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24. Oktober 2009, 21:00 Uhr

Merkels Krokodil in Baden-Württemberg

Es ging hopplahopp - und da war der glücklose baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger auch schon nach Brüssel spediert. Sein Nachfolger soll Stefan Mappus werden, ein Mann, der polarisiert, weil er erzkonservativ ist. Ein Porträt.

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"Gegen den Wind": Stefan Mappus, Favorit für Oettingers Nachfolge© Norbert Försterling/DPA

Was über das Ende von Günther Oettinger zu hören ist, klingt nicht nett. Die Entscheidung, den glücklosen baden-württembergischen Ministerpräsidenten abzulösen und in die EU-Kommission abzuschieben, sei in der Nacht zum Samstag gefallen. Das sei Oettinger "mitgeteilt worden", sagt ein CDU-Mann aus dem Ländle. Insofern ist es glaubwürdig, wenn der Stuttgarter Fraktionschef Stefan Mappus nun sagt: "Die ganze Entwicklung kam für uns sehr, sehr überraschend."

Dass er der Top-Favorit für die Nachfolge ist, überrascht Mappus schon weniger - er dürfte das als angemessen empfinden. In jedem Fall sagte er sofort ins nächste Mikrophon, er traue sich zu, das Amt des Ministerpräsidenten auszuüben. Eine echte Nachricht wäre gewesen, wenn er das Gegenteil behauptet hätte. So aber ist sein Statement nur eine Bestätigung seines flammenden Ehrgeizes - und natürlich ein Signal an mögliche Konkurrenten, dass er sich nicht nehmen lassen wird, worauf er jahrelang hingearbeitet hat.

Vergleich mit Strauß

Mappus, 43, zweifacher Vater, studierter Wirtschaftswissenschaftler und Überflieger der baden-württembergischen CDU, gehört einer beinahe ausgestorbenen Spezies an: Er ist ein rabenschwarzer Konservativer. Als er 2004 Landesumweltminister wurde, teilte er seinen Beamten barsch mit, ihre Briefe genügten in Sachen Rechtschreibung "nicht einmal den hinteren Rängen in der Pisa-Studie." Den Gedanken, mit einem Einwanderer-TV die Integration zu erleichtern, bürstete er rigoros ab. Das erlaube Ausländern nur, es sich ohne Deutsch-Kenntnisse in ihrer Nische bequem zu machen. Mal wütete er gegen den Ausbau der Krippenplätze mit dem Vorwurf, die CDU ergehe sich "in blindem Streben nach Modernität." Mal mobilisierte er die CDU-Fraktion gegen mehr verkaufsoffene Sonntage. Ein SPD-Politiker fasste das Wirken des bulligen Mappus einmal so zusammen: Wäre die Erde ein Scheibe, würde Mappus herunter fallen - so weit rechts stehe er.

In der CDU, besonders der süddeutschen, ist das nicht unbedingt von Nachteil. Im Gegenteil: Unter seinem politischen Ziehvater Erwin Teufel, dem Vorgänger Oettingers, legte Mappus eine Blitzkarriere hin - mit 30 Jahren im Landtag, mit 32 Staatssekretär, später Umweltminister. Als Oettinger 2005 ans Ruder kam, krallte er sich gegen dessen Willen den Fraktionsvorsitz, getreu seiner Devise: "Wenn man gegen den Wind startet, ist der Auftrieb am stärksten." Ebenso verlief es bei der Wahl zum stellvertretenden Landesvorsitzenden. Mappus kündigte an, notfalls in einer Kampfkandidatur gegen Matthias Wissmann anzutreten - prompt erweiterte die CDU die Zahl der Stellvertreter um einen Posten, um Mappus zufrieden zu stellen. Dass er aufgrund seines brachialen Stils mit dem jungen Franz-Josef Strauß verglichen wird, auch weil sich die beiden körperlich ähneln, hört Mappus gerne. Viel lieber jedenfalls als den Ausspruch von FDP-Justizminister Ulrich Goll. Der nannte ihn "Mappi-Schnappi, das kleine Krokodil."

"Sehr offenes" Verhältnis zu Oettinger

So ganz falsch ist diese Metapher jedoch auch nicht. Mappus kann zubeißen, was die Opposition zu spüren bekam, und Oettinger zumindest fürchtete. Dass sich die beiden in einer permanent schwelenden Rivalität befanden, war in Stuttgart ein offenes Geheimnis. Insider sagen, dass Mappus Oettinger hätte stürzen können, als der am Grab von Filbinger eine völlig verunglückte Rede hielt, in der er Filbinger zum NS-Widerstandskämpfer umdeutete. Gegenüber stern.de beschrieb Mappus mal sein Verhältnis zu Oettinger als "sehr offen". Er hatte 2005, als es um die Nachfolge Teufels ging, Annette Schavan unterstützt, die jetzige Bundesbildungsministerin. Kein Wunder, dass sich Schavan nun als eine der Ersten dafür aussprach, Mappus zum Ministerpräsidenten zu machen.

Dass Mappus offenbar auch den Segen der Kanzlerin hat, ist auf den ersten Blick verwunderlich. Denn er sagte in den vergangenen Jahren jedem, der es hören wollte, dass der konservative Markenkern der CDU wieder stärker ins Bewusstsein der Wähler gerückt werden müsse. In Richtung Merkel maulte er, dass "konturloses Herumlavieren" nicht weiterhelfe, ihren Generalsekretär Ronald Pofalla bezeichnete er als "Koalitionssekretär", dem es nicht gelinge, das Profil der Partei zu schärfen. 2007 setzte sich Mappus mit Markus Söder, CSU, dem Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder und NRW-Generalsekretär Hendrik Wüst demonstrativ ins Berliner Café Einstein und besprach ein konservatives Manifest.

Rechte Flanke abdecken?

Das gefiel Merkel nicht. Sie will die CDU in der Mitte positionieren, um die SPD klein zu machen. Vielleicht stieg ihr Missfallen bis zu jenem Punkt, da sie sich entschloss, den Missliebigen einzubinden, um ihn damit zu disziplinieren. Vielleicht aber glaubt Merkel auch, dass sie mit Mappus die rechte Flanke abdecken kann, die aufgrund ihrer Politik sperrangelweit offen steht. So oder so: Hobbypilot Mappus kann jetzt vermutlich durchstarten. Den Sprit, das weiß er, hat Berlin bezahlt.

hps, lk
 
 
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