. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
17. September 2007, 12:11 Uhr

Scharfrichter Jung

Verteidigungsminister Jung outet sich als Verfassungsfeind mit seinem Plan, Terror-Jets einfach abzuschießen. Ein neuer Tiefpunkt in der oft hysterischen Debatte um den Kampf gegen den Terrorismus. Dabei geht es nicht um Sicherheit, sondern um populistische Ziele. Von Hans Peter Schütz

Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei dem 6. Kongress zur Europäischen Verteidigung in Berlin© Fabrizio Bensch/Reuters

Verteidigungsminister Franz Josef Jung ist Rechtsanwalt und Notar. Daher muss er sich jetzt auch die Frage gefallen lassen, ob er denn von allen guten juristischen und verfassungsrechtlichen Geistern verlassen ist. Er werde, so unser oberster Verteidiger in ungebremster - besser: unbedachter - Angriffslust, ein mit Passagieren von Terroristen entführtes Verkehrsflugzeug, das sich etwa im Anflug auf ein besetztes Fußballstadion befinde, abschießen lassen. Weil es dafür keine Rechtsgrundlage gebe, so der Minister forsch, werde er sich eben auf das "Recht des übergesetzlichen Notstands" berufen.

Jung outet sich als Verfassungsfeind

Fürwahr, ein halsbrecherischer Vorschlag für einen Bundesminister, der schließlich seinen Amtseid auf unsere Verfassung geleistet hat. Jung outet sich nämlich als Verfassungsfeind. Denn die momentan geltende Rechtslage sieht vor, dass der Jung-Plan verfassungswidrig ist. Auf den übergesetzlichen Notstand hätte sich, was beinahe der Fall war, der frühere Verteidigungsminister Georg Leber noch berufen können, als während der Olympischen Spiele in München ein unbekanntes Flugzeug sich dem Olympia-Stadion näherte. Zum Glück kam es nicht zum äußersten. Jung könnte dies nicht tun. Denn im vergangenen Jahr hat das Verfassungsgericht das vom "roten Sheriff" Otto Schily vorgelegte Luftsicherheitsgesetz der rotgrünen Regierung für verfassungswidrig erklärt.

Ein Flugzeug mit unschuldigen Passagieren, so die Verfassungshüter, dürfe auch dann nicht abgeschossen werden, wenn es als Terrorwaffe eingesetzt werden soll. Die Abwägung "einige Leben gegen viele Leben" sei ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Artikel 1 des Grundgesetzes lasse dies nicht zu, die Würde des Menschen sei unantastbar. Das ist, so lange es kein neues Luftsicherheitsgesetz gibt, das Gnade in Karlsruhe findet, geltendes Recht. Wer als Politiker dagegen vorgeht, begeht Verfassungsbruch.

In Wahrheit ist das alles Populismus

Früher hat man Verfassungsfeinde, ob echte oder vermeintliche, nicht mal Lehrer werden lassen, jetzt dürfen sie sogar Ministerämter bekleiden. Und eine Lizens zum Töten beanspruchen. Damit ist ein neuer Tiefpunkt in einer längst geradezu hysterischen Debatte um den Kampf gegen den Terrorismus erreicht. Zum Scharfmacher Wolfgang Schäuble nun noch der Scharfrichter Jung. Längst lässt sich gar nicht mehr verfolgen, was von Vertretern der CDU/CSU gerade mal wieder alles gefordert wird: Trojaner in den Computern, Bestrafung von Besuchen in so genannten Terrorcamps, strafrechtliche Verfolgung von "islamistischen" Vereinigungen, womit dem Gesinnungsstrafrecht wie schon einmal wieder alle Türen geöffnet würden.

Das sind alles Projekte, die den Bürgern mit dem Argument angedient werden, sie dienten ihrer Sicherheit. In Wahrheit werden damit ganz schlicht populistische Ziele verfolgt. Bei Jung lässt der Wahlkampf in Hessen zusätzlich grüßen. Den Nachweis, dass unsere Welt dadurch sicherer wird, können die beteiligten Politiker nicht liefern. Das hindert sie leider nicht, unsere Grundrechte und die Verfassung fortwährend in frage zu stellen. Wie wäre es, wenn dieselben Politiker sich einmal daran machten, über die Frage nachzudenken, ob denn weitere Streichaktionen etwa bei unserer Polizei noch zu verantworten sind?

