Wacken auf dem Wasser

8. Mai 2013, 18:01 Uhr

30.000 Liter Bier und jede Menge Dezibel: Auf der "Full Metal Cruise" feiern 2000 Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff ein Metal-Festival auf der Nordsee. Unser Autor Christoph Fröhlich war dabei.

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Der Autor vor der "Mein Schiff 1": Vom 5. bis 12. Mai kreuzt das Luxusschiff als "Full Metal Cruise" durch den Atlantik.©

Es ist kurz vor Mitternacht, irgendwo auf dem Atlantik, als in einem Kreuzfahrtschiff mit 2000 Menschen an Bord die Hölle losbricht. Das Licht geht aus, ohrenbetäubender Lärm zieht durch das siebte Deck. Schreie sind zu hören. Das goldverzierte Theater auf der Bugseite wird zum tobenden Hexenkessel. Dort, wo sonst Musical-Hits und Loriot-Sketche zum Besten gegeben werden, recken nun hunderte Menschen in dunklen Shirts die Fäuste in die Luft und spreizen ihre Finger zum Teufelsgruß. Es ist der Auftakt der Metalband "Heaven Shall Burn" ("Der Himmel soll brennen"), die das Traumschiff für kurze Zeit in einen Albtraum verwandelt. 90 Minuten dauert das Klanggewitter, dann geht das Licht an und die Anlage aus. Es kehrt wieder Ruhe ein, erschöpft und verschwitzt verlassen die Schattenwesen den Saal, um sich an der Bar vom Headbangen zu erholen. Zurück bleiben Hunderte umgekippte Dosen Bier, deren Inhalt langsam im dicken Teppich versickert. Willkommen auf der "Full Metal Cruise", einer Art Wacken auf dem Wasser.

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Auftritt der Band "Firewind" am Pool-Deck unter freiem Himmel©

Kutten und Trollfrisuren

Sechs Tage herrscht Ausnahmezustand auf dem Luxusliner "Mein Schiff 1", der von Hamburg über Southampton, Le Havre nach Amsterdam und wieder zurück fährt. Haarmähnen wirbeln durch die Luft, Gitarrenriffs wummern von der riesigen Bühne, Bierbüchsen treiben im Whirlpool. Ein Mix aus Alkoholfahne und Chlorgeruch weht über das Sonnendeck, aus den Flurlautsprechern dröhnt AC/DC.

Die Idee für die "Full Metal Cruise" hatten die Wacken-Macher Holger Hübner und Thomas Jensen bereits in den Neunzigern, doch bis jetzt konnten sie das Projekt nicht realisieren. Nun haben sie mit Tui Cruises einen gemeinsamen Partner gefunden, der auf Themenkreuzfahrten setzt, um neue Zielgruppen zu gewinnen. 2010 sang bereits Udo Lindenberg auf dem sogenannten "Rockliner", Schlagerreisen mit Volksmusikstars wie Helene Fischer werden ebenfalls regelmäßig angeboten. Nun also Headbangen auf hoher See.

Knapp 1750 Gäste aus 13 Nationen sind an Bord der größten Metalkreuzfahrt Europas, darunter Mathias (29) und Jens (27) aus Bad Camberg in der Nähe von Frankfurt. "Eigentlich passt das alles hier gar nicht zusammen", sagt Lagerist Jens, der mittags in schwarzer Metal-Montur an der strahlend weißen Edelbar sitzt und ein Bier trinkt. Im Hintergrund grölt eine Gruppe von Männern mit Achtziger-Jeans-Kutte, Trollfrisur und langen Bärten, die gleich ein ganzes Tablett voller Bier vor sich stehen hat. "Es ist unsere erste Kreuzfahrt, und die wollten wir mit korrekten Leuten verbringen. Überhaupt ist es viel besser als Wacken: Man hat ein ordentliches Zimmer und eine saubere Dusche. Im Zelt schlafen ist nicht so mein Ding", sagt Mathias.

Für die meisten der Anwesenden ist es die erste Reise auf einem Schiff. Bis zu 2000 Euro lassen sich die Besucher den sechstägigen Trip kosten, darin enthalten sind neben der Kabine sämtliche Konzerte auf dem Schiff und fast alle Speisen und Getränke. Insgesamt werden 350 Kilogramm Steak, ebenso viele Pommes und 21.600 Eier verarbeitet. Die Bilanz des ersten Abends: Schnitzelberge sind beliebter als Brokkoli, Currywurst muss bereits beim ersten Zwischenstopp in Southampton nachgekauft werden.

Eine Seefahrt, die ist - bierig

Doch es ist vor allem eines, was den Gästen - allen voran den wenigen Skandinaviern - leuchtende Augen beschert: Bier rund um die Uhr. Nur wenige Metaller können dem widerstehen. Das weiß auch Richard Vogel, Marketingchef der veranstaltenden Tui Cruises. Viel größer als die Angst vorm Ertrinken sei bei den Gästen die Sorge, sich nicht mehr Betrinken zu können. "Deshalb haben wir etwa 30.000 Liter Bier an Bord." Deutlich mehr als sonst.

Pro Tag und Person werden etwa drei Liter Bier kalkuliert. Die Rechnung geht auf: Am ersten Abend seien allein an einer Nebenbar etwa 6000 Bier (á 0,3 Liter) ausgeschenkt worden, sagt Gani Arcega, einer der Barmitarbeiter. Während einer normalen Kreuzfahrt serviert er sonst an einem ganzen Tag nur etwa 1500 Gläser. Obwohl die Arbeit deutlich anstrengender ist, mag er die ungewöhnlichen Gäste. "Sie sind unkompliziert und beschweren sich nicht." Auch Barchef Miguel Silverio (37) ist begeistert: "Das Publikum ist deutlich jünger als sonst, die Menschen hier nehmen alles locker und sind immer höflich. Ihnen reicht ein Bier und ein Hotdog zum Glücklichsein."

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Fabian (Mitte) und Andreas (rechts), beide 19, feierten auf der "Full Metal Cruise" vor allem im Whirlpool - der Mann links sogar sieben Stunden am Stück.©

Reichlich Bier und Dezibel

Rund 70 Prozent der "Full Metal Cruise"-Besucher sind männlich, das Durchschnittsalter liegt bei 39 Jahren. Vor allem ältere Teilnehmer schätzen die Vorzüge der Kreuzfahrt: "Mir gefallen die kurzen Wege und das gemischte Publikum. Die Stimmung ist großartig", sagt Dieter (55), der gemeinsam mit seiner Frau Siegrid angereist ist. Sie steht in der vorletzten Sitzreihe des Theaters und klatscht zur Musik der Irish-Folk-Band Santiano.

Zwei der Jüngsten an Bord sind Andreas und Fabian, beide 19 Jahre, aus der Nähe von Karlsberg. Sie haben die Tickets für die Metal-Kreuzfahrt bei einem Gewinnspiel gewonnen und nutzen die Gratis-Ferien, um auf dem Sonnendeck im Whirlpool abzuhängen. "Es ist toll, im Pool zu sitzen, Bier zu trinken und nebenbei Bands anzuhören."

Kostenloses Bier und jede Menge Dezibel: Geht es nach den beiden Teenagern, ist die Wacken-Kreuzfahrt "das Geilste überhaupt". Ihren Trinkvorrat bekommen sie von Sergej, der am kleinen Zapfstand neben dem Pool etwa vier 50-Liter-Fässer pro Stunde verbraucht. Das erste Bierfass ist leer, da ist das Schiff noch nicht einmal aus dem Hafen von Hamburg ausgelaufen. Seitdem steht der Zapfhahn nur selten still.

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