. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. Oktober 2010, 06:30 Uhr

Fahrt auf schwäbischem Filz

Wo wird im Ländle Politik gemacht? Im Landtag? Wichtiger ist das "Weinberghäuschen". Die Treffen dort erklären, warum süddeutsche Medien so lange so freundlich über Stuttgart 21 berichteten. Von Hans Peter Schütz

Stuttgart 21, Villa Reiztenstein, Josef-Otto Freudenreich, CDU, SPD, Medien, Zeitungen, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Günther Oettinger, Matthias Wissmann, Rüdiger Gruber, Südwest Presse, Schwarzwälder Bote, Peter Stihl, Heinz Dürr, Martin Herrenknecht, Lothar Späth, Südwestdeutsche Medien Holding, Süddeutsche Zeitung, Landesbank Baden-Württemberg, Darlehen, Stefan Mappus, Wolfgang Schuster, Dieter Hundt, Claus Schmiedel, Berichterstattung, Uwe Vorkötter

"Stuttgarter Zeitung 21": Kritische Berichterstattung gibt es in dem Blatt kaum© Uwe Anspach/DPA

Das "Weinberghäuschen" liegt malerisch in einem Rebenhang in leichter Höhenlage über dem Stuttgarter Talkessel. Es gehört der regionalen Industrie- und Handelskammer (IHK). Wer dort sitzt, dem liegt ein markantes, steinernes Ensemble zu Füßen: der Stuttgarter Hauptbahnhof. Und wer dort sitzt, so sagt einer, der diese Beletagen von Wirtschaft und Politik aus eigenem Erleben intim kennt, "der bestimmt, wo es im Ländle längs geht".

Im "Weinberghäuschen", da sitzt in der Tat die Macht, seit Jahrzehnten, sagen Kenner. Entschieden werde weniger in der Villa Reitzenstein, wo der jeweilige Ministerpräsident amtiert. Schon gar nicht im Landtag, wo die Volksvertreter glaubten, sie hätten das Sagen in Baden-Württemberg. Im "Weinberghäuschen" säßen jene, die es geschafft hätten, dass das Bahnprojekt Stuttgart 21 "zu einer Metapher für eine kaltschnäuzige Cliquenwirtschaft geworden ist".

Das schreibt Josef-Otto Freudenreich, Herausgeber und einer der Autoren des Buches "Die Taschenspieler - verraten und verkauft in Deutschland". Es ist bereits das zweite Buch, das Deutsch-Südwest vom Sockel des "Musterländles" holt. Die erste Skandal-Chronik trug den Titel, der auch auf die aktuelle gepasst hätte: "Wir können alles. Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle." Freudenreich ist einer der renommiertesten Autoren der Republik. Schreiben über die Taschenspieler mochte er freilich erst, als er nicht mehr als Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung", dem führenden Blatt des Landes, war. Doch davon später.

Auch die Medien waren mit im Boot

Mitte der neunziger Jahre, in Baden-Württemberg regierte eine Große Koalition, wurde deren politische Führung ins "Weinberghäuschen" gebeten. Dort trafen die Chefs von CDU und SPD auf einflussreiche Wirtschaftsbosse, Banker und Politiker, auch der amtierende Ministerpräsident Erwin Teufel war präsent. Und ebenso die Chefredakteure der wichtigsten Landeszeitungen. Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Südwest Presse, Schwarzwälder Bote. Beim Abschied waren sich Wirtschaft, CDU, SPD und Medien einig: Wir stehen hinter Stuttgart 21. Man kennt die Herren, die das Projekt vorantrieben, sehr gut in Baden-Württemberg. Entweder weil sie dort schon als Ministerpräsidenten amtierten wie Lothar Späth, Erwin Teufel und Günther Oettinger. Weil sie im Bund präsent waren wie der damalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann. Oder weil sie an einflussreichen Positionen Geschäfte machen oder machten. Bahnchef Rüdiger Grube war früher beim Daimler-Konzern für globale Strategiefragen zuständig, die zur Projektion einer Welt-AG führten und damit zum Chrysler-Desaster. Amtsvorgänger Hartmut Mehdorn brachte die Heidelberger Druckmaschinen AG als Vorstandchef an die Börse und verdoppelte ihre Gewinne.

