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27. April 2009, 15:17 Uhr

Schulfach Religion auf der Kippe

Bei einem Volksentscheid haben die Berliner gegen Religion als Wahlpflichtfach gestimmt. Die Kampagne der Initiative "Pro Reli" könnte sich nun als Bumerang erweisen. Verbände fordern, auch in anderen Bundesländern Religion durch Ethik zu ersetzen. Was ist Ihre Meinung? Von Sönke Wiese

Pro Reli, Volksentscheid, Berlin, Ethik

Prominente Unterstützung nützte nicht: "Pro Reli" unterlag beim Volksentscheid in Berlin© Markus Schreiber/AP

Am Anfang war es eine vermeintlich belanglose Debatte, es ging um Schulpolitik in einem kleinen Bundesland, um den Status eines Nebenfachs: Eine Bürgerinitiative wollte in Berlin Religion als Wahlpflichtfach einführen, gleichberechtigt neben dem Fach Ethik. Dann gewannen die Initiatoren von "Pro Reli" prominente Unterstützung: Günther Jauch, Arne Friedrich und selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel machten sich für das Anliegen stark. Ein Volksentscheid wurde erzwungen, Berlin mit Plakaten zugepflastert, der Ton der Kontrahenten geriet immer schriller. "Es geht um die Freiheit", meinte die Initiative. Die Gefahr "neuer Kreuzzüge" sahen dagegen Politiker der Linken heraufziehen.

In Berlin war ein ideologischer Kulturkampf ausgebrochen, der bald bundesweite Beachtung fand. Die Aufmerksamkeit für das Thema nährte die Hoffnung von "Pro Reli", genügend Befürworter zu mobilisieren. Dafür sprachen auch die letzten Umfragen vor dem Volksentscheid. Doch die Hoffnung zerstob: Lediglich 14,2 Prozent der wahlberechtigten Berliner stimmten mit "Ja".

"Schule ist nicht für Bekenntnisse zuständig"

So könnte sich die Aktion, die die Kirchen stark unterstützt hatten, als Bumerang erweisen. Denn nun drehen humanistische Verbände den Spieß um - und fordern, das Berliner Modell auf andere Bundesländer zu übertragen. "Bei dem Volksentscheid hat sich die Vernunft durchgesetzt", sagt Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung zu stern.de. "Die Berliner haben sich für ein zeitgemäßes Modell entschieden."

Er sagt, die Debatte müsse nun fortgesetzt werden. "Die deutsche Gesellschaft wird immer pluraler. Woher nehmen die Kirchen noch den Anspruch festzusetzen, was in der Schule gelehrt wird?" Schmidt-Salomon wünscht sich Ethik-Untericht in ganz Deutschland, in dem katholischen, muslimischen und konfessionslosen Kindern gleichermaßen die Werte der Aufklärung vermittelt werden. "Schule soll Erkenntnisse vermitteln - nicht Bekenntnisse." Auch andere Organisationen, wie der Humanistische Verband Deutschlands, appellierte an die anderen Bundesländer, sich nun dem Modell zu öffnen.

Berlin als Vorbild für Nordrhein-Westfalen?

Tatsächlich ist in den meisten Bundesländern - konträr zum Berliner Modell - Religion ein Pflichtfach, alternative Angebote sind freiwillig. Erst in höheren Klassen gibt es oft die Wahlfreiheit. Lediglich in Bremen und Brandenburg hat Religion nicht den Status eines ordentlichen Fachs. 2006 entschied der Berliner Senat, das neue Modell für die 7. bis 10. Klassen einzuführen: Ethik als Pflichtfach für alle, Religion als freiwilliges Zusatzfach. Die Kirchen beklagten, dass wegen der ohnehin hohen Stundenbelastung nur wenige Schüler das Angebot annähmen.

Trotz der Niederlage beim Volksentscheid werteten "Pro Reli"-Unterstützer die Kampagne als Erfolg: Nie zuvor seien Glaube und Religion so präsent in den Debatten auf der Straßen von Berlin gewesen, meinte Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung bewertet die Diskussion positiv, er hofft auf eine Signalwirkung: "Berlin hat gezeigt, wie säkular Deutschland ist." Etwa in den urbanen Ballungsräumen in Nordrhein-Westfalen sei die Bevölkerung ähnlich wie in der Hauptstadt eingestellt. Daraus sollte die Politik Konsequenzen ziehen.

Abstimmung

Sollten andere Bundesländer das Berliner Modell übernehmen?

