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Interview

"Eigentlich müsste Frau Petry auch gegen Rassismus sein"

AfD-Chefin Frauke Petry hat ZDF-Moderatorin Hayali Einseitigkeit vorgeworfen und indirekt ihre Entlassung gefordert. Im stern-Interview stellt Morgenmagazin-Chef Thomas Fuhrmann klar, wie er die Sache sieht.

Debatte um ein Nicht-Gespräch: ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und AfD-Chefin Frauke Petry

Debatte um ein Nicht-Gespräch: ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und AfD-Chefin Frauke Petry

Herr Fuhrmann, kommt das immer mal wieder vor, dass Ansprechpartner aus der Politik kurzfristig Interviews absagen?

Ab und zu, aber nicht häufig. Wenn es passiert, dann sind Krankheiten die Ursache oder überraschende Änderungen in der Terminplanung.

Afd-Parteichefin Frauke Petry hat gleich drei Mal ein geplantes Interview absagt. Welche Begründungen hat sie dafür gegeben?

Moma-Chef Thomas Fuhrmann

Thomas Fuhrmann ist Redaktionsleiter des ZDF-Morgenmagazins. Der gebürtige Bielefelder war zuvor unter anderem Moderator von "Kennzeichen D" und Chef vom Dienst von "Frontal 21".

Das erste Mal, noch vor den Landtagswahlen, hieß es, es gäbe Terminschwierigkeiten. Die zweite Einladung, die wir am Wahlsonntag ausgesprochen haben, hat Petry akzeptiert - und danach angeblich vergessen. Beim dritten Mal lautete die Begründung wieder: Terminschwierigkeiten.

Gab es einen besonderen Grund, weshalb sie unbedingt Petry wollten - und nicht ihren Co-Chef Jörg Meuthen?

Uns schien Petry die interessanteste Gesprächspartnerin, um etwas über die weitere Ausrichtung der AfD zu erfahren. Sie wurde ja auch am Wahlabend rauf und runter zitiert. Wir freuten uns über die ursprüngliche Zusage am Sonntagabend.

War von vornherein klar, dass Dunja Hayali die AfD-Chefin interviewen würde?

Nein. Die Interviews teilen sich die Moderatoren untereinander auf. Am Nachwahlmontag waren vier oder fünf Gespräche eingeplant. Hayalis Moderationspartner Mitri Sirin hätte das Gespräch mit Petry ebenso gut führen können.

Nun ist das Gespräch nicht zustande gekommen. Normalerweise heißt das für Redaktionen: Pech gehabt. Wie konnte aus einem Nicht-Gespräch ein Politikum werden?

Wir hatten am Montag in der Sendung immer wieder darauf hingewiesen, welche Gesprächspartner noch kommen. Auch, dass um 8.35 Uhr, zur besten Sendezeit, Frau Petry zu Gast sein würde. Als Petry nicht auftauchte, und wir keinerlei Informationen bekamen, ob sie vielleicht noch auftauchen würde, mussten wir in der laufenden Sendung bekannt geben, dass das Interview ausfällt. Damit stand natürlich die Frage im Raum, warum Petry nicht kommt.

Der AfD-Pressesprecher trug danach einiges zur Verwirrung bei, weil er behauptete, einzelne Anfragen seien per Mail gekommen, die wegen eines Hacker-Angriffs nicht abrufbar gewesen seien.

Wir haben nicht per Mail angefragt. Um genau zu sein: Am Wahlsonntag gegen 18.31 Uhr ging unsere Anfrage per SMS raus. Dann hat der Pressesprecher telefonisch meiner Kollegin zugesagt, die im ZDF-Moma für die Terminplanung zuständig ist. Ob es vorher oder nachher Hacker-Angriffe bei der AfD gab, weiß ich nicht.

Im Nachgang sagte Petry dem "Handelsblatt", sie sei nicht gekommen, weil das ZDF einer "offensichtlichen Politaktivistin wie Dunja Hayali ein derart breites öffentliches Forum" biete. Ist der Vorwurf für Sie nachvollziehbar?

Ich halte diesen Vorwurf für abwegig, um es höflich auszudrücken. Dunja Hayali engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus. Gegen Rassismus müsste eigentlich auch Frau Petry sein.

Weiter sagte Petry, Hayali habe offenkundig Probleme damit, "ihre journalistische Arbeit in einem aus Steuergeldern finanzierten Sender von ihren politischen Einstellungen zu trennen". Ihre Antwort?

Dunja Hayali ist eine ausgezeichnete Journalistin, die Vertreter aller Parteien mit derselben Distanz befragt. Auch dieser Vorwurf geht ins Leere.

Petry behauptet, Hayali habe in einer Reportage über die AfD  nur "besonders aggressiv wirkende Szenen und Zitate" verwendet.

Das ist haltlos und nicht zutreffend. Petry bezieht sich auf eine Reportage von Dunja Hayali, die sie Ende Oktober in Erfurt gedreht hat. Unmittelbar nach der Ausstrahlung haben wir uns entschieden, das komplette Rohmaterial ins Netz zu stellen. Auf unserer Facebook-Seite kann sich jeder weiter über alles informieren.

Frau Petry hat indirekt gefordert, Hayali zu entlassen.

Das will ich gar nicht weiter kommentieren. Dunja Hayali ist und bleibt ein geschätztes Teammitglied. Punkt.

Hayali engagiert sich für die Aktion "Gesicht zeigen" und "Respekt! Kein Platz für Rassismus". Wie sieht das ZDF das Spannungsverhältnis zwischen privatem politischem Engagement und journalistischer Arbeit?

Jeder Journalist hat auch die Möglichkeit, sich privat gesellschaftspolitisch zu engagieren. Und ich habe absolut kein Verständnis dafür, wenn sich jemand, der sich gegen Rassismus einsetzt, dafür rechtfertigen muss. Das ist verkehrte Welt.

Haben Sie den Eindruck, die AfD eskaliert die Auseinandersetzung aus einem sehr eigenen politischen Interesse, nämlich um das Klischee der "Lügenpresse" und der "Systemmedien"  zu befördern?

Zu dieser Vermutung kann man kommen. Es ist ja erstaunlich, wie lange man über ein nicht zustande gekommenes Interview spricht. Unsere Haltung bleibt jedoch unverändert: Wir sind an einer sachlichen Berichterstattung über die AfD und ihr Personal interessiert.

Sind die Sitten allgemein verroht in der Auseinandersetzung zwischen Medien und Politik oder ist das ein Ausnahmefall, dass eine Politikerin eine Moderatorin so direkt attackiert?

Ich habe so etwas jedenfalls in meinen 20 Berufsjahren nicht erlebt. Derzeit ist Aufregung natürlich groß, weil wir in politisch bewegten Zeiten leben. Aber die Wogen werden sich auch schon wieder glätten.

Heißt: Ihr Gesprächsangebot an Frau Petry bleibt bestehen?

Ja, natürlich. Wir werden sie wieder einladen, wenn uns das geboten erscheint.

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