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29. November 2011, 11:41 Uhr

Inszenierung eines Chaoten

Das Buch von Karl-Theodor zu Guttenberg ist vor allem eins: dreist. "KT" erweist sich als narzisstische Persönlichkeit, frei von Scham- und Schuldgefühl. Eine Psychoanalyse unseres Gastautors Hans-Jürgen Wirth

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Brille und Gel sind weg, die Selbstsicherheit ist geblieben© David Ebener/DPA

Uns liegt das Dokument einer an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Selbstinszenierung vor. Was bei besonders durchsetzungsfähigen Persönlichkeiten als Chuzpe imponiert, kommt hier als schier unglaubliche Unverschämtheit und Unverfrorenheit daher. Guttenberg erweist sich als eine narzisstische Persönlichkeit, die von ihrer eigenen Großartigkeit und Einzigartigkeit so sehr überzeugt ist, dass sie sich von so "lästigen" Hemmungen wie Scham- und Schuldgefühlen befreit hat.

Hochmut kommt nach dem Fall

Irgendwie kann man ihn ja fast bewundern, den ehemaligen Verteidigungsminister Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg. Mit welcher Frechheit er sich nur neun Monate nach seiner blamablen Demontage, vor Selbstbewusstsein strotzend und voll von Plänen für seine politische Zukunft, Fragen des Interviewers stellt. In scheinbarer Offenheit spricht der Autor sein eigenes Scheitern an, relativiert dieses aber sofort durch den Zusatz der Vorläufigkeit. In der Hauptsache kündigt er an, dass mit ihm noch zu rechnen sei. Fast scheint es, als wolle Guttenberg die alte Lebensweisheit "Hochmut kommt vor dem Fall", die sein politisches und persönliches Schicksal so treffend charakterisiert, widerlegen und stattdessen beweisen, dass auf einen tiefen Fall auch eine phänomenale Wiederauferstehung folgen kann. Guttenberg präsentiert sich als Stehaufmännchen, das sich auch durch die schlimmsten Niederlagen nicht unterkriegen lässt. Diese Eigenschaften bewundern seine Fans an ihm. Seine demonstrativ zur Schau gestellte Selbstgewissheit und seine Siegermentalität ließen ihn zur Projektionsfläche für all diejenigen werden, die von Versagensängsten geplagt werden.

Selbstbeschädigung als Schutzschild

Doch wie hat er seine katastrophale persönliche Niederlage, sein politisches Scheitern psychologisch verarbeitet? Wie ist er mit den Schuld- und Schamgefühlen fertig geworden? "In aller Offenheit" gesteht Guttenberg zwar die Ungeheuerlichkeit seines "Fehlers" ein, lässt aber den Schaden, den er damit für andere – für die bestohlenen Wissenschaftler, für seinen Doktorvater und die Universität, für das Amt des Ministers, für seine eigene Partei, für das Ansehen der Regierung und der Politik im allgemeinen – verursacht hat, völlig außer Acht. Er bedauert nur die Nachteile, die er sich mit der "größten Dummheit" seines Lebens selbst zugefügt hat. Diese Gewichtung drückt aus, dass er eigentlich nur die Folgen seines fehlerhaften Verhaltens für sich selbst bedauert, nicht aber die Tat selbst. Von Reue ist ohnehin nicht die Rede. Seine Gedanken kreisen vor allem darum, was er alles selbst erleiden musste.

Zugleich trägt er die Selbstschädigung wie einen Schutzschild vor sich her. Er präsentiert sich als Hauptleidtragender, der von ihm selbst verschuldeten Misere. Er will damit Mitleid, Nachsicht und letztlich den Freispruch von dem zentralen Vorwurf der absichtsvollen Fälschung erreichen. Guttenberg verfolgt eine heikle Strategie der offensiven Selbstanklage, um seine persönliche Verantwortung zu vernebeln. Indem er seine eigene Arbeitsweise als "unkoordiniert" und seine Promotion als "Patchworkarbeit" entwertet, entwirft von sich das Bild eines spätpubertären Chaoten, der aufgrund von Überlastungen den Überblick über seine "auf mindestens 80 verschiedenen Datenträger" abgespeicherten Promotion verloren habe. Will er mit dieser Selbstanklage Mitleid oder Sympathie erheischen, weil die Tendenz zur chaotischen Unordnung vielen Menschen gut einfühlbar ist? Jedenfalls inszeniert sich Guttenberg als Opfer seiner eigenen chaotischen Arbeitsweise und seiner durch seine politischen Ämter bedingten (d. h. fremdverschuldeten) Überlastung.

Rechtfertigungen wie ein Schuljunge

Guttenberg greift zu Rechtfertigungen auf Schüler-Niveau, nach dem Motto: Aus der offensichtlichen Tatsache, dass ich mich saudoof angestellt habe und doch klar war, dass ein solches Abschreiben entdeckt werden musste, ist zwangsläufig zu folgern, dass ich es nicht absichtlich getan haben kann. Auch seine Kritiker würden ja sagen: "Wenn der Mann einen Rest an Intelligenz hat, dann hätte er anders getäuscht." Da seine Intelligenz über jeden Zweifel erhaben ist, kann er wohl nicht absichtlich getäuscht haben. Das ist eine Logik, die man selbst Dreizehnjährigen nicht durchgehen lässt.

Natürlich beschädigt er sich mit einer solch unhaltbaren Rechtfertigungsstrategie in anderer Hinsicht: Kann man einem solchen Chaoten vertrauensvoll die Verantwortung für schwerwiegende und folgenreiche politische Entscheidungen übertragen?

Keine Spur von Schuldgefühl

Die offensiv vorgetragenen Selbstanschuldigungen betreffen nur einen Teilaspekt und sollen von seinem eigentlich, seinem moralischen Versagen ablenken. Letztlich fühlt sich Guttenberg nicht schuldig. In dem ganzen langen Interview kommen an keiner einzigen Stelle die Worte Schuldgefühl oder Schamgefühl vor, obwohl doch Schuld und Scham die zentralen Gefühlsreaktionen auf eine solch demütigende Demontage darstellen müssten. Die gebetsmühlenartig wiederholte Selbstbezichtigung, er habe eine "unglaubliche Dummheit" begangen, soll vom eigentlichen Problem ablenken, denn für Dummheit ist man nur begrenzt selbst verantwortlich. Nun kann man Guttenberg alle möglichen Schwächen ankreiden, aber sicherlich nicht mangelnde Intelligenz. Warum aber versteckt sich der hyperintelligente und kognitiv agile Guttenberg hinter dem falschen Etikett Dummheit? Oder enthält die Rede von der Dummheit doch ein Körnchen Wahrheit? Guttenberg ist keinesfalls dumm – aber dummdreist könnte man es schon nennen. Sein Schummeln ist dreist und dumm zugleich. Es ist seine Dreistigkeit, d. h. seine Unverschämtheit, sprich seine Schamlosigkeit, die es ihm erlaubt, so intensiv zu glauben, dass er nicht erwischt werden kann. Er wähnt sich so über den Dingen stehend, dass man ihm nichts anhaben kann. So gelingt es ihm, die Möglichkeit, beim Abschreiben erwischt zu werden, vollständig auszublenden.

Zur Person: Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt/Main. Er ist Autor des Buches "Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik" (Gießen 2011, 4. Auflage, Psychosozial-Verlag)

Seite 1: Inszenierung eines Chaoten
Seite 2: Hauptsache Charisma
 
 
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