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8. Dezember 2007, 09:10 Uhr

Draußen spielen mit GPS

"Tic Tac Toe" auf dem Fußballfeld, Computerspiele im Londoner Tower - "location-based games" versuchen, reale Orte mit Spielen auf Handheld-Computern zu verknüpfen. In Bristol traf sich die Szene, um an einem offenen System für ortsbasierte Spiele zu basteln. Von Andreas Bock

"Tic Tac Toe" im Freien: Die Position des Spielers bestimmt, wo er sein Kreuz auf dem Bildschirm macht© Richard Hull

Ein schummriger Platz am späten Abend in einer alten Stadt. Viele kleine Lichter schweben kreuz und quer über den englischen Rasen. Ferne Klänge schwirren durch die diesige Luft. Ein Handteller-großer Bildschirm zeigt einen Irrgarten mit einem Männchen in der Mitte. Ein paar Schritte machen. Würde jetzt Chopin Piano spielen, wäre es der richtige Weg, doch eine Flöte ist zu hören - also falsch! Dann stürzt der Pocketcomputer ab, das "Musikalische Labyrinth" ist aus, Neustart.

Es ist mscapeFest07 in Bristol, und auf dem altehrwürdigen Queen Square aus dem 18. Jahrhundert werden völlig neue High-Tech-Spiele ausprobiert. "Location-based games" ("ortsbezogene Spiele") heißt die junge Gattung. Es geht um die Verknüpfung von digitalen und realen Welten, wobei meistens das Satelliten-gestützte Ortungssystem GPS die Verbindung zwischen den Welten herstellt. Der Name "Mediascapes" - abgekürzt mscape -ist eine Wortschöpfung aus "Media" und "Landscape" (Landschaft), eine "mediale Landschaft".

"Tic Tac Toe" im Freien

Ein simples, aber lustiges Beispiel ist "Tic Tac Toe" gegen den Computer. Wie gewohnt sind auf dem Monitor neun Felder zum Anklicken. Doch hier wird der Spieler selbst zum Cursor, den er durch seinen Standort gesteuert wird. Läuft ein Spieler 20 Meter nach Nordosten, wandert der Cursor ins rechte obere Feld auf dem kleinen Computer. Geht es einige Meter nach Westen, wird das mittlere obere Feld markiert, zehn Meter südlich landet er in der Mitte. Dann markieren per Knopfdruck, und das erste Kreuz erscheint. Anschließend trägt der Computer seinen Kreis ein, und das Spiel, nein, der Spieler läuft schnell weiter.

Fast 150 "mscapers" sind für zwei Tage zusammengekommen, um sich auszutauschen, Ideen zu spinnen und um sich kennenzulernen. Ein bunter Haufen kreativer Geister: Filmstudenten, Professoren, BBC-Producer, Multimedia-Konzeptioner, Informatiker, Sound-Designer und Künstler aus Großbritannien, Spanien, Holland und Deutschland. Hier im Südwesten Englands wurde 2006 die mscape-Community initiiert, in den Hewlett-Packard Laboratories. Die "HP Labs Bristol" sind zuständig für Forschung und Entwicklung, und unter der Leitung von Phil Stenton wird schon seit vielen Jahren mit "ortsbezogenen Medien" ("Locative Media") experimentiert.

Fluchthelfer im Londoner Tower

Ein Projekt hieß "Escaping from London Tower". In dem Spiel können Besucher "historische Häftlinge" aus den Kerkern befreien - Insassen, die im Laufe der düsteren Tower-Geschichte wirklich aus dem Gemäuer geflüchtet sind. "Vor allem Kinder können gar nicht genug von dem Spiel kriegen", berichtet Ausstellungs-Projektmanagerin Aileen Peirce. Kein Wunder, denn hier müssen sie keinen langweiligen Audiotouren lauschen und selber leise sein. Hier können Sie beim Ausbrechen helfen und werden vom "Beefeater", dem Torwächter gejagt - da wird zugleich der Familien-Touri-Tag gerettet.

