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14. August 2005, 15:12 Uhr

Das Phantom der Oper

Pünktlich zu den Bayreuther Festspielen springt Joachim Sauer alljährlich aus der Kulisse und an die Seite von Angela Merkel. Dem Chemieprofessor mit messerscharfem Verstand schwant langsam, was auf ihn zukommt.

Angela Merkel und Joachim Sauer bei den Bayreuther Festspielen 2005© Armin Weigel/DPA

Da ist sie wieder, diese grässliche Herr-Merkel-Situation. Ganz weltenentronnen war Joachim Sauer soeben vom Festspielhaus zum Restaurant geschritten. Das Ankommen auf dem Hügel schien ewig her. Der rote Teppich, die Fotografen mit ihrem "Frau Merkel, Frau Merkel"-Geschrei, alles vergessen. Sie hatte gewinkt, er hatte sein Nussknacker-Lächeln aufgesetzt. Sie marschierten zu den Zaungästen, sie schüttelte Hände, er stand daneben. Dann flüsterte sie ihm zu: "Komm, wir müssen noch mal..." Also noch mal lächeln, winken. Ein bisschen sah es aus, als dächte er: So ein Affentheater!

Und das war das Schaulaufen in Bayreuth ja auch. Stunden später hatten Tristan und Isolde schließlich den Liebestrank hinuntergestürzt. Sehnender Minne schwellendes Blühen, schmachtender Liebe seliges Glühen. Noch beseelt vom Tristan-Akkord saß Sauer jetzt am Ehrentisch des Bundespräsidenten, und es gab kein Entrinnen aus dieser Welt. Er saß mit gewesenen Präsidenten, mit aktuellen Ministern, mit der Familie Wagner zusammen, bei Hummerschwänzchen und Leberwurst und einem fränkischen Silvaner im Bocksbeutel.

Da neigte sich ohne Vorwarnung eine Dame in Weiß zu ihm hin und sagte freundlich: "Und Sie sind der Mann von der Frau Merkel?" "Ja", sagte er. "Und sind Sie Chemiker oder Physiker?", versuchte die Dame in Weiß das Tischgespräch in Gang zu kriegen. "Chemiker", sagte Professor Sauer. Die Frau gab nicht auf. "An der Freien oder an der Humboldt-Universität?" "Ja", sagte er. Er wollte nicht plaudern. Er wollte nichts über sich erzählen, wollte bleiben, was er in Merkels Welt immer war: unnahbar und tabu.

Professor Joachim Sauer spielte an diesem Abend seine Lieblingsrolle - das Phantom der Oper. Nein, ein verbindlicher Mann sei der nicht gerade, der Herr Merkel, sagte die Tischdame später. Auch wenn er ein wenig berlinere, auch wenn er es durchaus zu genießen scheine, mit Staatspräsidenten und Ehrengästen in der zweiten Reihe der Mittelloge zu sitzen, auch wenn er "gewisse Artigkeiten" zeige - er tue sich schwer, eine Dame charmant zu unterhalten. So was von zugeknöpft! Joachim Sauer wird erleichtert gewesen sein, als er endlich auf Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein traf. Der ist gelernter Chemiker, ein alter Kollege. Mit ihm konnte er reden, ohne charmant oder irgendwie persönlich werden zu müssen.

Sollte Angela Merkel je Kanzlerin werden, braucht es viele Bartensteins in ihrer Umgebung, jedenfalls dann, wenn es ein bisschen offiziell und staatsempfänglich zu werden droht. Ahlrichs glaubt, dass er ihm dies ein wenig ermöglicht habe. Zuvor schrieb der Ost-Chemiker ihm Postkarten, mit denen er wissenschaftliche Sonderdrucke bestellte. Das war unter Wissenschaftlern aus dem Ostblock gang und gäbe, denn Fachzeitschriften zu abonnieren war viel zu teuer. 1988, ein Jahr vor der Wende, kam Sauer für ein halbes Jahr nach Karlsruhe. "Er hat mich vom ersten Moment an beeindruckt", sagt Ahlrichs, "als menschliche Persönlichkeit und als Wissenschaftler."

Kollegen dieses Kalibers gebe es weltweit vielleicht 30. Ein Kandidat für den Nobelpreis? "Ein Major Player in der Kategorie gleich darunter", schätzt Ahlrichs. Und wo wird angewendet, was Merkels Mann an den Rechnern seines Instituts erforscht? "Herrje, wie sag ich's meinem Kinde", barmt Herr Ahlrichs da, "Zeolithe sind wie Schwämme, deren Porung mal größer, mal kleiner sein kann, Molekularsiebe - so was kommt im Waschpulver vor, im Entkalker der Spülmaschine. Haben Sie das verstanden?"

Im Erdgeschoss des Gebäudes an der Brook-Taylor-Straße sitzt die Studentische Fachschaft des Instituts. Junge Männer mit Trotzki-Bärtchen und Punk-Kämmen hängen hier zwischen den Seminaren ab. An der Pinnwand klebt eine Seite aus der "Bild", "Wird er Deutschlands erster Kanzlergatte?". Die hänge da als Warnung, sagt ein Sauer-Student, denn wer hier irgendetwas über den Professor ausplaudere, der könne sich gleich eine neue Uni suchen.

Für den Abend ist das Semesterabschlussfest geplant, aber keine Chance, ihn zu treffen: Sauer kommt zu so was nie. Er sei zwar "erste Geige" als Prof und Sprecher des Sonderforschungsbereichs 546 - "Struktur, Dynamik und Reaktivität von Übergangsmetalloxid-Aggregaten", aber sonst eine ziemliche Spaßbremse. "Seine Vorlesungen sind spannend und didaktisch aufgebaut", sagt eine, die gerade ihr Diplom in der Tasche hat, "ein studentennaher Professor ist er trotzdem nicht."

Niemand würde es wagen, in Sauers Vorlesungen ein Brot zu mümmeln oder an der Colaflasche zu hängen. Wolle man mit dem ein Problem erörtern, müsse man erst mal einen Termin bei seiner Sekretärin Silvana Pophal kriegen. Schon das sei schwer genug. Auch deshalb übrigens, weil ihr Chef oft auf Kongressen und Vortragsreisen im Ausland sei. Joachim Sauer ist 25, als er 1974 an der Humboldt-Universität seinen Doktor macht.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 33/2005

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