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Von Sönke Wiese
 
 
KOMMENTARE (10 von 109)
 
stwberlin (28.04.2009, 20:23 Uhr)
manesse
Ich wohne derzeit in Bayern, und auch hier haben wir die Wahl. Meine Kinder besuchen derzeit Ethik. Die Lehrer haben kein Problem damit, Ihre Klassen "vollzubekommen". Darum sollte es auch nicht gehen. Bildung ist kein "Wahlkampf". Die von Ihnen beschriebene Konkurrenzsituation sollte es in einer Schule gar nicht geben. Ethik muss aus meiner Sicht ein Pflichtfach sein und bleiben. Das muss leider schon unter dem traurigen Aspekt so vorgegeben werden, dass einige Eltern gar nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern ein angemessenes Wertesystem (unabhängig jeglicher Religion) zu vermitteln.
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Religion kann nicht anhand wissenschaftlicher Standards vermittelt werden, da sie stets bekenntnisgebunden ist. Somit stellt bereits die Theologie keine Wissenschaft dar, kann also auch gar nicht in fundierten Bildungsinhalten abgebildet werden.
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Es ist nicht davon auszugehen, dass Muslime, die ausschliesslich in ihrer eigenen Religion unterrichtet werden, sich besser integrieren lassen, als Menschen, denen ein Allgemeinwissen in Ethik vermittelt wird.
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Das Integrationsproblem Deutschlands ist ein ethisches Problem. Wenn bereits Kindern vermittelt wird, dass Nichtchristen minderwetig sind, fällt es ihnen als Erwachsener auch schwerer, andere Religionen zu akzeptieren. Berlin hat sich also mit dieser Entscheidung neue Chancen für die Integration eröffnet.
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Darin, dass da (gerade in Berlin) noch viel zu tun ist, stimme ich Ihnen vollkommen zu. Dass der Ethikunterricht - ein relativ junges Fach - ausgereifter sein müsste, darin sind wir uns scheinbar auch einig.
manesse (28.04.2009, 17:25 Uhr)
@stwberlin
Es geht, verehrter stwberlin, darum, ob in Berlin wie in den meisten anderen Bundesländern Religion ein Konkurrenzfach zu Ethik ist, so dass die Schüler entweder den Religionsunterricht oder aber den Ethikunterricht besuchen. Was für dieses Modell spricht, sind die guten Erfahrungen die man außerhalb Berlins mit diesem Modell gemacht hat. Denn sowohl die Religions-, als auch die Ethiklehrer müssen sich anstrengen, ihre Klassen vollzubekommen. Ein weiteres Argument für diese Konkurrenzssituation ist folgendes: In Berlin stellt der Staat bislang lediglich die Räume für freiwilligen Religionsunterricht zur Verfügung. Was in diesen Räumen aber gelehrt wird, wird nicht kontrolliert. Das ist in den anderen Bundesländern anders: Dort wird Religion nur nach wissenschaftlichen Standards erteilt und gemäß den Vorgaben des Grundgesetzes. Diese Chance hat sich Berlin nun genommen. Vor allem ist das bedauerlich, weil nun nicht mehr die Möglichkeit besteht, den Islamunterricht an die Schulen zu ziehen, damit die islamischen Religionslehrer gemäß wissenschaftlicher Vorgaben und gemäß dem Grundgesetz diese Religion unterrichten. Berlin hat damit eine Chance, die Integration von Muslimen zu gestalten, vertan. Dass der Ethikunterricht dieses nicht leisten kann, zeigen die ethnischen Probleme, die in Berlin eklatant sind.
stwberlin (28.04.2009, 16:54 Uhr)
Hier wird zuweit ausgeholt
Es geht nicht um "Christenhasser", manesse. Ich habe bisher überwiegend positive Erfahrungen mit wirklich gläubigen Christen gemacht.
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Es geht auch nicht um Verblödung, rinaldi. Wer sich der Institution der Kirche (egal welcher) nicht aussetzen will, kann das ja zum Glück in Deutschland auch sein lassen. Wer dies aber wünscht, hat ein Recht darauf, das unbehindert und ohne Diskriminierung zu tun.
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Es geht , wie bereits von mehreren Kommentatoren festgestellt wurde, nur darum, ob Religion an ÖFFENTLICHEN Schulen ZWANGSWEISE unterrichtet werden soll.
