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11. Januar 2010, 17:50 Uhr

"Ich bin eine moderne Sklavin"

Die Praktiken der Drogeriemarktkette Schlecker zeigen, wie schutzlos Leiharbeiter ihren Arbeitgebern ausgeliefert sein können. Die VW-Monteurin Sevinc Karatoc hat sich dennoch gewehrt. Von Massimo Bognanni

Leiharbeit, Zeitarbeit, VW, Entlassungen, Automobilhersteller

Sevinc Karatoc hat für Volkswagen ihren sicheren Arbeitsplatz aufgegeben - und wurde arbeitslos© Mark Mühlhaus/Attenzione Photographers

Sevinc Karatocs erste Liebe war ein tiefer gelegter VW-Golf mit getönten Scheiben, einem verchromten Auspuffrohr und extra breiten Reifen. Ihr Vater hatte ihr das Auto zum 18. Geburtstag geschenkt. Die erste Fahrt ging in ein türkisches Restaurant ihrer Heimatstadt Hannover. Es folgte eine innige Beziehung: Jeden Freitag nach der Arbeit fuhr Sevinc Karatoc in die Waschanlage, polierte ihren schwarzen Schatz. Die beiden waren fünf Jahre zusammen, dann machte er schlapp. Die Lichtanlage.

Sevincs Liebe zu Volkswagen blieb. Genau wie ihr Vater Ahmed wollte sie bei Volkswagen später einmal Autos bauen: Der hatte 30 Jahre lang bei Volkswagen in den heißen Backsteinhallen in Hannover-Stöcken geschmolzenes Metall zu Zylindern gegossen. Doch Sevinc Karatoc gehörte nur für 18 Monate zu VW, dann setzte man sie vor die Tür. Die 29-Jährige sei eine "Randaliererin" sagte der Personalchef von VW Nutzfahrzeuge, Jochen Schumm, behaupten mehrere Leiharbeiter. Sie werde bei VW keine Zukunft mehr haben. Schumm sagt, er habe so etwas nie gesagt.

Karatoc hatte friedlich vor den VW-Werkstoren in Hannover für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes protestiert. So wie tausende Opelaner in Antwerpen, wie Werftarbeiter von Thyssen-Krupp in Kiel, wie Mitarbeiter der Handelskette Hertie in ganz Deutschland. Doch Sevinc Karatoc ist Leiharbeiterin. Sie hat keine Gewerkschaft, keinen Betriebsrat, keine Lobby.

Wie Karatoc verloren 300.000 Leiharbeiter in Deutschland seit Beginn der Krise ihre Arbeitsplätze.

Gefangen in der Leiharbeit

Sie sitzt auf einer hellen Ledercouch im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung im Arbeiterviertel Hannover-Vahrenheide und sagt tonlos: "Ich bin eine moderne Sklavin". Der Grund für ihren Weg in die Leiharbeit liegt über ein Jahrzehnt zurück. Karatoc bestand ihren Hauptschulabschluss nur mit ach und krach, für eine Ausbildungsstelle reichte es nicht. Seit der Schulzeit hangelte sie sich von Job zu Job. Sie kassierte bei Woolworth, montierte Bremsen für einen Automobilzulieferer und sortierte bei Bahlsen die Plätzchen am Band. Alle Jobs waren befristet.

Als Sevincs Vater Ahmed 1968 nach Deutschland kam, gab es so etwas noch nicht. Bei VW erhielt er eine Festanstellung, feierte nach 25 Dienstjahren sein Jubiläum und verabschiedete sich fünf Jahre später in die Frührente.

Auch er hatte keine Ausbildung. Doch mit Fleiß und harter körperlicher Arbeit erreichte er einen bescheidenen Wohlstand.

Volkswagen, die große Chance

Für seine Tochter wird es viel schwieriger, sich diesen Wohlstand zu erarbeiten. Erst mit 25, da jobbt sie schon seit fast zehn Jahren, bietet man ihr eine feste Stelle an. Als Verpackerin bei einem Hersteller von Tierarzneien. "Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl von Sicherheit", sagt Karatoc. Mit ihrem Ehemann plante sie nun eine Familie, ein Jahr später kam ihr Sohn Caner zur Welt. Und es schien noch besser zu kommen: Mitten im Erziehungsurlaub, ruft die "Wolfsburg AG" bei ihr an, die VW-eigene Leiharbeitsfirma - ob sie nicht im Werk Hannover-Stöcken in der Lastwagen-Montage arbeiten wolle. "Bei VW haben sie eine Zukunft", versprach man ihr. 1800 Euro brutto sollte sie monatlich verdienen.

Klar wollte Karatoc. Sie kündigte ihren festen Job, brach den Erziehungsurlaub ab, organisierte eine Betreuung für ihren kleinen Sohn und montierte Kühler im Akkord. Doch die Freude, es endlich zu VW geschafft zu haben, verflog schnell: Statt Lob bekam sie die Nacht- und Wochenendschichten, oft arbeitete sie auch an Feiertagen. Ihren Sohn sah sie immer seltener. Hinzu kam die ständige Unsicherheit. "Meine Verträge wurden immer erst auf den letzten Drücker verlängert", sagt Karatoc.

Der Fall Schlecker Die Geschäftsstrategie der Drogeriemarktkette Schlecker steht derzeit massiv in der Kritik. Sie sieht vor, kleinere Filialen (AS-Filialen) zu schließen und im Gegenzug größere Geschäfte zu eröffnen (XL-Märkte). Laut Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erhalten Mitarbeiterinnen in diesen neuen Filialen jedoch nur noch rund die Hälfe ihres Lohns, es gibt weniger Urlaubstage und kein Weihnachts- und auch kein Urlaubsgeld. Das geht, weil Schlecker in den neuen Märkten Leiharbeiterinnen beschäftigt. Diese werden ihr vor allem von der Firma Meniar zur Verfügung gestellt. Schlecker wird vorgeworfen, Meniar nur für diesen Zweck gegründet zu haben. Laut Verdi zahlt Meniar nur Stundenlöhne von 6,78 Euro für eine Verkäuferin. Die Gewerkschaft gibt an, Meniar habe bereits mehr als 4000 Leiharbeiter an Schlecker vermittelt. Der Fall erregt nun die Politik. Politiker aller Parteien wollen einem derartigen Missbrauch des "Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes" den Riegel vorschieben. Noch im Januar wollen scharz-gelbe Politiker über eine Gesetzesänderung sprechen.

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