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24. Februar 2010, 18:21 Uhr

Ein starker, schmerzhafter Rücktritt

Margot Käßmanns Rücktritt ist ebenso schmerzhaft wie richtig: Selbst in der Not beweist diese Frau Klasse, erspart sich einen ewigen Spießrutenlauf - und stürzt ihre Kirche dennoch in eine Krise. Ein Kommentar von Florian Güßgen

Margot Käßmann, EKD-Ratsvorsitzende, Rücktritt, Alkoholfahrt, Affäre, Alkohol, Bischöfin, Evangelische Kirche

Margot Käßmann erklärt ihren Rücktritt als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin© DPA/Jochen Lübke

Nein, Margot Käßmann hat nie behauptet, das Leben sei einfach. Die Scheidung. Das Krebsleiden. Ihr offener Umgang mit all dem. Dazu ihre enthusiastische, bisweilen stürmische Art. Das hat sie sympathisch gemacht, authentisch, glaubwürdig. Käßmann hat die Widersprüche des Lebens personifiziert. Deswegen war sie eine so grandiose Wahl für das Amt der Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Was für eine Frau! Und deshalb ist es so schmerzlich, dass sie nun geht - nach nur etwas mehr als vier Monaten im Amt der EKD-Chefin, nach mehr als zehn Jahren als Landesbischöfin in Hannover, nach dieser unseligen Alkoholfahrt. Wie schmerzlich der Abgang ist, zeigte sich schon bei ihrer Rücktritts-Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. Die Autorität des Amtes sei beschädigt, sagte sie ohne Umschweife, ebenso ihre persönliche Glaubwürdigkeit. Sie hätte bei einem Verbleiben im Amt nicht mehr die nötige Freiheit gehabt, sich zu ethischen Fragen zu äußern, sagte sie. Und: "Bleibe bei dem, was dein Herz Dir rät." Ihr Herz hat ihr geraten, die Ämter aufzugeben. Das war sie wieder, diese Authentizität, die Käßmann so besonders macht.

Es drohte ein immerwährender Spießrutenlauf

Musste sie zurücktreten? Viele, die Käßmann seit Dienstagmorgen mit viel Sympathie verteidigt hatten, hatten argumentiert, der Fehler mache sie menschlich, mache sie nahbar: Gerade das Eingeständnis von Fehlern, die Reue, die Umkehr, das alles sei tief in der christlichen Lehre verankert. Warum, so der Kern des Arguments, soll nicht gerade eine Sünderin an der Spitze der EKD glaubhaft zeigen können, dass Umkehr möglich ist. Um strafrechtliche Kategorien ging es ohnehin nur am Rande.

Am Mittwoch, einen Tag nachdem die Nachricht von ihrer Alkoholfahrt wie eine Bombe eingeschlagen war, sah es zunächst so aus, als könne sich diese Sichtweise durchsetzen. Der EKD-Rat stellte sich in einer Erklärung einmütig hinter Käßmann, bestärkte sie, zumindest auf dem Papier. Und dennoch. Trotz aller Sympathien blieb ein Gefühl des Unbehagens zurück, ein nagender Zweifel: Wie kann es sein, dass sie betrunken in dieses Auto gestiegen ist? Kann sie als EKD-Chefin jemals wieder mit Moral argumentieren, wenn sie selbst ein Beispiel für Fehlbarkeit ist, wenn sie selbst krass verantwortungslos gehandelt hat? Wird sie nicht bei jeder Predigt, bei jeder Veranstaltung, bei jedem Auftritt, bei jedem Streit mit dem Vorwurf konfrontiert werden, dass sie selbst sich nicht an die Maßstäbe halten kann? Wird ihr Verbleib im Amt nicht zu einem immerwährenden Spießrutenlauf einer waidwunden Frau?