Der beste Tunnelbauer der Welt kommt aus Schwaben

Oder man nehme einen Heinz Dürr, der Stuttgart 21 als Erster nachhaltig betrieb. Wer wie er Chefsanierer des AEG-Konzerns war, danach ebenfalls Bahnchef, der hat Einfluss und sein Wort Gewicht. Erst recht ein Mann wie Rudi Häussler, vom Land Baden-Württemberg mit allen verfügbaren Orden bedacht, Chef einer Baugruppe, die rund um den Globus schlüsselfertige Großprojekte hochgezogen hat, allein in Stuttgart 17 Stück. Dass jetzt die ersten Bäume am Bahnhof mit Stihl-Sägen gefällt wurden, hat geradezu symbolische Bedeutung. Denn Hans-Peter Stihl ist weltweit größter Hersteller von Motorsägen, machte Milliarden mit seinen Produkten, die gerne als "leise Krachmacher" gelobt werden, was auch eine schöne Metapher ist für Stihls Wirken in den politischen wie wirtschaftlichen Kulissen.

Und geradezu symbolisch für den Geschäftssinn dieser engen Freunde der regierenden CDU steht der Name Martin Herrenknecht. Der Schwarzwälder ist mit Abstand der beste Tunnelbauer der Welt, er bohrte den Elbtunnel ebenso wie den Gotthard-Tunnel. Natürlich ist er CDU-Mitglied. Und an der Spitze des Aufsichtsrats des Tunnel-Weltmarktführers amtiert Lothar Späth. Stuttgart 21 steht bei Herrenknecht für enorme Gewinnaussichten.

All diese Herren saßen oft dabei, wenn die IHK der Region Stuttgart ins "Weinberghäuschen" einlud. Ihr Präsident Herbert Müller will jetzt auch 900 Unternehmer aus dem Land zur Verteidigung des Bahnprojekts mobilisieren in die Stuttgarter Liederhalle einladen. Müller: "Die Region steht geschlossen hinter Stuttgart 21."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was ein ehemaliger Chefredakteur zur einseitigen Berichterstattung sagt.

Seite 1: Fahrt auf schwäbischem Filz
Seite 2: Landesbank sprang mit Schuldscheindarlehen ein
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Mögliche Ausstiegskosten für Stuttgart 21 3.000.000.000 Euro oder nix?

Ministerpräsident Mappus hat Heiner Geißler als Vermittler vorgeschlagen - und zeigt sich zum ersten Mal kompromissbereit. Doch was kostet es eigentlich, wenn Stuttgart 21 nicht kommt? mehr...

Stuttgart 21 Geißler soll es schlichten

Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus kommt dem Vorschlag der Grünen nach und präsentiert Heiner Geißler als Vermittler im Konflikt um Stuttgart 21. mehr...

Die Historie eines Riesen-Projektes S 21 - der lange Weg zum Bahnhof

Vor 16 Jahren ging alles los - und erst jetzt, wo es wohl zu spät ist, hat sich der Protest gegen Stuttgart 21 breit formiert. Wie das Projekt alle Hürden überwand und immer teurer wurde. mehr...

Stuttgart 21 und die Dagegen-Republik Angela Merkel gegen ihr (Wahl-)Volk

Alle demonstrieren gegen Stuttgart 21: Anzugträger, Rentner, normale Bürger. Oft klassische CDU-Wähler. Merkel und Mappus vergrätzen sie zusehends - und setzen ihre Macht aufs Spiel. mehr...

Geheime Akten Stuttgart 21 - nichts als Chaos

Desaster Stuttgart 21: Geheime Akten, die dem stern vorliegen, zeigen, dass das umstrittene Riesenprojekt der Bahn außer Kontrolle ist. Sogar die Cousine der Kanzerlin protestiert - und will sich notfalls an Bäume ketten. mehr...

Bahnprojekt Stuttgart 21 Der Mann mit den blutigen Augen

Er erschütterte die Republik: Dietrich Wagner, der Mann mit den blutigen Augen aus dem Stuttgarter Schlossgarten. Auch Tage nach dem harten Einsatz der Polizei gegen Wagner und seine Anti-S21-Mitstreiter ist er noch erblindet. mehr...

Oberbürgermeister kritisiert Demonstranten S-21-Gegner "schüren Ängste"

Während Oberbürgermeister Schuster die Panikmache der Gegner von Stuttgart 21 kritisiert, nennt Justizminister Goll die Demonstranten "wohlstandsverwöhnt". mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe