Eine Kette von 100.000 Menschen gegen Atomkraft: Bei der Anti-Akw-Aktion in Norddeutschland hatten auch die SPD und die Grünen große Auftritte. Vielen Demonstranten gefiel das gar nicht. Von Sönke Wiese

"Sucht das, was uns verbindet": SPD-Chef Sigmar Gabriel (M.) mit seinem Landeskollegen aus Schleswig-Holstein, Ralf Stegner (r.), und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin© Wolfgang Runge/DPA
Um 14.27 Uhr, 4,4 Kilometer westlich von Elmshorn kommt es endlich mal wieder zu einer glücklichen rot-grünen Koalition. Für 46 Minuten stehen SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin und Renate Künast an diesem Samstag Seit‘ an Seit‘ auf der Bundesstraße 431. Die Sonne brennt auf den Asphalt. "Sollen wir Triko-Tausch machen?" witzelt Gabriel. Er ist bester Laune.
Hier auf dem platten Land bildet die politische Prominenz ein paar Meter der insgesamt 120 Kilometer langen Menschenkette vom Atomkraftwerk Brünsbrüttel quer durch Hamburg bis zum Meiler in Krümmel. Es ist ein imposanter Massenprotest gegen die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung, die Akw-Laufzeiten zu verlängern: Knapp 100.000 Teilnehmer säumen nach Polizeiangaben die Strecke, doppelt so viele wie von den Organisatoren erhofft. "Ein Riesenerfolg", sagt Sigmar Gabriel. Und Jürgen Trittin jubelt: "Das ist die größte Anti-Atomkraft-Demonstration seit 20 Jahren."
Dutzende Kameras und Mikrofone richten sich auf die Bundespolitiker. Der Presserummel ist hier gewaltig - genau das hatten die Organisatoren befürchtet.
Den Protest am 24. Jahrestag des Tschnernobyl-Unglücks hatte ein buntes Bündnis von Atomkraftgegnern seit Monaten geplant. Doch bald bekamen die Organisatoren Zweifel, ob sie genügend Leute mobilisieren könnten. Große Lücken in der Kette, ein peinliches PR-Desaster, wollten sie nicht riskieren. Und so fragten sie schweren Herzens auch SPD und Grüne um Unterstützung an. Die Parteien, seit ihrer Regierungszeit und dem Atomkonsens bei der Anti-Akw-Bewegung unten durch, ließen sich die Chance zur Rehabilitierung nicht entgehen.
Vor allem für Sigmar Gabriel passte die Aktion perfekt zu seiner Strategie. Wieder mehr auf die Basis hören, zurück auf die Straße: Das ist das Motto seiner Parteiführung. Er plädiert für bundesweite Plebiszite: "Ich habe keine Angst vor dem Volk." Besonders beim Thema Atomkraft läuft er regelmäßig zur Höchstform auf. Der Ex-Umweltbundesminister weiß: Kaum eine Debatte emotionalisiert die Deutschen mehr. Im ansonsten drögen Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr zeigte die SPD einzig hier statt Kuschelkurs klare Kante - dank Gabriel. Ob das Skandal-Atomlager Asse, der Pannenmeiler Krümmel oder dubiose Gorleben-Gutachten: Ohne Unterlass bolzte er gegen die Union. Die Wahl ging zwar für die SPD verloren - aber Gabriel hatte mit seinen Attacken immerhin den Parteivorsitz gewonnen.
Das Herz der Atomkraftgegner allerdings konnte er nicht erobern. Das nun erneuerte Bündnis mit SPD und Grünen bereitet der Bewegung reichlich Bauchschmerzen. Die Fundamentalisten kreiden Rot-Grün an, mit dem Atomgesetz von 2002 nicht den sofortigen Ausstieg durchgesetzt zu haben, sondern einen faulen Kompromiss eingegangen zu sein. Wenn man für die spektakuläre Menschenkette am Samstag schon nicht auf die etablierten Parteien verzichten konnte, so sollte den Spitzenpolitikern wenigstens die große Bühne in Hamburg verwehrt bleiben. Gabriel und Trittin wurden von den Koordinatoren der Aktion in die norddeutsche Einöde verbannt, um den Antiatominitiativen nicht die Show zu stehlen. "Wir wollen uns nicht für Wahlwerbung nutzen lassen, nur um nach dem nächsten Wahlsieg wieder enttäuscht zu werden", sagte Jochen Stay von der Initiative "Ausgestrahlt" dem "Spiegel".
Parteistrategen verstehen sich jedoch nicht nur auf die Mobilisierung ihrer Mitglieder, sondern auch darauf, ihre Gallionsfiguren unter erschwerten Umständen gut in Szene zu setzen. Die SPD charterte in Berlin Busse, voll mit eigenen Umweltaktivisten, Künstlern, Schauspielern und Journalisten. Sigmar Gabriel hat sich in eine beigefarbene Cargohose geworfen und eine Wetterjacke übergestreift; bei der Mission in der norddeutschen Marsch rechnet er mit Gegenwind, auch wenn er Jochen Stays Äußerungen als "Einzelmeinung" abtut.
Während der fünfstündigen Fahrt von Berlin nach Elmshorn bei Hamburg gibt sich der SPD-Chef vor der Presse nachdenklich. Er spricht leise, sinniert über Umfrageergebnisse. Aus Nordrhein-Westfalen kommen zwei Wochen vor der Landtagswahl erfreuliche Zahlen. Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft ist erstaunlich stark, nach derzeitigem Stand wird Jürgen Rüttgers (CDU) nicht seine schwarz-gelbe Regierung fortsetzen können. Andererseits: Bundesweit konnte Gabriel noch keine Trendwende herbeiführen. Seine "neue SPD" verharrt in den Umfragen wie bei der Bundestagswahl bei desaströsen 23 Prozent.
Umso mehr sucht der SPD-Chef den Schulterschluss mit der starken Anti-Atomkraft-Bewegung. Kritik an der bisherigen Atompolitik seiner Partei sei berechtigt, sagt er, aber nun böte sich die Chance, Differenzen langfristig zu überbrücken. Die Mehrheit der Bevölkerung, das zeigen Umfragen regelmäßig, ist gegen die Kernenergie. Hier braucht er wirklich keine Angst vor dem Volk haben.