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1. Juli 2004, 15:47 Uhr

"Es lebe die Freiheit"

Sie hatten den Mut, Flugblätter gegen das NS-Regime zu verteilen. Das sechste Blatt wurde den Geschwistern Scholl 1943 zum Verhängnis. Zur Abschreckung wurde die Hinrichtung auf Plakaten in ganz München bekannt gegeben.

Hans (l.) und Sophie Scholl mit Christoph Probst, Gründer der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Die Freunde wurden nach einer Flugblattaktion gegen das NS-Regime vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in München-Stadelheim hingerichtet© AP

"Es lebe die Freiheit", erklärte der 25-jährige Münchner Medizinstudent Hans Scholl vor seiner Hinrichtung. Und seine 22-jährige Schwester Sophie, Biologie- und Philosophiestudentin, sagte dem Volksgerichtshof: "Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen." Sekunden später wurde er im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil geköpft. Seine Schwester Sophie und der 24 Jahre alte Christoph Probst starben mit ihm am 22. Februar 1943 auf dem Schafott - "wegen landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung", wie es im Urteil hieß. In einem zweiten Prozess wurden am 19. April 1943 in München Prof. Kurt Huber (49), Alexander Schmorell (25) und Willi Graf (25) aus dem Freundeskreis der Geschwister ebenfalls zum Tode verurteilt und hingerichtet, Huber und Schmorell am 13. Juli, Graf am 12. Oktober. Zahlreiche andere Mitglieder der Weißen Rose wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt und kamen erst nach Kriegsende frei.

Freisler macht kurzen Prozess

Der Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofs, Roland Freisler, war eigens von Berlin nach München gereist, um mit den drei Verhafteten kurzen Prozess zu machen. Die Nationalsozialisten waren wegen der Studentenaktion äußerst beunruhigt, da sie nach der Niederlage in Stalingrad eine erhebliche Vertrauenskrise in der Bevölkerung befürchteten. Zur Abschreckung wurde auf roten Plakaten in ganz München die Hinrichtung bekannt gegeben. Die Geschwister Scholl - Mitglieder der Weißen Rose - hatten den Mut, sechs gegen das NS-Regime gerichtete Flugblätter zu verteilen. Deswegen wurden sie im Februar 1943 festgenommen und nach einem Schnellverfahren hingerichtet.

Die Weiße Rose bestand bei weitem nicht nur aus Hans und Sophie Scholl - aber der Name der zwei Geschwister hat sich bis heute eingeprägt. Es gibt kaum eine Stadt, in der nicht eine Straße, ein Platz oder eine Schule nach ihnen benannt wurde. Am 22. Februar 2003 - ihrem Todestag - wurde eine Büste von Sophie Scholl in der Münchner "Walhalla", der Ruhmeshalle der Deutschen, aufgestellt.

Der Historiker Golo Mann schrieb 1958 über die "Weiße Rose": "Sie fochten gegen das Riesenfeuer mit bloßen Händen, mit ihrem Glauben, ihrem armseligen Vervielfältigungsapparat gegen die Allgewalt des Staates. Gut konnte das nicht ausgehen, und ihre Zeit war kurz. Hätte es aber im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht."

Von der Begeisterung zu "bündischen Umtrieben"

Die Geschwister Scholl stammten aus dem Württembergischen. Hans, geboren am 22. September 1918 in Ingersheim an der Jagst, und Sophie, geboren am 9. Mai 1921 in Forchtenberg am Kocher, wuchsen in Ulm auf und zogen erst zum Studium nach München. Zur Schulzeit hatten sie zunächst noch begeistert in den Jugendorganisationen der Nazis mitgemacht und 1933 freudig auf die Machtergreifung Adolf Hitlers reagiert.

Der Eroberungskrieg Hitlers, die Gräuel in den besetzten Gebieten vor allem im Osten und die systematische Ermordung der Juden ließen sie jedoch zu entschiedenen Gegnern der Nazi-Diktatur werden. Als Mitglied einer illegalen Jugendgruppe wurde Hans Scholl bereits 1937 wegen "bündischer Umtriebe" für mehrere Wochen inhaftiert; mehrere Familienmitglieder, darunter auch die damals 16 Jahre alte Sophie, kamen in Sippenhaft. Dies prägte die Einstellung der in einem christlich-liberalen Elternhaus aufgewachsenen Geschwister zur NS-Diktatur nachhaltig. Ihr "Aufstand des Gewissens" beruhte nicht zuletzt auf ihrer christlichen Einstellung.

Beim Medizinstudium in München lernte Hans Scholl Anfang der 40er Jahre Gleichgesinnte kennen, darunter Schmorell, Probst und Graf. Sie und andere Freunde trafen sich regelmäßig zu einem Diskussionskreis, aus dem sich dann die Weiße Rose entwickelte. 1942 stieß der Psychologieprofessor Kurt Huber dazu; Sophie Scholl, die inzwischen in München studierte, war ebenfalls dabei.

Aufruf zum Widerstand

Im Juni und Juli 1942 verteilten Scholl und Probst die ersten vier antinationalsozialistischen Flugblätter. Die Flugschriften wurden zum Teil in Münchner Straßen und Hauseingängen verstreut, zum Teil wurden sie per Post an gebildete Kreise vor allem in Süddeutschland verschickt.

"Leistet passiven Widerstand, Widerstand, wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschinerie, ehe es zu spät ist...", hieß es im ersten Flugblatt. Und das zweite begann mit den Worten: "Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist." Außerdem wurde auf das Schicksal der Juden hingewiesen: "...als Beispiel wollen wir die Tatsache anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Weise ermordet worden sind". In einem weiteren Flugblatt hieß es: "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Darum trennt Euch von dem nationalsozialistischen Untermenschentum! Beweist durch die Tat, dass Ihr anders denkt!"

Sechstes Flugblatt wurde zum Verhängnis

Das sechste Flugblatt, während der Vorlesungen in den menschenleeren Gängen der Ludwig-Maximilians-Universität am 18. Februar 1943 ausgelegt, wurde ihnen schließlich zum Verhängnis. Die restlichen Blätter warfen sie vom zweiten Stock in den Lichthof der Universität. Der Hausmeister sah das, verschloss die Eingänge und verständigte die Gestapo. Es bezog sich auf die Kapitulation der 6. Armee bei Stalingrad Anfang Februar 1943. "Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigen Tyrannis, die unser Volk erduldet hat." Die beiden wurden festgenommen. Am selben Tag wurde auch Willi Graf inhaftiert, wenig später Huber, Probst und Schmorell.

Das erste Flugblatt (Auszüge) "Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique 'regieren' zu lassen.

Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? (...)

Daher muß jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewußt in dieser letzten Stunde sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates."

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