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17. Oktober 2003, 12:18 Uhr

Der Terroristenjäger

Viele hielten ihn für einen spitzelwütigen Technokraten, der den Überwachungsstaat förderte, andere sahen in ihm einen brillianten Polizisten: Horst Herold, in den siebziger Jahren BKA-Chef und oberster Terroristenjäger.

Viele hielten ihn für einen spitzelwütigen Technokraten: Horst Herold (rechts) im Jahr 2001 mit Bundesinnenminister Otto Schily (mitte) und dem ehemaligen BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert© Arne Dedert/dpa

Er war Deutschlands wohl erfolgreichster Terroristenjäger, doch seine Methoden machten ihn in den Augen vieler zur Verkörperung des Überwachungsstaats. Mit seiner elektronischen Rasterfahndung war Horst Herold ein Pionier der computergestützten Polizeiarbeit - und stolperte letztlich über eine Ermittlungspanne. Am 21. Oktober wird der frühere Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) 80 Jahre alt.

Ausbau zu effizienter Bundespolizei

Nach seinem Amtsantritt 1971 baute Herold die Wiesbadener Behörde zielstrebig zu einer effizienten Bundespolizei aus, die kaum ein Jahr brauchte, um die erste Generation der terroristischen Baader-Meinhof-Gruppe („Rote Armee Fraktion“, RAF) hinter Gitter zu bringen. Das Grundkonzept hatte er zuvor in Nürnberg erprobt. Als Polizeipräsident ließ der gelernte Jurist alle Daten über Tatorte elektronisch erfassen. Ihr Abgleich verriet ihm, wie und wo er seine Beamten einsetzen musste. Die wissenschaftliche Analyse von Tatortspuren sollte der Justiz ein objektives Urteil ermöglichen - ungetrübt von den fehlbaren Erinnerungen von Zeugen.

In Wiesbaden perfektionierte er seine Methoden. Jeden Nagel, jede Zahnbürste, den seine Beamten in den verlassenen konspirativen Wohnungen der RAF fanden, ließ er bis zum Herkunftsort zurückverfolgen. Bald konnte Herold nicht nur die Bewegungen der Gruppe nachzeichnen - bald wusste er auch, wann das Beutegeld aus dem jüngsten Banküberfall aufgebraucht und der nächste Raub fällig war.

Schwere Panne bei Fahndung nach Schleyer

Kaum eine andere Polizeitruppe dürfte besser gerüstet gewesen sein für das, was dann am 5. September 1977 passierte: Um die inhaftierten Gesinnungsgenossen freizupressen, entführte ein RAF-Kommando in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Fahndungsmaschine lief an, doch die Terroristen schlüpften mit ihrer Geisel durch alle Maschen - weil ein Hinweis auf ihr Versteck irgendwo auf dem Dienstweg verloren ging. Heute ist sich Herold sicher: Wäre das Fernschreiben beachtet und mit Hilfe seiner Computer ausgewertet worden, hätte die Polizei Schleyer befreien können.

Noch ein Konjunktiv: Wäre der staatliche Sicherheitsapparat in dieser dramatischen Situation nicht gescheitert, wäre später manches anders verlaufen - vielleicht für das Land, sicher aber für Herold. Denn inzwischen war Deutschlands oberster Polizist selbst in Verdacht geraten. Politiker und Intellektuelle sahen Herolds Datenbanken mehr und mehr als Bedrohung bürgerlicher Freiheit. Das Verhältnis zwischen dem BKA-Chef und FDP-Innenminister Gerhart Baum verschlechterte sich rapide. 1981 wurde Herold abgelöst.

Ein freundlicher alter Herr

Die Sicherheit des Pensionärs glaubte der Staat nicht anders garantieren zu können, als dass er ihn auf dem Gelände einer Bundesgrenzschutz-Kaserne in Oberbayern unterbrachte. Dort lebt Herold noch heute - ein freundlicher alter Herr, in dem man den spitzelwütigen Technokraten nicht findet, als der er einmal galt. Aus der Öffentlichkeit hat er sich zurückgezogen. Doch seine Gedanken sind immer noch aktuell. Die New Yorker Polizei etwa arbeitet mit Methoden, die auf die von Herold in Nürnberg entwickelten Verfahren zurückgehen.

Wolfgang Harms
 
 
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