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Bisher wurde dafür kein brauchbares Argument aufgeführt.
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Daraus folgt auch, dass der veraltete Artikel hierzu aus der Grundgesetz zu entfernen ist.
rinaldi (28.04.2009, 16:26 Uhr)
Des Kaisers neue Kleider
Um sich einen verlässlichen Eindruck von einem Religionsfunktionär zu machen, gilt:
Hören Sie nicht auf das, was er sagt, sondern hören Sie auf den Klang seiner Stimme.
Nehmen Sie keinesfalls ernst, was er sagt, sondern nur, was er tut.
Nehmen Sie nicht bewusste, geplante Gesten ernst, sondern unscheinbare, ungewollte Äußerungen.
Beurteilen Sie jemanden nicht danach, was er anzustreben vorgibt, sondern danach, was er erreicht hat.
Wenn Sie sich in diesen Fähigkeiten üben, werden Sie feststellen, dass nahezu jeder Religionsfunktionär (wie auch viele Politiker, Werbeleute, "Künstler" usw.) genau so nackt sind wie der Kaiser in Andersens Märchen.
Nur wenn Sie sich verblöden lassen, "sehen" Sie dessen prächtige Kleider.
Und genau auf diese Verblödung verstehen sich die Kirchen meisterhaft.
auwei (28.04.2009, 15:39 Uhr)
@rinaldi
Derartige Aussagen kenne ich zuhauf - muss was dran sein. Ich persönlich kenne nur die evang. Kirche (die mir auch keineswegs unsympathisch ist, ich glaube nur einfach nicht daran). Das schlimmste an den Katholen ist m.E. ihre Arroganz und "Unfehlbarkeit", gepaart mit übersteigertem Machtbewusstsein und einem mehr als schiefen Menschenbild.
auwei (28.04.2009, 15:25 Uhr)
@manesse
In einer freien Gesellschaft sollte so viel wie möglich erlaubt und möglich sein - auch, dass Chriszen den Diskurs mitbestimmen möchten. Als Atheist kann ich die Ohren ja auf Durchzu stellen oder meinen eigenen Diskursansatz starten. Es geht nur um eines: Alles, was nach "staatlich" oder "öffentlich" klingt, hat weitestmöglichen Abstand zu Religion zu halten (dafür muss man unsere christlich-westliche Tradition nicht leugnen). Wer Ethik als Basis unseres Zusammenlebens und eine große, mächtige Sekte nicht auseinanderhalten kann, hat das Prinzip einer säkularen Gesellschaft nicht verstanden. Was ein Ethikunterricht leisten kann/ soll - vor allem aus Sicht eines Christen - das lassen wir mal dahingestellt. Christen sind genauso eine Lobbygruppe wie andere auch - keine Privilegien bitte...
rinaldi (28.04.2009, 15:00 Uhr)
"Christenhasser"
Ich weiß ganz genau, was ich sage - und zwar aus persönlicher 22jähriger Erfahrung mit dem Katholizismus.
Nach meinem Erleben (!) ist das Christentum eine menschenfeindliche Religion mit einem primitiven Menschenbild. Es predigt grenzenlose Überheblichkeit und Hass auf Andersgläubige und was das Schlimmste ist: es raubt seinen Opfern ihre Mitte, ihr Selbstbewusstsein, ihre gesunde Eigenliebe und macht sie dadurch unfähig, andere zu lieben.
manesse (28.04.2009, 14:54 Uhr)
@auwei
Und jeder Christ hat genauso das Recht, den öffentlichen Diskurs mitzubestimmen wie jeder andere auch. Und es ist in einer freien Gesellschaft durchaus legitim, die Einflussnahme atheistischer Kreise auf den öffentlichen Diskurs zu relativieren. Zumal im konkreten Fall ganz offensichtlich ist, dass der Ethikunterricht, wie er zur Zeit in Berlin abläuft, überhaupt nicht in der Lage ist, die an ihn gestellten Aufgaben zufriedenstellend zu bewältigen.
auwei (28.04.2009, 14:20 Uhr)
Man muss das...
...Christentum nicht hassen, um nicht daran interessiert zu sein und seinen Einfluss möglichst gering halten zu wollen. Das sollten sich ein paar der Frömmler hier bitte einmal hinter die Ohren schreiben.
kommentatorin (28.04.2009, 13:55 Uhr)
@manesse
Ist das Buch, das Sie empfehlen nicht von derselben Person die vor kurzem behauptete, dass Kondome das AIDS-Problem verschlimmern?
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,613964,00.html
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