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16. Juni 2010, 15:37 Uhr

Pfadfinderin Hannelore Kraft

Alle haben mit allen gesprochen, sondiert und festgestellt: Es geht nichts. Überhaupt nichts. Warum bildet Hannelore Kraft, SPD, keine Minderheitsregierung in NRW? Von Christoph Cöln und Lutz Kinkel

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Gegenspieler: Hannelore Kraft, SPD, und der geschäftsführende Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, CDU© Clemens Bilan/DDP

Mehr als einen Monat sind die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen nun her. Und noch immer ist keine neue Regierung in Sicht. Das ist der Stand:

Schwarz-Gelb: Hat keine Mehrheit

Rot-Grün: Hat keine Mehrheit

Rot-Rot-Grün: Sondierungsgespräche gescheitert

Schwarz-Rot: Sondierungsgespräche gescheitert

Rot-Grün-Gelb:Sondierungsgespräche gescheitert

Schwarz-Grün-Gelb: Von den Grünen ausgeschlossen

Und nun? Die CDU könnte doch mit der FDP und der Linkspartei ..., ja das wäre eine lustige Option. Aber dass Jürgen Rüttgers mit den "Kommunisten" paktiert ist genauso wahrscheinlich wie die Berufung von Dieter Bohlen auf den Heiligen Stuhl.

Frau Löhrmann ist sauer

Natürlich schiebt eine Partei der anderen die Schuld zu. Wer will, kann sich von der SPD erzählen lassen, dass Rot-Rot-Grün gescheitert ist, weil die Linkspartei ein Haufen konfuser Amateure sei. Die Linkspartei sagt, die SPD habe ohnehin nur zum Schein verhandelt. Aus der CDU heißt es, bei den Sondierungsgesprächen für eine Große Koalition sei es der SPD nur darum gegangen, ihren Anhängern den Kopf von Jürgen Rüttgers auf dem Silbertablett zu servieren. Die SPD sagt, die CDU habe sich inhaltlich keinen Millimeter bewegt, weder in der Schulpolitik noch in der Energiefrage.

So oder so: Silvia Löhrmann, 53, ist stinksauer. Die Chefin des grünen Landesverbandes kommt aus Essen, trägt das Haar kurz und liebt die klare Ansage. Dass Hannelore Kraft, SPD, jetzt keine Minderheitsregierung mit ihr bilden will, sei ein schwerer Fehler, sagt sie. "Ein Förderprogramm für Politikverdrossenheit". Löhrmann, die für ihre Partei ein Rekordergebnis eingefahren hat, will endlich loslegen. Und endlich das Silbertablett sehen: "Herr Rüttgers klebt an seinem Sessel, obwohl er krachend abgewählt worden ist."

Kraft erklärt die Marschroute

Löhrmann steht mit ihrer Kritik nicht alleine. Viele gesellschaftliche Gruppen erwarten, dass die Hängepartie in Düsseldorf ein Ende nimmt - allen voran die Wirtschaft, die sich nach Planungssicherheit sehnt. "Das, was Frau Kraft macht, ist aus meiner Sicht nicht zielführend", sagt Friedhelm Decker, Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes zu stern.de. "Nichts ist schlimmer als eine handlungsunfähige Landesregierung." Auch Ralf Mittelstädt, Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer in NRW, hat die Nase voll. Die Parteien sollten "sich endlich zusammenfinden und zu einer tragfähigen Lösung kommen." Die Gewerkschaften wünschen sich das auch. Allein schon, um einen Pflock gegen das Berliner Sparpaket in den Boden zu rammen. "Selbstverständlich haben wir ein Interesse daran, auf die Entscheidungen im Bundesrat einzuwirken", sagt der DGB-Vorsitzende in NRW, Guntram Schneider.

Und Hannelore Kraft? Sitzt an diesem Mittwoch gut gelaunt in einem Saal der SPD-Bundestagsfraktion im Berliner Reichstag und erklärt ihre Marschroute. "Man muss Schritt für Schritt voran gehen. Es geht um Glaubwürdigkeit", sagt sie zu stern.de. Und was bedeutet das konkret? "Wir streben keine Minderheitsregierung an. Aber es könnte eine Situation entstehen, in der wir eine eingehen müssen, um Schaden von NRW abzuwenden."

