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21. Februar 2012, 19:16 Uhr

Röslers Gaucklertruppe

Warum hat die FDP für Gauck die Koalition riskiert? Vier Theorien und ein Ergebnis: Rösler wird von Merkel keinen Kanten trocken Brot mehr bekommen. Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

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Verloren oder verlogen? FPD-Parteichef Philipp Rösler© Patrick Seeger/DPA

Manchmal muss man einfach ein wenig Zeit verstreichen lassen, um die Dinge klarer zu sehen. Zwei Tage ist es nun her, dass Joachim Gauck als Fast-Allparteienkandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgestellt wurde - gegen den Willen ausgerechnet jener Frau, von der man annahm, gegen ihren Widerstand sei kein Kandidat durchzusetzen: gegen den Willen der Kanzlerin. Wie konnte das passieren? Schau'n mer mal:

Theorie eins: Die FDP hat die Kanzlerin erpresst. Klingt gut, auf der ersten Blick auch logisch, ist aber hanebüchen. Schon mal rein begrifflich. Zum Erpressen gehört, dass der Erpresser versucht, sich - wie es auf gut Juristisch heißt - durch Androhung von Gewalt oder eines "empfindlichen Übels" einen Vorteil zu verschaffen. Hat die FDP mit irgendetwas gedroht? Gauck oder wir gehen? Hat sie nicht. Hat sie sich einen Vorteil verschafft? Hätte sie vielleicht gern, wird ihr aber kaum gelingen. Wieso sollte man ihr jetzt für den Präsidenten Gauck danken, den sie 2010 noch zu verhindern half. So blöd sind selbst die Wähler im Saarland nicht. Und wer FDP-Chef Philipp Rösler nach vollbrachter Tat notdürftig Triumph unterdrückend in jedes Mikrophon "keine Parteitaktik" und "verlorenes Vertrauen wieder erarbeiten" tröten hörte, der verstand statt verloren ohnehin immer nur: verlogen. Und das lag nicht an Röslers Aussprache.

Theorie zwei: Der FDP ging es gar nicht um Gauck, sondern um einen eleganten Ausstieg aus der Koalition. Wäre einer Überlegung wert. Es wäre auch für die FDP einer Überlegung wert gewesen. Aber die hat sie offensichtlich nicht angestellt, denn sonst hätte sie ja, siehe oben, Merkel vor die Alternative gestellt: Gauck oder adios muchacha. So agierte sie eher nach dem Valentinschen Motto: Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut! Wer jetzt glaubt, die FDP hätte endlich mal, um Olli Kahn zu zitieren, Cojones bewiesen, der glaubt auch an den Osterhasen. Eier? Eierchen!

Theorie drei: Die Klügere hat nachgegeben. Daran ist zumindest soviel richtig: Merkel hat nachgegeben. Aber erst nachdem ihr Erpressungsversuch - hier stimmt die Begrifflichkeit wirklich - nicht gefruchtet hat: "Dann ist es vorbei." Klug wäre Merkel gewesen, hätte sie gar nicht nachgeben müssen; wenn sie, wie ihr immer unterstellt wird, von Anfang an vom Ende her gedacht hätte. Dann hätte sie am Freitag die Initiative ergriffen und hätte der Opposition Gauck von sich aus als Kandidaten angeboten. Jetzt hat sie beides: Gauck und den maximalen Kollateralschaden.

Theorie vier: Ohne Griechenland, die Eurokrise, die Wahlen in Frankreich und den ganzen anderen Rest hätte Merkel nicht die Klügere gemimt, sondern hätte kaltblütig durchgezogen und ihre Drohung wahrgemacht. Damit kommen wir der Wahrheit schon ziemlich nahe. Aber im letzten Moment hat die Kanzlerin ihren Zorn dann doch noch gezügelt. Ein Wahlkampf in dieser instabilen Lage im wichtigsten Land Europas wäre so schon ziemlich unschön - und aus einem eher läppischen Grund mutwillig herbeigeführt sogar doppelt töricht. Außerdem lässt es sich auch nicht ganz so einfach wahlkämpfen, wenn die Spitzenkandidatin dauernd zu irgendwelchen spontan einberufenen europäischen Krisentreffen mit ungewissem Ausgang muss.

So weit, so klar, so schlecht. Bleibt die Frage: Und nun?

Nun erleben wir ein politisches Paradoxon: eine Koalition, die zu Ende ist und weiter existiert. Union und FDP werden sich durchschleppen bis zum bitteren Ende. Aber sie werden noch weniger gemeinsam regieren als bisher schon. Der Preis, den die FDP für ihre plötzliche Liebe zu Gauck bezahlen wird, ist verdammt hoch. In dieser Regierung unter dieser Kanzlerin wird sie keinen Kanten trocken Brot mehr bekommen. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, heißt es offen in der CDU-Führung. Für die FDP bedeutet das: Von der Union erhält sie im Wahlkampf 2013 keine Überlebenshilfe, ganz im Gegenteil. Da kämpft Merkel dann nur noch auf eigene Rechnung. Und die geht umso besser auf, je weniger die FDP abkriegt. Für die liberale Gauckler-Truppe heißt das: Ihre Zukunft hat am vergangenen Sonntag nicht noch einmal begonnen. Sie haben sie seither endgültig hinter sich.

Und das alles für: Joachim Gauck. Man könnte sich schlapp lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers
 
 
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