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29. Oktober 2007, 18:00 Uhr

"Mein Vater war Geheimdienst im Weg"

Bei einer Veranstaltung zum 30. Jahrestag des Deutschen Herbstes sollte es in Bad Boll eigentlich um die Angehörigen der Opfer gehen. Doch dann holte Michael Buback, Sohn des RAF-Opfer Siegfried Buback, aus und beschuldigte die Geheimdienste, Mitschuld am Tod seines Vater zu sein. Von Jörg Isert

Michael Buback dachte daran, Strafanzeige zu stellen, sollte der Mord an seinen Vater nicht weiter aufgeklärt werde© Marcus Krueger/NDR

Wie sich die Zeiten ändern. In den siebziger Jahren standen sich noch deutsche Ermittler und RAF-Verteidiger gegenüber. "Dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst", so der Name einer dreitägigen Veranstaltung in der Evangelischen Akademie Bad Boll, ging es zwischen den Gegnern von einst gesittet zu. Und so kam die schärfste Kritik am Staat nicht vom Ex-RAF-Anwalt Hans-Christian Ströbele, sondern ausgerechnet von zwei Opfer-Angehörigen: Michael Buback und Ina Beckurts.

Buback droht mit Strafanzeige

Buback legte bei seiner Vermutung nach, dass der deutsche Geheimdienst in den Mord an seinem Vater verwickelt sein könnte. Auch die Witwe des 1986 ermordeten Siemens-Vorstands Karl Heinz Beckurts, äußerte unter der Hand erstmals einen ähnlichen Verdacht, den sie aber nicht genauer ausführen wollte.

Der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback droht in Bad Boll erneut, Strafanzeige zu stellen, falls der Mord an seinem Vater nicht weiter aufgeklärt werde. Die Erschießung von Siegfried Buback vor dreißig Jahren in Karlsruhe auf offener Straße hatte das Terrorjahr 1977 eingeleitet, das im Deutschen Herbst gipfelte.

"Gab es eine Deckung der Täter?"

Seit diesem Frühjahr ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den Ex-RAF-Terroristen Stefan Wisniewski als möglichem Täter. Michael Buback sieht dagegen Anhaltspunkte, dass die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker seinen Vater erschossen haben könnte. Direkt nach der Tat sei in den Medien noch von einer Frau als möglicher Täterin die Rede gewesen, schon kurz darauf nicht mehr, so Buback. Er äußerte erneut Befürchtungen, dass die mögliche Täterin Becker von einer Strafe verschont wurde, weil sie eine Geheimdienstinformantin gewesen sei. Entsprechend frage er sich: "Gab es eine Deckung der Täter?" Dies habe seine Familie zwar nie für möglich gehalten. Man könne den Geheimdienst aber nicht mehr außen vor lassen, wenn man den Tattag verstehen wolle. Dann verschärfte Buback den Tonfall: "Es gibt Gründe, warum mein Vater dem Geheimdienst im Weg war."

Die Generalbundesanwaltschaft habe den zuständigen Stuttgarter Richtern einst wichtige Informationen zum Mord an seinem Vater vorenthalten, führte Buback weiter aus. "Mir geht es nicht um die Frage von Fehlurteilen, sondern von fehlenden Urteilen." Er habe inzwischen das Gefühl, dass in Deutschland mehr die Gerichte als die Gerechtigkeit geschützt würden. In der vergangenen Woche habe er versucht, in dieser Sache das Gespräch mit Generalbundesanwältin Monika Harms zu suchen. Dies sei ihm aber nicht ermöglicht worden.

Wichtige Informationen vorenthalten?

Ausgerechnet ein Staatsdiener hatte auf die schweren Vorwürfe zu regieren, einer, der wie kaum ein anderer das Bild des idealen Staatsanwalts verkörpert: Klaus Pflieger. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt, Ende der siebziger Jahre einer der Ankläger der RAF-Terroristen, kritisierte Bubacks Äußerungen scharf: "Ich warne davor, zu spekulieren, dass man ihren Vater vielleicht sogar geopfert hat. Das ist etwas, wo mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Das ist etwas, das mir wehtut." Auch Jan Kleffel, der frühere Leiter des Referats "Internationaler Terrorismus" beim Bundesnachrichtendienst, äußerte sich "erschrocken" über Bubacks Aussagen: "Das erschüttert mein Weltbild".

Ina Beckurts forderte die deutschen Ermittlungsbehörden dazu auf, die Anstrengungen zur Aufklärung der noch nicht aufgeklärten RAF-Morde zu intensivieren. Beckurts sagte, dass es noch sechs Mordfälle gebe, die nach wie vor nicht aufgeklärt seien. "Das können wir so nicht lassen. Ich will nicht, dass mein Staat das nicht aufklärt." Die Ermittlungsbehörden, so die Witwe hätten es 1986 versäumt, "zwei sehr verdächtige Beobachtungen" festzuhalten, die mit dem Mord an ihrem Mann in Zusammenhang gestanden hätten. Am 6. Juli 1986 war der Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts in Straßlach bei München mit einer kiloschweren Bombe in den Tod gesprengt worden.

Von staatlicher Seite allein gelassen

Beckurts erläuterte, wie sehr sie sich nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes von staatlicher Seite alleine gelassen fühlte. Ähnlich sei es auch anderen Opfer-Angehörigen gegangen. "Ich bekam damals 800 Beileidsschreiben und die Visitenkarte eines Ermittlers - und danach nichts mehr." Erst vor wenigen Wochen habe das Bundeskriminalamt ihr ein Gespräch dazu angeboten, was sie aus der Zeit der Tat noch erinnere. Zu einem Bericht im stern, dass in Verfassungsschutzkreisen eine Rangliste von Tatverdächtigen kursiere, zu denen auch die mutmaßlichen Mörder ihres Mannes gehören könnten, wollte sich die Witwe nicht äußern.

Beckurts, die sich in diesem Jahr erstmals öffentlich zur RAF geäußert hatte, sagte, ihr Anliegen sei es, wachzurütteln und die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten. Sie betrachte nicht nur sich selbst, sondern auch die Familien der Terroristen als Opfer. Gefragt, ob das Opfer ihres Mannes rückblickend einen Sinn für sie mache, meinte Beckurts: "Was sollte es bringen? Das Opfer meines Mannes war völlig umsonst. Es hatte keinerlei Sinn." Vielmehr befürchte sie, dass aus der Haft entlassene RAF-Terroristen erneut zu Identifikationsfiguren werden könnten: "Zu Kristallisationspunkten für neue, vielleicht ganz andere Terrorakte."

Die Täter hatten abgesagt

Veranstaltungsleiterin Kathinka Kaden wies darauf hin, man habe auch mit ehemaligen RAF-Tätern diskutieren wollen. Diese aber hätten abgesagt. "Sie hatten die Sorge, dass über sie, aber nicht mit ihnen gesprochen wird". Offenbar, so schimmerte am Rande der Veranstaltung durch, war die Absage aber auch eine Art Gegenreaktion auf die Nichtbegnadigung von Christian Klar durch Bundespräsident Köhler im Frühjahr.

Von Jörg Isert
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Kesserjockel (03.09.2009, 09:50 Uhr)
Es ist fünf vor zwölf!
Igitt, Pfui Teufel! Braune Soße in Polen: Am 1. September 1939 wurde der Zweite Weltkrieg entfesselt. Es wurde finster. Anne Frank wurde am 2. September 1944 ausgewählt. Einen Tag später fuhr der letzte Zug nach Auschwitz. "Dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen", heißt es in der Bibel. Wie bibeltreu ist Oettinger? Stuttgart 21, das Jahrtausendprojekt ist in Anmarsch. Wer kann diesen Wahnsinn noch stoppen? Michael Föll? Oder völlig verloren?

Die Liste der Besessenheit ist lang: ?Verkehrspapst? Prof. Heimerl, der Sohn des Wüstenwuchses, der liebe Teufel, Filbingers Schüler, Meister & Schuster, Vogt, Mappus, Rülke, Rech, Schmiedel, Mister Stuttgart 21 und Kumpf. Nur ein Körnchen der Wahrheit: Die Höllenfahrt wird ohne Umkehr 10 Jahre dauern. Stammheim ist viel schöner ? Hof, Mauer. Vorratsdatenspeicherung: Was geschah am 7. April 1977, Herr Bundesinnenminister? Darf Michael Buback in den Akten stöbern? Der Fürst im Himmel sieht alles, Schafott!
Punito (31.10.2007, 14:53 Uhr)
DieVerdächtigung des Herrn Buback

