Schreckensszenario ist, dass sich die FDP totregiert haben könnte. Niemand kann und will sich das hier vorstellen.

Daher halten sich viele an der von Rösler ausgegebenen Parole "Jetzt erst recht" fest. "Es motiviert uns, jetzt noch mal Vollgas zu geben", sagt Miriam Reinartz. Sie ist 25 Jahre alt.

Birgit Haas
 
 
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