7. Oktober 2012, 14:55 Uhr

Thüringen verschickt NSU-Akten ungeschwärzt

Thüringens Innenminister schickt hunderte ungeschwärzte Geheimakten nach Berlin und sorgt damit für Empörung beim Verfassungsschutz. Die Dokumente enthalten unter anderem Klarnamen von V-Mann-Führern.

Verfassungsschutz, NSU, Terrorzelle, Zwickauer Zelle, V-Mann, Akten, Thüringen, Innenminister, Geibert

Hat bundesweit Verfassungsschützer gegen sich aufgebracht: Der thüringische Innenminister Jörg Geibert (CDU).©

Die Weitergabe hunderter ungeschwärzter Geheimakten aus Thüringen an den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages sorgt laut "Spiegel" unter Verfassungsschützern für Empörung. Innerhalb der Sicherheitsbehörden sei es zu einem heftigen Streit über den Umgang mit den 778 Akten gekommen, die unter anderem die Klarnamen von V-Mann-Führern und anderen Verfassungsschutzmitarbeitern enthalten sollen. Es sei die Rede von "Geheimnisverrat" gewesen, berichtet das Nachrichtenmagazin.

Das Material, das Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) dem Ausschuss zur Aufarbeitung der NSU-Terrorserie übermittelt habe, soll als "vertraulich" oder "geheim" eingestufte Dokumente enthalten. Ein Sprecher des thüringischen Innenministeriums bekräftigte gegenüber der Nachrichtenagentur DPA, man wolle auch künftig ungeschwärzte Geheimakten an die NSU-Untersuchungsausschüsse von Bundestag und Landtag liefern. Für Ende Oktober oder Anfang November kündigte der Sprecher eine weitere Lieferung von etwa 1000 Akten an, die Unterlagen zum Rechtsextremismus von Thüringer Sicherheitsbehörden aus der Zeit 2003 bis 2012 enthalten.

Die Thüringer Landsregierung hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder verpflichtet, die Aufklärung der Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) und möglicher Pannen bei den Sicherheitsbehörden voranzubringen. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hatte wiederholt für eine starke parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste plädiert. "Die Klarnamen der V-Leute sollten künftig den Parlamentarischen Kontrollkommissionen (PKK) vorliegen", sagte sie kürzlich.

Verfassungsschützer beklagen "Geheimnisverrat"

Ein solches Vorgehen, das sie jetzt in der Zeitschrift "Superillu" bekräftigte, ist zwischen Bund und Ländern umstritten. Die Untersuchungsausschüsse von Bundestag und mehreren Landtagen beschäftigen sich auch mit der möglichen Rolle von V-Leuten im Umfeld der NSU, deren Mitglieder aus Thüringen stammen. Sie werden für zehn Morde - überwiegend an Migranten - verantwortlich gemacht.

Die jetzt von Geibert nach Berlin geschickten Akten sollen laut "Spiegel" neben Unterlagen des Thüringer Verfassungsschutzes auch solche anderer Landesämter sowie des Bundesamts für Verfassungsschutz enthalten. In einer Telefonkonferenz der Verfassungsschutzchefs am 28. September soll deshalb von "Geheimnisverrat" und möglichen "strafrechtlichen Konsequenzen" die Rede gewesen sein. Auch in einer weiteren Schaltkonferenz zwischen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und seinen Länderkollegen soll das Vorgehen Geiberts kritisiert worden sein.

Der Thüringer Minister habe sein Vorgehen verteidigt und erklärt, dass er mit der Offenlegung der Akten nur der Auffassung der Rechtsprechung nachkomme. Da im Berliner Untersuchungsausschuss die gleiche Geheimhaltungspflicht wie im Erfurter Verfassungsschutz gelte, habe die Regierung niemanden um Erlaubnis fragen müssen.

Akten bleiben erst einmal unangetastet

Inzwischen soll sich der Bundesinnenminister mit dem Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy (SPD), darauf verständigt haben, Akten aus Thüringen zunächst unangetastet zu lassen. Geplant sein soll die Einsetzung eines Sonderermittlers, der das brisante Material vorab prüfen und dann die Einsicht koordinieren könnte. Die "Thüringer Allgemeine" berichtete ebenfalls über die Sicherheitsbedenken bei den Akten aus Thüringen. Nach Angaben der Zeitung haben sich die Obleute des Ausschusses in der vergangenen Woche dagegen ausgesprochen, die Akten zurückzugeben.

Die Linke-Landtagsabgeordnete Martina Renner unterstützte das Thüringer Vorgehen. Es sei unverständlich, warum Sicherheitsbehörden weiter versuchten, sich der parlamentarischen Kontrolle zu entziehen, erklärte sie. Es sei beschämend, wenn dadurch die parlamentarische Aufklärung "der Mitverantwortung der Sicherheitsbehörden an der rechtsterroristischen Mordserie" blockiert würde.

mlr/DPA
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Ex-NPD-Funktionär Mutmaßlicher NSU-Helfer soll V-Mann gewesen sein

Nach Informationen von stern.de steht Ralf Wohlleben, einst engster Vertrauter des Terrortrios NSU, im Verdacht als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet zu haben.

Zschäpe-Liebhaber und LKA-Spitzel Thomas S. Die Akte des NSU-Helfers

In der DDR spähte er als Teenager Fußballfans für die Stasi aus, nun wurde er als Spitzel im Umfeld des neonazistischen NSU enttarnt. Thomas S. war schon immer jemand, der andere gegen Geld verpfiff.

NSU-Ermittlungen Zschäpe-Liebhaber war Spitzel des LKA Berlin

Die Ermittlungsbehörden waren doch näher dran als bislang bekannt. Bereits 2002 gab eine langjährige "Vertrauensperson" der Polizei Hinweise auf eine Kontaktperson der Zwickauer Zelle.

Weitere Panne bei NSU-Ermittlungen Akte über Zschäpe-Freund wurde gelöscht

Einen Tag nach der MAD-Panne enthüllt der stern weitere Ungereimtheiten im Zuge der NSU-Ermittlungen. Demnach wurden beim Verfassungsschutz mehr Akten vernichtet als bislang bekannt.

NSU-Terrorist im ARD-Krimi Mundlos-Foto klebte auf "Tatort"-Akte

Die Produzenten einer "Tatort"-Folge aus dem Jahr 2001 geraten in Erklärungsnot: Auf einer fiktiven Fahndungsakte ist das echte Fahndungsfoto des NSU-Terroristen Uwe Mundlos zu sehen.

Aktenvernichtung beim Verfassungsschutz Staatssekretär verheddert sich im NSU-Schredderskandal

Klaus-Dieter Fritsche war jahrelang Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt. Als hochrangiger Verfassungsschützer gehörte er zu denen, die die Gefahr des Rechtsterrors unterschätzten.

NSU-Ermittlungen Uwe Mundlos - ein deutscher Soldat

Als Neonazi von der Bundeswehr an der Waffe ausgebildet: Der spätere NSU-Terrorist Uwe Mundlos ist dem MAD wahrscheinlich deutlich eher aufgefallen, als das Verteidigungsministerium bisher zugab.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?