Angst vor der "Ypsilanti-Falle"

Der Schaden - damit meint Kraft die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung. Zum Beispiel die Einführung der Kopfpauschale. Die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. Oder die geplanten Kürzungen bei Hartz-IV-Empfängern. Diese Vorhaben bedürfen, wenn Angela Merkels Juristen nicht noch einen trickreichen Ausweg finden, der Zustimmung des Bundesrates. Solange Jürgen Rüttgers, CDU, geschäftsführender NRW-Ministerpräsident bleibt, ist die Mehrheit sicher. Heißt: Will Kraft blockieren, muss sie Rüttgers zuvor ablösen. Die nächste große Sitzung des Bundesrates ist im September. Vermutlich stehen Teile des Sparpakets auf der Agenda.

Also läuft es auf eine Minderheitsregierung im September hinaus. Warum nicht gleich? Aus Krafts Sicht sprechen zwei Gründe dagegen. Erstens: Gut möglich, dass der Druck, der momentan auf allen Parteien in NRW lastet, doch noch mal Bewegung in den Koalitionspoker bringt. Zweitens: Kraft will unbedingt den Eindruck vermeiden, es ginge ihr nur um Posten und Dienstwagen. Sie will nur dann eine Minderheitsregierung bilden, wenn sie sich zwingend inhaltlich begründen lässt. "Sie hat Angst, dass die Ypsilanti-Falle zuschlägt", analysiert der Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann nüchtern. Schiere Machtgeilheit, wie sie der hessischen Spitzenkandidatin unterstellt wurde, will sich Kraft nicht nachsagen lassen.

"Glaubwürdigkeit", das ist die Vokabel, die sie am liebsten verwendet.

Rüttgers Rivalen lauern schon

Kurioserweise warten nicht nur die Grünen, die Wirtschaft, die Gewerkschaften und Teile der Bundes-SPD darauf, dass Kraft zuschlägt - sondern auch Teile der NRW-CDU. Auch sie vergleichen ihren "MP" gerne mal mit Klebstoff. Klar ist, was Rüttgers erwarten würde, sollte er abgelöst werden: nichts. Klar ist auch, dass er ein paar innerparteiliche Rivalen hat, die seinen Job gerne machen würden: Generalsekretär Andreas Krautscheid, Integrationsminister Armin Laschet, Arbeitsminister Karl Laumann. Im Hintergrund fingert noch Bundesumweltminister Norbert Röttgen mit. Er hätte gerne den CDU-Parteivorsitz in NRW.

Stürzen wollen sie Rüttgers nicht - aber ihn von Kraft abräumen lassen: na klar.

Doch die viel bedrängte Kraft hält sich erstmal zurück. Vorerst will sie versuchen, aus der Opposition heraus ihre Inhalte durchzudrücken, vielleicht wird zwischendrin weiter um eine Koalition gepokert. Von Alemann sieht die Situation gelassen: "Dauerhaft ist dieser Stillstand natürlich keine Lösung, aber in Deutschland implodiert kein Bundesland, nur weil es mal ein paar Wochen verwaltet wird."

Knackpunkt: Wechselnde Mehrheiten

Tatsächlich wäre das Konstrukt einer Minderheitsregierung auch keine echte Lösung. Das Bündnis wäre instabil, weil es auf wechselnde Mehrheiten angewiesen wäre. Früher oder später würden SPD und Grüne Neuwahlen anstreben. Was aber, wenn Linke, FDP und Union keine Neuwahlen wollen, weil sie befürchteten, mehr zu verlieren als zu gewinnen? Im Alleingang können SPD und Grüne keine Neuwahlen durchsetzen.

Kraft müsste im Amt bleiben - eine politische Pfadfinderin, der plötzlich klar würde, dass sie vielleicht doch auf dem Holzweg war.

Von Christoph Cöln und Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 25)
 
rockyciano (17.06.2010, 12:56 Uhr)
NRW ist nur
der Nebenschauplatz !!!

Aus Berlin gibt es viel Wichtigeres. Das Handelsblatt titelt heute : " CSU riskiert Ende der schwaz-gelben Koalition". Die CSU machte unmissverständlich klar, dass sie eine "Kopfpauschale" und Beitragserhöhungen nicht mitträgt.

Außerdem will die Koalition eine öffentliche Befragung von Guttenberg und Merkel vor dem Kunduz-Untersuchungsausschuss verhindern - siehe Artikel in der Zeit.

Schönes Wochenende @ Stern-Administrator!!
giangastone (17.06.2010, 12:13 Uhr)
Verdödelt
...NRW scheint es ja recht gut zu gehen, dass man sich DAS leistet. Erstaunlich
insLot (17.06.2010, 10:52 Uhr)
Das sind die Folgen von Hessen...
Frau Kraft hat gesehen, was passiert kann, wenn sie mit Duldung der Linken eine Regierung bilden will. Wozu also politischen Selbstmord begehen, wenn man auch darauf warten kann, dass Schwarz/Gelb noch weiter im Kurs sinken.

Die Schwarzen kennen den Preis der Macht, es ist lediglich der Kopf von Rüttgers. Kein großes Opfer ...
Bitte-sachlich (17.06.2010, 10:34 Uhr)
Frau Kraft hat nur ein Problem ...
... die eigene Partei!

Ihr Abwarten ist einzig und allein den "üblichen Verdächtigen" zuzuschreiben, die im Falle einer rot-grünen Regierung unter möglicher Unterstützung der Linken quertreiben würden. Sprich "konservativen" SPD-lern. Dazu gehört auch Gabriel, der im NRW-Wahlkampf die Zusammenarbeit mit den Linken vehement ausschloss.
Terrypol (17.06.2010, 10:01 Uhr)
RegierungsBildung in NRW...?
Was heißt schon "die CDU ist stärkste Kraft"?
Das Palament entscheidet über die RegierungsBildung und nicht die wenigen Stimmen, die die CDU landesweit mehr hat.
der arme Rüttgers hätte doch die Möglichkeit, Verhandlungen zu führen...aber, keiner will mit ihm mehrheitlich zusammengehen. Für den selbsternannten Arbeiterführer doch sehr blamabel.
Hannelore Kraft wird sicherlich im Benehmen mit der SPD und den Grünen den Rüttgers in das politische Aus schicken.
Da kann man schon Wetten abschließen
und dann wird es auf Bundesebene für die PastorenTochter und ehemalige FDJ-Sekretärin und AgitationsErmächtigte in der DDR, A. Merkel, noch schwieriger, Politik zu machen. Der Vater war als Kommunist von Hamburg nach Mecklenburg-Vorpommern, in die DDR, gezogen mit Familie.
Ergo, es drohen Neuwahlen mit dem vermtl. Ergebnis, dass die kleine SteigbügelhalterPartei f d p dann ganz weg sein wird, denn sie befindet sich dank (Sch)Westerwelle im freien Fall!
Der kann dann als Aufschneider in die Wirtschaft gehen
"Ich lasse mir von Euch den Schneid nicht abkaufen"! ist sein unvergesslicher Ausdruck!
rynaldo (17.06.2010, 09:50 Uhr)
Vielleicht
denkt jetzt endlich einmal die Frau Kraft an NRW und stellt ihre nervige Profilierungssucht ein.
tursu (17.06.2010, 09:36 Uhr)
Frau Kraft
Ich möchte mal eins erinnern. CDU ist bei der Wahl die stärkste Kraft. Die haben die Aufgabe eine Regierung zu bilden. Jeder redet von der Frau Kraft, nur die bemüht sich für eine Regierungsbildung. Was macht eigentlich der Herr Rüttgers? Nichts, er wartet nur.
GrundlRoland (17.06.2010, 08:47 Uhr)
Kraft
Schröder hatte einmal geäußert - gegen die Bildzeitung kann man nicht regieren. Und Frau Kraft weiß doch auch was dann bei einer Minderheitenregierung in den Medien einschließlch des Sterns für ein Gehetze dann losgehen würde.
lowbas (17.06.2010, 08:18 Uhr)
Spekuliert die Kraft
evtl. doch noch auf eine große Koalition? Jetzt gehts erts mal in die Sommerpause. Viel Zeit, um Rüttgers weich zu kochen, um ihn dazu zu bewegen seinen Sessel zu räumen. Denn danch sähe Einges anders aus.
gokahe (17.06.2010, 06:17 Uhr)
Warum wohl?
Die Messer waren schon gewetzt, auch die vom Stern und Herrn Kinkel. siehe: http://mc.cellmp.de/op/stern/de/ct/-X/detail/wirtschaft/Landtagswahl-NRW-Kraft-Ypsilanti-Falle/1565062/ (nur ein Beispiel)
Sie hat also einfach Angst vor der ach so unabhängigen Presse und deren Stichwortgeber in der eignen Partei. Macht heißt Geld und gesichertes Einkommen, keine Macht heißt weniger Geld und Unsicherheit. Was bedeuten da Ziele und Programme, was bedeuten da Wähler.
gruß gokahe
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