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 44)
 
sportartmakler (19.09.2007, 13:10 Uhr)
@exceleye - sehr gutes beispiel
gesetzt den fall man hätte noch die zeit flieger in die luft zu schicken und man würde das ziel des terrors definitiv kennen, dann würde es auch heute schon ohne grundgesetztänderung versucht werden zu vereiteln, notfalls mit dem umstrittenen abschuß. auch wenn diese handeln nach aktuellem recht illegal wäre und vielleicht auch empörung hervorrufen würde, wäre dies immer noch 1000mal besser als an unserer verfassung rumzudoktern.
ecxeleye (18.09.2007, 16:26 Uhr)
Helmut Schmidt, die Verfassung und Franz Josef Jung
Dr. Ralf Stegner, Innenminister des Landes Schleswig-Holstein, auf der Expertentagung der SPD Landesfraktion
"Zukunftsfähige Sicherheitsplanung"
am 13. Februar 2006 in Heilbronn
Zitat :
Als Helmut Schmidt Innensenator in Hamburg war, hat er während der Flutkatastrophe nicht erst die Verfassung studiert, sondern Polizei und Bundeswehr unverzüglich dort eingesetzt, wo es erforderlich war, um Menschen zu retten.
Als Terroristen eine Lufthansamaschine nach Mogadischu entführten, hat er als Kanzler den Sturm auf das Flugzeug angeordnet und hätte, wenn die Aktion schief gelaufen wäre, sofort seinen Rücktritt eingereicht. Davor habe ich Respekt! Zitat Ende
An alle Verfassungsbewegten und andere Bedenkenträger:
Schmidt „ Schnautze „ hat vor 30 Jahren als es drauf ankam mutig und richtig gehandelt.

Dr. Franz Josef Jung ist zwar kein Helmut Schmidt, aber Format und Rückgrat hat er allemal.