das der Verfassungsschutz mit
den RAF-Aktivisten gemeinsame
Sache gegen seinen von der RAF
getöteten Vater machen würde ,
ist ein "dicker Hammer".
Die ist in der Tat der Stoff
den Verschwörungstheoretiker einen
wohligen Schauer über den Rücken fahren lassen .
Andererseits , wenn dem so wäre ,
sollte Buback junior schon mit konkreten Fakten Ross und Reiter
benennen .
Bekannter Maßen gibt es keine Verjährungsfristen für Mordtaten .
Herr Buback junior hat natürlich
ein persönliches Interesse daran das
die Mörder seines Vaters dingfest gemacht werden , aber die These
das seitens des Geheimdienstes gegen
sein berechtigtes Interesse gemauert
wird , ringt mir ein Kopfschütteln ab. Für den Stern sind es prima Schlagzeilen , why not .
Irgendwie hat die "Story" etwas
mit der Barschel-Mordstory gemeinsam.
Keiner ,ausgenommen die betroffene Familie, zweifelt an die Fakten der
Ermittlungsbehörden .
clavacs (30.10.2007, 20:37 Uhr)
Die weltweite Folter-Doktrin
Die weltweite Folter-Doktrin
Wir Menschen als Bestien! Die Ächtung von Folter ist nur zum Schein! Folter grassiert nicht nur unter Despoten in Diktaturen, nein, sie grassiert auch unter Demokratien, geheim, subtil und nicht weniger Menschen verachtend und Menschen entwürdigend und nicht weniger grausam und abscheulich – wie ernüchternd und beschämend für unsere Demokratien.
Unter dem Deckmantel Wehrhafte Demokratie finden wir Menschen uns mit den schlimmsten Herausforderungen für unseren gesunden Menschenverstand konfrontiert – Apokalyptik!
Nachvollzogen an meiner Observation, klingt vergleichsweise harmlos, tatsächlich verbinden sich damit Entwürdigung und Entrechtung von uns Menschen durch Staatsräson, durch Staatsterror: Überwachung, Beobachtung, Verfolgung, Folter, Zerstörung bishin zu Morden.
Die Staatsräson kümmert weder Würde noch Recht! Der weltweite Terrorwahn verlangt nicht einmal mehr die Unschuldsvermutung und damit nach begründetem Verdacht – Willkürakte dominieren das Geschehen! Sicherheitsdoktrin entartet! Nach den Gründen des Terrors fragt keiner von uns, dominiert die Bestie in uns!
Wir mögen doch gefälligst zwischen Opfern und Tätern unterscheiden! Wir Menschen, wer bitte sind die Opfer, wer die Täter? (Ich fragte danach bereits in meinem Blog RAF-Terror)
Wir, die wir den Terror bekämpfen, sind nicht auch wir Täter, zumindest Mittäter? Eindeutig: Ja!
Zurück in die Zukunft über unser Menschsein, nur über diesen Weg werden wir die Schrecken des Terrors wirklich loswerden …
Unser Menschsein ist uns entglitten – die Rückbindung an unser Sein! Die Rückbindung an die Wahrheit der Wirklichkeit – diese ist uns implizit!
Nicht Gespinste, Macht und Gewalt sind gefragt, sondern Erkenntnis, Einsicht, Verstehen und Überzeugung – die Einheit von Wissen und Kompetenz! Aufklärung!
Einen Rat der Weisen hätten wir bitter nötig, leider fehlen uns die Weisen!
Terror als Weg – auch das fragte ich bereits! Die Terrorbekämpfung in ihrem Exzess und in ihrer Ambivalenz wirft uns ernüchternd auf unser Menschsein zurück: Würde und Achtung vor und in uns selbst!
Mit der Globalisierung zeigt sich unser Versagen auf allen Ebenen und in allen Linien, in allen Bereichen unserer Art und Gattung Mensch und unserer Gesellschaften.
Wir finden uns in der Odyssee unseres Bewusstseins, in unserem Irrsinn, unseren Wirren und sehnen und hoffen der Apokalyptik zu entrinnen – wir sind angehalten uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen! Halten wir inne!
Mit den eingeschlagenen Wegen und Mitteln von heute schaffen wir das nicht, finden wir zurück in die Zukunft – über unser Menschsein!
Folter als Doktrin ist keine Lösung und hat keine Zukunft, weil uns Menschen nicht würdig und uns Menschen verachtend … Wir Menschen wehren uns dagegen vehement!
Wir sind die Täter!
clavacs
(http://hansahas.blogg.de)
Eva, Du weißt mich hinter Dir, gleichwohl, ich kenne Deine Bücher noch nicht! (Denke, mehr Tiefgang ist vielleicht hilfreich - bitte!)