Wie eine Schnitzeljagd: Der PDA zeigt, wo sich im Tower Gefangene und Wachen befinden© Historic Royal Places

Außer einem "echten Beefeater" und den Brücken, Türmen und Toren vor Ort ist die Geschichte virtuell und spielt sich auf dem Monitor eines Handheld-Computers ab. Wie bei einer Schnitzeljagd müssen die Spieler von einer Station zur nächsten, wo sie Anweisungen und Aufgaben erhalten. Am Startpunkt erzählt der Gefangene, warum er wofür verurteilt und eingesperrt wurde und was sein Plan für den Ausbruch ist. Dann gilt es, Wachen zu bestechen, um Schlüssel nachmachen zu lassen, Verbündete zu informieren oder ein Seil für die Flucht aus einem Turmfenster zu organisieren. Wehe, man kommt dabei in die Nähe der Wachen - dann hilft nur noch Rennen bis zur nächsten "Sicheren Zone", sonst setzt es fünf Jahre Haft.

Bei dem Tower-Spiel werden neben GPS weitere Techniken verwendet. Infrarot-Sender sind an bestimmten Stellen installiert und starten Action auf den kleinen Geräten, die am Sender vorbeikommen - denn GPS funktioniert nur unter freiem Himmel. An weiteren Indoor-Techniken für die mscaper-Software arbeitet Richard Hull von den HP Labs: Insbesondere RFID-Funkchips sind für Innenräume angesagt, und mit einer eingebauten Kamera können PDA Strichcodes scannen, um beispielsweise Ausstellungsbesuchern gezielt Hinweise und Orientierung für ihren Rundgang zu übermitteln.

Minesweeper ohne Minen

Viel lauter als das Museumsspiel ist eine Auftragsproduktion der HP Labs: UXB steht für "unexploded bomb". Aufgabe ist die Entschärfung von Bomben. Es ist eine Kombination aus Minesweeper-, Mastermind- und Hangman-Logik. Anders als das Tower-Spiel ist es nicht an einen Ort gebunden, es ist "portable". Am Anfang des Spiels sucht man sich einen beliebigen Ort - ob im Park oder auf dem Marktplatz. Dann per Knopfdruck den Mittelpunkt des Spielfelds und nach einigen Schritten die äußere Grenze des Spielfelds festlegen. Jetzt geht die Bombensuche los. Wer beim Ablaufen des Geländes einer Bombe nahekommt, hört ein Warnsignal und der Countdown startet. Nun muss eine Farbcode- oder Wortkombination entschlüsselt werden. Wer das nicht rechtzeitig schafft, explodiert - und muss von vorne anfangen.

"Mscapers.com wird nicht kostenpflichtig, nicht die Community, nicht die Software, nicht der Player", beteuert Vanessa Bellaar Spruijt, die das "Fest" organisiert hat. Denn der Kern der Community ist, dass HP Labs als "kooperatives Projekt" ein kostenloses Autorensystem ständig weiterentwickelt, mit dem jeder seine eigenen "mediascapes" für Taschencomputer mit internem oder externem GPS-Empfänger entwickeln kann. Wer mit Bildern, Audio- und Video-Files umgehen kann, Englisch versteht und noch ein wenig Programmieren à la Javascript lernen oder den Code in der Community "klauen" mag, bekommt hier ein feines Tool für die selbstgebastelte Audio-Tour oder die nächste GPS-Schatzsuche für den Kindergeburtstag im großen Garten. Um den Einstieg für "Programmier-Dummies" leicht zu machen, werden ständig neue Hilfsprogramme vom HP-Team entwickelt und online gestellt.

Bislang laufen die mediascapes auf allen PDAs mit Windows Mobile, weitere Betriebssysteme sollen folgen. Für 2008 haben sich die Forscher viel vorgenommen: Online-Verbindungen, Messaging für die Spieler, Multiuser-Gaming sowie die Nutzung von Kameras und die Verwendung von mediascapes mit Navigationsgeräten. Im März soll eine weitere mediascape-Auftragsproduktion fertig sein: eine Variante der Geocaching genannten Schatzsuche per GPS, die überall auf der Welt funktionieren soll.

Im Web www.mscapers.com: Community-Website mit Informationen und Software zum Erstellen von Mediascapes

Von Andreas Bock
 
 
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