Mit ihrem Rücktritt hat Käßmann all den Zweifeln, möglichen wochenlangen Spekulationen und Debatten eindrucksvoll ein Ende bereitet. Kurz. Knackig. Entschlossen. Sie hat sich für die saubere, die eindeutige Lösung entschieden. Der Schritt ist dabei so schmerzhaft wie richtig, denn nur so kann sie sich ihre persönliche Integrität und Souveränität bewahren und das wichtige Amt schützen - und sich und ihrer Kirche wochenlange Spekulationen ersparen. Käßmann bleibt sich treu: Statt die Gejagte zu sein, nimmt sie das Heft des Handelns wieder in die Hand.

Verzagen muss Käßmann nicht. So traurig ihr Rückzug auch ist: In ihrer kurzen Amtszeit hat sie einiges geschafft. In der Afghanistan-Debatte im Januar hat sie eine streitbare, kritische Kirche verkörpert, eine Kirche, die sich einmischt. Das war gut, und das war nötig. Die Kritik, die sie vielfach angebracht hat, wird nicht dadurch diskreditiert, dass sie nun wegen jener Alkoholfahrt zurückgetreten ist. Käßmanns Abgang adelt ihre Kritiker nicht. Der evangelischen Kirche stehen dennoch unruhige Zeiten bevor. Ein Nachfolger für das Amt des EKD-Vorsitzenden, der es an Profil und Charisma mit Käßmann aufnehmen kann, ist weit und breit nicht in Sicht. Und auch die Konservativen, die sich am liberalen Kurs Käßmanns ohnehin gestört haben, dürften nun eine stärkere Mitsprache einfordern.

Käßmann wird, wenn sie sich treu bleibt, auch künftig nicht schweigen. Auch als einfache Pastorin wird sie sich weiter zu allen Fragen äußern, die die Grauzonen des Lebens berühren. Diese Freiheit hat sie sich heute bewahrt.

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Ein Kommentar von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 79)
 
dreicon (26.02.2010, 15:50 Uhr)
an stern.admin
Satire ist nur dann gut, wenn ihr sie als solche empfindet? Geistige Kleinkrämer!
snoopy3 (25.02.2010, 19:50 Uhr)
@: zu:schade77
Im Gegensatz zu Ihnen, finde ich Frau Käßmann immer noch sympathisch und achte sie nochmehr aufgrund ihres fast beispiellos mutigen Entschlusses.
Und was Ihre typisch deutsch-scheinheiligen Sorgen um die finanzielle Sicherheit angeht, kann ich mir vorstellen, daß die Familie der Frau sie nicht verhungern läßt - andernfalls verpflichten sich meine Frau und ich, den Töchtern mit unseren Renten, Hilfe zu leisten.
Und außerdem ist es noch nicht sicher, daß Frau Käßmann ein Pastorat A-14 erhält.
Unser Pastor erhielt übrigens A-13 und hatte die Pflegschaft für 10 Kinder in Indien - pro damals DM 100,-- - also 1000 DM pro Monat übernommen.
Bei eigenen vier Kindern ist seine Frau arbeiten gegangen. Schließlich mußte neben der Miete für die Pastorats-Wohnung genauso wie für normale Leute auch Heizung u. andere Nebenkosten beglichen werden.
Frau Käßmann wird wohl kaum verhungern - aber mich befremden Ihre Neid-Anspielungen.
Perof (25.02.2010, 18:49 Uhr)
Respekt Frau Käßmann
Ein grobes Fehlverhalten.
Ein folgerichtiger Rücktritt.
Ein schwerer Verlust.
Frau Käßmann beweist mit ihrem Rücktritt ihren aufrichtigen Charakter. Für mich bleibt sie so weiterhin eine Persönlichkeit von hoher Glaubwürdigkeit und eine starke, tolle Frau.
Ich wünschte, wir hätten in Deutschland noch Politiker mit verantwortungsbewußten, aufrichtigen Charakteren.

rwenzel (25.02.2010, 18:48 Uhr)
Ehrenvoll
An dieser Frau sollten sich unsere Politiker ein Beispiel nehmen. Ich finde es sehr, sehr schade das sie ihr Amt abgibt. Im vergleich mit dem was in der Katholischen Kirche derzeit passiert, ist das was sie getan hat nur Pinatz. Wer jetzt anfängt von Moral zu reden, der werfe den ersten Stein! Nur sollten die jenigen aufpassen das sie den nicht an den eigenen Kopf kriegen.
testsieger2006 (25.02.2010, 08:46 Uhr)
zu starken Worten...
..passt auch ein starker Rücktritt. FOLGERICHTIG, LOGISCH etc. sind die passenden Begriffe. Hochachtung, Respekt geben dem ganzen Vorgang einen doch zu heroischen Anstrich.
.
Die Sache dann mit homosexuellen Übergriffen in der kath. Kirche zu vergleichen ist schlichtweg dümmlich. Abgesehen davon, dass Gruppen wie Pfadfinder, kath. Geistliche etc.eine magische Anziehung auf verkappte, getarnte Schwule ausüben, sind es in Vergewaltigungsprozessen vor allem Dinge die Opfer, die es zu schützen gilt.
.
Egal: Polanski, Michael Jackson, Käßmann dürfen mal aus der Rolle fallen und beweisen dadurch nur ihre Menschlichkeit.....
.
Die Leute, die jetzt Sympathie für Käsmann empfinden hätten doch bei genau demselben Vergehen für Roland Koch die Todesstrafe gefordert.
Marylin (25.02.2010, 08:31 Uhr)
Respekt!
Diese Frau hat meinen vollen Respekt!

Wenn doch nur auch einige von den Katholischen Pinguinen so ein tiefgreifendes Feingefühl für Moral und Ethik hätten!
freierchrist (25.02.2010, 08:24 Uhr)
Weder Papst, noch Päpstin
Wahre Christen brauchen weder einen Papst mit einem gepanzerten Mercedes, noch eine evangelische Päpstin mit einem VW-Phaeton.

Denn wahre Christen wissen......

"...denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen,
nämlich der Mensch Christus Jesus."
1. Tim. 2,5

Ergo - Kirchenaustritt:

"Geht hinaus aus ihr,
mein Volk,
dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen!
Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel und Gott denkt an ihren Frevel."
(Offenbarung 18, 4-5)
mike24121953 (25.02.2010, 08:20 Uhr)
Respekt!
Tolle Frau , bärenstarker Charakter , eine Rarität des öffentlichen Lebens, ein Vorbild, zu dem man Aufschauen kann, allerhöchsten Respekt!

Hoffentlich lesen unsere Volksvertreter heute Zeitung!!!
jo--jo (25.02.2010, 08:17 Uhr)
Sie ist ein Mensch wie Du und ich
Mal ehrlich, was sind denn "Eins Komma so und soviel" Promille im Blut. Blöd... dass sie damit Auto gefahren ist.
Aber meine Erkenntnis aus dieser so genannten "Affäre"... sie ist ein Mensch wie Du und ich.

Schade, dass sie geht!!!
schade77 (25.02.2010, 08:02 Uhr)
Bedauerlich aber richtig...
ich fand die Bischöfin sehr sympathisch und habe ihr auch gern zugehört, wenn sie über weltliche Dinge gesprochen hat, über das bigotte religiöse Gewäsch jedweder Couleur höre ich immer gerne hinweg.

Aber trotz aller schrillen "Wasser predigen, Wein saufen" und "wer ohne Sünde is" blablabla-Schreier hier im Forum und überall ist dies nun mal ein besonderes Amt, was eben Ede Schmidt aus Köln-Süd nicht hat, wenn auch er sich betrunken in sein Auto setzt. Und auch ich war als Teenager auch schon mal leichtsinnig und dachte, ich schaff die paar Meter noch. Daher können wir uns auch nicht alle mit ihr vergleichen. Sie hat eines der am meisten mit Moral in Verbindung gebrachtes Amt und nach sowas hat sie schon recht. Sie hätte in Zukunft keinen Druck mehr hinter ihren Aussagen, vor allem wenn es in diesen um Moral und Anstand geht.

Aber ich denke, neben dem Verlust der Macht wird sie es als einfache Pastorin in der A14 höherer Dienst auch überleben und nicht am Hungertuch nagen...
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