Er spricht neuerdings viel von einer anderen CDU: weich, mitfühlend, gerecht. Doch eigentlich sind die warmen Worte von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ein Angriff auf Angela Merkel. Von Tilman Gerwien

Regieren im Wohlfühlland NRW: Rüttgers beim Düsseldorfer "Freundschaftsmahl St. Martin" mit Parteifreund Merz (l.) und Bauindustriepräsident Schmieg© Michael Trippel
Was will eigentlich die CDU? Wofür steht sie, was hält sie im Innersten zusammen, wovon träumt sie? Keiner weiß das mehr so richtig. Weiß er es vielleicht?
Jürgen Rüttgers, 55, steht in seinem Büro im Düsseldorfer Landtag und guckt durch das geöffnete Fenster hinunter auf den Rhein. "Ja, das Klima", sagt er. "Das Klima ist in Düsseldorf anders als in Berlin." In Berlin sind die Sommer heiß und die Winter kalt. Hier, in der Rheinebene, ist es im Sommer drückend schwül. "Kopfschmerzwetter", sagt Rüttgers. Dafür haben sie im November an manchen Tagen noch 20 Grad.
Draußen fährt jetzt ein Boot mit Leuten von der Gewerkschaft vorbei. Sie haben Tröten dabei, sie demonstrieren gegen sein neues Ladenschlussgesetz. Rüttgers schließt das Fenster: "Es gibt Sachen, die müssen nicht sein."
Bis vor kurzem musste man sich schon sehr für Politik begeistern, um sich für Jürgen Rüttgers zu interessieren. Das ist anders, seit er gefordert hat, dass ältere Arbeitnehmer, die lange Beiträge gezahlt haben, künftig wieder länger Arbeitslosengeld bekommen als jüngere. Die SPD spricht von "Sauerei". In Berlin lässt Angela Merkel ihre Kauders und Pofallas von der Leine, um Rüttgers wieder wegzubeißen. Aber der lässt sich jetzt nicht mehr wegbeißen. Er sagt, die Änderungen beim Arbeitslosengeld seien "ein Gebot der Gerechtigkeit".
Auf dem CDU-Parteitag in Dresden in der kommenden Woche will er sogar über seinen Vorschlag abstimmen lassen. Knapp ein Drittel der Delegierten kommt aus NRW. "Ich bin ganz ruhig, ganz relaxed", sagt Rüttgers. "Aber das sind Debatten, die jetzt geführt werden müssen. Die ganze Aufregung zeigt doch, dass da was ist."
Rüttgers. Brille. Weißes Hemd. Gerne Krawatten in Gelb oder Orange. "Zukunftsminister" war er schon unter Helmut Kohl, aber eigentlich unauffällig, einer von den viel zu vielen im Polit- betrieb, einer, den man schon fast vergessen hatte. Als Kohl weg war, hat er im Ameisengewimmel der Politik lange nach einem neuen Platz für sich gesucht. Den hat er jetzt: stolzer Regierungschef im größten Bundesland, das einst die "Herzkammer der Sozialdemokratie" war. Der Unauffällige liegt in Umfragen mit seiner CDU in NRW bei 41 Prozent - 12 Prozentpunkte über Merkels CDU im Bund. Er müsste eigentlich ein interessanter Mann sein.
Er nickt stets recht freundlich. Beim Gang durch das Abgeordnetengewimmel des Landtags verteilt er kleine Verbeugungen, öfter mal auch ein verschwörerisches Augenzwinkern. Und dann diese Stimme: Es ist eine weiche Stimme, eigentlich angenehm, aber auch ohne Brüche, ohne Mühen und Höhen und Tiefen. Eine Stimme für Gutenachtgeschichten. Eigentlich spricht er gar nicht - eher ist es so, dass die Worte aus diesem Jürgen Rüttgers sanft herausperlen.
Immer öfter hört man von der Stimme jetzt schöne, warme Sätze. Sie redet von "Neuer Sicherheit" und "sozialem Miteinander". Sie fragt: "Ist es akzeptabel, wenn Firmen mit Milliardengewinnen Tausende Leute entlassen?". Und sie sagt: "Wir haben im Bundestagswahlkampf zu viel über "Flat Tax' und zu wenig über die Menschen geredet."
Eigentlich spricht diese Stimme von einer anderen CDU. Sie zielt mitten ins Herz der Partei - da wo Angela Merkels "Wir wollen mehr Freiheit wagen" nur Leere hinterlassen hat und Ratlosigkeit. Sie will "ins Offene gehen". Er fragt provozierend naiv: "Wie soll ein 55-Jähriger ohne soziale Absicherung ins Offene gehen?" Sie nimmt die Sache, wie immer, sehr persönlich. Sie findet, dass er einer ist, der nicht steht, einer, auf den man sich nicht verlassen kann. Er findet, sie amputiert mit ihrem ewigen Freiheitsgerede die CDU. Und diese CDU ist schließlich auch seine CDU - mindestens so sehr wie ihre. Mindestens.

Mehr als Amtspflicht: kleine Aufmerksamkeiten für den Kinderchor, der zu Ehren von Bauindustrie und St. Martin gesungen hat© Michael Trippel
Wie regiert so einer? Münster, "Schlachtfest mit Umtrunk" des Schornsteinfegerhandwerks. Jürgen Rüttgers sitzt in der ersten Reihe, ein Chor singt das "Westfalenlied". Richtig mitzusingen traut er sich nicht, der Kompromiss ist ein kaum hörbares Mitsummen. Später sagt er: "Ich mag den Begriff 'Auszubildende' nicht. Wir sagen zu Babys ja auch nicht 'Flüssig zu Ernährende'". Großes Gelächter.
Düsseldorf, St. Martins-Empfang der Bauindustrie. Der Ministerpräsident verteilt Tüten mit Naschereien an einen Kinderchor. Neben ihm steht der lange Friedrich Merz. Beim Foto bleibt Merz einfach stehen, aber Rüttgers kniet sich zwischen die Kinder und macht sich klein, er will auf Augenhöhe sein.
In seiner Rede fragt er: "Kennen sie den Unterschied zwischen Rheinländern und Westfalen? Der Westfale fragt: "Und, was machen wir morgen?" Der Rheinländer fragt: "Und, was machen wir morgen abend?"" Auch hier großes Gelächter. Dann wirbt er für Lehrstellen - "Wir dürfen die jungen Leute nicht im Regen stehen lassen!" - ebenso wie für Sekundärtugenden: "Morgens nicht aus dem Bett kommen, das geht natürlich nicht!"
Es ist eine etwas bemühte, gleichsam bebrillte Volksnähe. Manchmal muss man an "Dr. Udo Brömme" denken, die Kunstfigur der "Harald Schmidt Show", die vor Jahren mal ihr Unwesen in den Niederungen der NRW-CDU trieb. Ausgestattet mit Anzug und Brille gab sich "Dr. Brömme" als Unionspolitiker aus und erzielte mit dem Slogan "Zukunft ist gut für uns alle" große Erfolge.
Geschickt ist dieser Rüttgers, er breitet die Arme politisch weit aus. Er privatisiert Wohnungen, dass es den FDP-Koalitionspartner nur so freut - aber die Mieter werden durch eine "Sozialcharta" geschützt. Er gibt den Ladenschluss von montags bis samstags frei - aber am Sonntag, dem Tag des Herrn, müssen die Geschäfte zubleiben. Niedrige GEZ-Gebühren für sozial Schwache fordert er - ebenso wie mehr Musikunterricht: "Ich will, dass im Ruhrgebiet alle Schulkinder bis 2010 ein Instrument wie die Blockflöte spielen können."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2006