Herr Herres, Herr Kerner, sich in Nazi-Doktrin üben (mir gegenüber) und dann das?
Herr Herres, Intendant wollen Sie werden – Gott behüte!
Wollen wir Österreich-Deutschen und Deutsch-Österreicher (der Sprache wegen) unsere Mütter und Väter aufgrund der Nazi-Doktrin nicht vollends in den Boden gestampft wissen, müssen wir uns fragen, was sie fast zwei Jahrzehnte lang (Hitlers mein Kampf erschien bereits 1925) begeistert hat, ja, ich sage begeistert hat – das ist nämlich die allgemeine Überlieferung! (Die verwerfliche übergestülpte Nazi-Doktrin und Indoktrinierung, war den Wenigsten wirklich bewusst!)
Mit Hitler und der Nazizeit verbinden sich neben dem Holocaust viele andere Gräueldaten, schlimm und beschämend genug, dass es dazu kam! Dennoch tut Differenzierung Not – wir sind es unseren Müttern und Vätern, Großmüttern und Großvätern schuldig!
Staatskriminelle gibt es zu allen Zeiten, auch heute und auch in Demokratien!
Viele Deutsche und Österreicher riskierten ihr Leben, um Juden zu retten – auch das gab es und wird es immer geben!
Die Auseinandersetzung mit dem Nazitum öffnet uns vor allem die Augen für die Wir-Doktrin (Massen- und Gruppenphänomene), welche auch heute wieder reichlich beschworen wird (werden)! (Siehe das aktuelle Bahn-Desaster, die Wir-Kampagne gegen mich, die Missachtung der Individualrechte, usw.)
Was mich betrifft, ich sagte es schon mal – ich hielte es mit weißen Rosen!
Herr Altkanzler Schmidt, vielen herzlichen Dank an Ihre Frau für die Diestel … (Schmunzeln erlaubt!)
Sandra, Gewalt ist ein archaisches und rudimentäres Mittel zur Durchsetzung, je mehr von Motiven und Verhaftungen getrieben wir agieren, desto höher unser Gewaltpotential – Loslassen! Letztlich ist Gewalt eine Frage unseres Bewusstseins – eine Niveaufrage!
Odyssee unseres Bewusstseins: Erkenntnis, Einsicht, Verstehen, Überzeugung anstatt Gespinste, Macht und Gewalt, lautet die Losung!
Anne!
heiner5362 (30.10.2007, 17:46 Uhr)
ich traue
dieser bananenrepublik ALLES zu.
axba (30.10.2007, 07:52 Uhr)
Verschwörungstheorie
Wahrscheinlich wurden die armen Terroristen vom Geheimdienst gezwungen all die Morde zu begehen! Solange die Täter nicht zur Aufklärung ihrer Untaten beitragen, dürften sie nicht begnadigt werden. Einer Verbreitung ihrer kruden Theorien und Erklärungen über die Medien sollte man sich widersetzen.
Avus (29.10.2007, 23:07 Uhr)
mit den Tätern diskutieren?
eigentlich sollte doch in den letzten Monaten klar geworden sein, dass die täter gerne reden aber nur über sich selber, nicht über die taten. Sie halten sich immer noch für politisch über den Menschen stehend. Zur Tataufklärungen tragen sie nichts bei. Boock ist da die Ausnahme, aber nicht besonders glaubwürdig. Das sind die anderen genauso wenig. Also, was sollte mit ihnen diskutiert werden ? Reue ist nicht diskutierbar in Medien oder auf Fachtagungen. Wirkliche Reue zeigt sich erst, wenn die taten von den Tätern aufgeklärt werden.
Hypnosefrosch (29.10.2007, 22:33 Uhr)
@PEReiche
Danke, und ich dachte schon ich lese nicht richtig!
PEReiche (29.10.2007, 20:29 Uhr)
"Mein Vater war Geheimdienst im Weg"
"Mein Vater war Geheimdienst im Weg"; "Michael Buback denkte daran, Strafanzeige zu stellen,..."; "Ich warne es davor, zu spekulieren,..."
Herzlich Glückwunsch, mal wieder guter Sprech und Schreib!
Schönem Abend noch,

P. E. Reiche
iovialis (29.10.2007, 20:12 Uhr)
Verschwörungstheorie
Tja, da kommen einem schon so manche Gedanken, wenn man das so liest... und man kann sich auch eine Verschwörungstheorie zusammen bauen... Deutschland ist nicht so sauber, wie manche meinen... da spreche ich aus eigener Erfahrung... nicht alles läßt man an die Öffentlichkeit... und jede Geheimniskrämerei schürt Verschwörungstheorien...
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http://www.iovialis.de
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