Malt (18.09.2007, 15:37 Uhr)
Ich finde...
...dass der ganze Haufen Terrorflieger abgeschossen werden sollte, und die Rechnung, also der Prozess wegen Totschlags, anschließend nicht den Piloten, sondern dem Verteidigungsminister und dem Innenminister präsentiert wird. So schlägt man gleich drei Flieger...äääähhh Fliegen mit einer Klappe! Prima.... dafür hätte ich gerne das Bundesverdienstkreuz! Bis auf die paar, die in den Fliegern sitzten, müssten dann doch alle zufrieden sein, oder? Vor allem vor dem Hintergrund, dass ja jeder generell verdächtig und potentiell terroristisch veranlagt ist, kann man ja auch nie sagen, wieviele der Passagiere Terroristen und wieviele Zivilisten waren, oder?
Chrizmo (18.09.2007, 11:26 Uhr)
Zusammenfassend
Also wenn ich mir den Großteil der Kommentare so anschaue kann man also die Situation folgend zusammenfassen.
Herr Jung gehört vom Dienst suspendiert, wenn nicht sogar auf gegen Gesetze und Menschenrechte verstoßende Weise entsorgt.
Eine konkrete Terrprgefahr in Deutschland besteht nicht. Die derzeitigen Sicherheistvorkehrungen reichen aus, bzw. gehen schon zu weit.
Es darf unter keinen wie auch immer gearteten Umständen gegen die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland gehandelt werde. Wer dieses vorhat, siehe Punkt 1.
Da keine Terrorgefahr besteht, und die Sicherheitsvorkehrungen als ausreichend zu betrachten sind, stellt sich die Frage was mit einem auf dein Fußballstadium zusteuerndes Flugzeug passiert garnicht. Sollte dieser Fall jedoch, was aber natürlich absolut unmöglich ist, tatsächlich auftreten, so gibt sich das Deutsche Volk seinem wie auch immer gearteten Schicksal hin. Da es nicht möglich war die Entführung des Flugzeuges trotz der Sicherheitsvorkehrungen zu erhindern, liegt es ab diesem, ja eh niemals auftretenden Zeitpunkt also in der hand von 1-x Terroristen über das Schicksal des Flugzeuges, der Passagiere und der Deutschen, und im Falle eines Anschlages auf ein AKW zumindest auch der europäischen Bevölkerung zu entscheiden. Denn mit dem moment in dem Sie die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen überwunden, und Menschen in Ihre Gewalt gebracht haben, darf der Staat das Leben diese Menschen nicht mehr in Gefahr bringen. Das sie sowieso sterben wenn das Flugzeug abstürzt spielt hierbei keine Rolle, Hauptsache der Staat war nicht aktiv an der Tötung beteiligt.
Ich glaube jede andere Nation dieser Welt würde in diesem Moment liebend gerne ihre Kampfflugzeuge nach Deutschland schicken...
Chrizmo (18.09.2007, 11:17 Uhr)
@RobinHood
Das ist sicher einer der Punkte der beachtet werden muss. Jedoch wird ein Flugzeug welches in der Luft von einer Rakete zerstört wird tatsächlich in viele (relativ) kleine Teile gesprengt, so das der Schaden der durch herabfallende Wrackteile entsteht sich deutlich geringer ausfällt als ein gezielt zum Absturz gebrachtes. Nicht zuletzt verbrennt ein Großteil des gefährlichen Kersosins bereits bei der Explosion in der Luft, anstatt beim auftreffen auf dem Boden.
Salzsteuer (18.09.2007, 10:15 Uhr)
Abschiessen
...sollte man Herrn Jung, gleich mit welcher Waffe!
Robin-Hood (18.09.2007, 09:53 Uhr)
..fehlendes Hirn..
Bei der ganzen Diskussion frage ich mich, wenn ein Flugzeug abgeschossen wird (z.B. über Frankfurt) löst es sich dann in Luft auf?
Wohin stürzt dann das Flugzeug?
Meiner Meinung gehören dies beiden kleinen hirnlosen Politiker schnellstens aus ihrem Amt entfernt.
Es ist eine Schande, das sich Deutschland keine bessren Politiker mehr leisten kann.
Chrizmo (18.09.2007, 09:40 Uhr)
Ferngesteurete Flugzeuge
Die Idee an sich ist garnicht so schlecht. Nur genauso wie Terroristen es schaffen Waffen an den Sicherheitskontrollen vorbeizuschmuggeln werden sie es auch schaffen die Fernsteuerung des Flugzeuges zu deaktivieren.
AxelR. (18.09.2007, 09:26 Uhr)
Alternativen zum Abschuss
Wie phantasielos und hilflos doch unsere Politiker sind.
Abschiessen, klar, immer mitm Hammer drauf, als ob es keine Alternative gäbe.
Mein Vorschlag: Baut eine Remote-Steuerung die gegen Manipulation abgesichert wird in die Flugzeuge ein, die er Pilot im Notfall aktivieren kann.
So kann jeder Jumbo vom Boden aus im Notfall aus da gelandet werden, wo es die Bodenstation haben will.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen gleichzeitig alle Tower und den Jumbo besetzen kann man vernachlässigen.
Für diese Idee hätte ich gerne den Friedensnobelpreis :-)
allias (18.09.2007, 09:14 Uhr)
Strafanzeige gegen Herr Jung
Warum stellen wir das deutsche Volk keine Strafanzeige wegen Nötigung und Bedrohung, denn die Aussagen von Herr Jung sind eine Drohung und Nötigung an jeden einzelnen Deutschen.
MEHR ZUM ARTIKEL
Abschuss von Terror-Jets Bütikofer fordert Jungs Rücktritt

Die Pläne von Verteidigungsminister Jung Passagierflugzeuge im Terror-Fall abzuschießen, gefallen dem Grünen-Vorsitzenden Bütikofer überhaupt nicht. Er sei fassungslos, wie der Minister mit der Verfassung umgehe. Die Jet-Piloten kündigten an, sich dem Befehl widersetzen zu wollen. mehr...

Verteidigungsminister Kritik an Jungs Abschuss-Plänen

Heftigen Widerspruch erntet Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Der CDU-Politiker hatte angekündigt, notfalls ein für einen Anschlag entführtes Verkehrsflugzeug auch ohne Rechtsgrundlage abschießen zu lassen. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte: "Unschuldige Menschen dürfen nicht getötet werden." mehr...

Verteidigungsminister Jung würde entführtes Flugzeug abschießen

Was hätte die Regierung unternommen, wenn während der Fußball-WM ein entführtes Flugzeug auf ein voll besetztes Stadion zugerast wäre? Dem stern hat Verteidigungsminister Jung eine klare Antwort gegeben. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe